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Zu Hause unbehaust

Doppeltes Debüt: Kathrin Groß-Striffler beobachtet Menschen auf dem Lande
Von Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 41/2003

Manch einer verliert den Boden unter den Füßen, weil er zu sehr an ihm klebt. Ein anderer klebt eher zu wenig, träumt von weiter Welt und ewiger Grenzüberschreitung, landet am Ende aber in einem Pferdestall. Und ist froh, dass, während er ihn ausmistet, in der Nähe ein Vogel piept.

Über beide Varianten der Selbstsuche und Selbstverfehlung hat Kathrin Groß-Striffler, 48, Romane geschrieben - zwei Romane, die zusammengehören wie die Sehnsucht nach Bindung und die Sehnsucht nach Freiheit. Und so fügt es sich gut, dass diese Romane ähnliche Titel haben - »Die Hütte« und »Das Gut« - und gleichzeitig erscheinen, wenn auch in konkurrierenden Verlagen.

»Die Hütte« erzählt die Geschichte der deutschen Studentin Johanna, die als Stipendiatin in die USA reist und auf der Suche nach einer »neuen Haut« an einen neurotischen Pedanten gerät, der sie so lange schlägt und psychisch drangsaliert, bis sie auf ein entlegenes Süd- staaten-Landgut flieht. Dort pflegt sie die Rösser einer schrulligen alten Lady und gewinnt im kleinen Glück ein wenig Selbstsicherheit.

Auch »Das Gut« spielt auf dem Land, allerdings im deutschen Norden und von Anfang an: Torsten, der entscheidungsschwache Sohn eines Schuhhändlers, ein Mensch, der die Dinge lieber betrachtet als formt, heiratet eine schöne Hoferbin. Und scheitert, weil er zu zäh am Althergebrachten hängt, ebenso als Liebender wie als Modernisierer der Landwirtschaft.

Torsten ist ein Naturschwärmer wie Johanna - beiden schreibt die Autorin sensibel beobachtete Landschaftsstimmungen und Tierszenen zu. Wenn Johanna denkt, »dass im Grunde nichts besser sei, als sich dem Leben zu verschließen«, kann Torsten ihr nur zustimmen - ein schweigsamer Mann, der bei den Jagdfesten auf dem Hof unauffindbar ist, der sich hinter Büschen versteckt, um zu weinen.

Johannas Vater, ein Fabrikant, nimmt sich das Leben, woraufhin Mutter und Tochter verarmen. Torstens Mutter, die sich schon mal von der »Majestät« flügelschlagender Schwäne »überwältigen« lässt, wird wahnsinnig, aber Torsten verarmt (seelisch) im Reichtum.

Die Ähnlichkeit der Leiden und Freuden, das gemeinsame Thema - wo hat der unbehauste Mensch »ein Zuhause«? - und der getragene, angenehm altmodische Duktus der Sprache ("geschäftiges Gebaren") rücken beide Romane nah aneinander. Umso bemerkenswerter der Unterschied: »Das Gut«, der Erstling, spricht mit verteilten Rollen und erzählt die komplexere Geschichte; das Problem der Selbstsuche ist eingebettet in ein farbiges, figurenreiches Familienpanorama, in dem der Leser umherwandern kann. »Die Hütte« beschreibt die Außenwelt als vibrierende Innenwelt einer ängstlichen jungen Frau, ist perspektivisch eng geführt und erinnert phasenweise an einen filmischen Psycho-Thriller.

Für eine Textprobe aus der »Hütte« erhielt die in Würzburg geborene Groß-Striffler im Frühjahr den von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis. Dennoch ist »Das Gut« das bessere Buch.

MATHIAS SCHREIBER

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