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Zu neuen Höhen

aus DER SPIEGEL 12/1964

Dies ist der letzte und großartigste aller Türme«, sagte Amerikas Nationalpoet Francis Scott Fitzgerald, als er vom obersten Stockwerk des Empire State Building über die Straßenschluchten New Yorks blickte. Am ersten Mai 1931 war der 381 Meter hohe Betonkoloß im Herzen Manhattans eingeweiht worden. Das »achte und einzige moderne Weltwunder« hatten Besucher ihn genannt. Doch jetzt, ein halbes Menschenalter später, machen sich Architekten und Techniker daran, das Wunder zu übertrumpfen.

Noch in diesem Jahrzehnt sollen zwei Wolkenkratzertürme in die New Yorker Skyline hinaufwachsen, die das bislang höchste Bauwerk der Welt, das Empire State Building, abermals um die Höhe eines zehnstöckigen Hochhauses überragen: An der Südwestspitze Manhattans, nur einen Steinwurf von der Stelle entfernt, an der vor 350 Jahren das erste feste Haus auf der Insel gebaut wurde, will die New Yorker Hafenbehörde nach den Plänen des Star-Architekten Minoru Yamasaki, eines Amerikaners japanischer Abstammung, ein »Welthandelszentrum« ("World Trade Center") errichten. Seine stählernen Zwillingstürme sollen 413 Meter hoch in den Himmel ragen - fast so hoch, als würde der Pariser Eiffelturm auf die Spitze der ägyptischen Cheopspyramide gestellt.

Nicht nur die Höhe des Bauwerks bricht Rekorde:

▷ 50 000 Angestellte, doppelt so viele wie im Empire State Building, werden in seinen 110 Stockwerken Arbeitsplätze finden - das entspricht der Einwohnerzahl einer mittleren Provinzstadt wie Aschaffenburg;

▷ 80 000 Besucher - so viele, wie Göttingen Einwohner hat - werden an jedem Werktag in den Bürotürmen ein und aus gehen;

▷ der Aufwand an elektrischer Energie - 60 000 Kilowattstunden würde genügen, eine Großstadt wie Wuppertal mit Licht zu versorgen;

▷ die Leistungsfähigkeit der Klimaanlage würde für alle Kühlschränke einer Millionenstadt wie München reichen.

Nahezu eine Million Quadratmeter Bürofläche sollen die beiden Stahltürme umschließen - ein Areal, etwa zehnmal so groß wie die Rasenfläche des Berliner Olympiastadions. Ein eigenes Hotel, drei U-Bahn-Stationen, ein Bahnhof für die Trans-Hudson-Linie nach New Jersey (Tageskapazität 200 000 Passagiere) und Parkraum für 1600 Autos sollen die Anlage ergänzen.

Das gigantische Bauwerk, das »New Yorks hinreißendes romantisches Symbol, den Wolkenkratzer, buchstäblich zu neuen Höhen emportragen wird« ("New York Times"), soll rund 1,4 Milliarden Mark kosten - soviel wie eine ganze Stadt mit 14 000 Einfamilienhäusern. Dicht an dicht aufstrebende Stahlstützen sind auffallendstes Merkmal der beiden über quadratischem Grundriß aufgerichteten Baukörper, deren kubische Stahlgrill-Fassade einem Entwurf aus dem Design-Studio der Radiofirma Braun ähnelt. Architektonischen Zierat entfaltet Architekt Yamasaki nur in den labyrinthartigen Hallen und Höfen und in den mehrstöckigen Arkaden am Fuß der beiden Wolkenkratzertürme.

»Das erste Gebäude des 21. Jahrhunderts« nannte Yamasaki seinen Entwurf. Und in der Tat eröffnet das Bauwerk eine neue Epoche in der stürmischen und problemreichen Geschichte der Wolkenkratzer.

Im Großfeuer von Chicago, im Oktober 1871, hatte sie ihren Anfang genommen. Unmittelbar nach dem Brand, der einhunderttausend Chicagoer Bürger obdachlos gemacht und Gebäude im Wert von 800 Millionen Goldmark verschlungen hatte, begann eine fieberhafte Bautätigkeit. Wie in fast allen amerikanischen Großstädten wollten die bedeutenden Wirtschaftsunternehmen, beispielsweise Banken und Warenhäuser, möglichst im Stadtzentrum bauen. Grundstücksspekulanten trieben in der City die Bodenpreise in die Höhe. Und um den teuer bezahlten Boden möglichst wirtschaftlich zu nutzen, wurden immer höhere Bürohäuser aufgerichtet.

Doch je mehr Geschosse die Architekten aufeinandertürmten, um so stärker mußten - bei der bis dahin üblichen Steinbauweise - die tragenden Grundmauern werden. Wertvoller Raum ging verloren, die Wirtschaftlichkeit der Gebäude sank. Das 16stöckige Monadnock-Bürohaus in Chicago beispielsweise hatte im Erdgeschoß fast zwei Meter dicke Wände.

Der Himmel stand den Architekten erst offen, nachdem 1885 der Chicagoer Architekt William Le Baron Jenney das erste Hochhaus gebaut hatte, bei dem die Ziegel nur noch Füllwerk in einem sich selbst tragenden Käfig aus Stahlträgern waren. Dieses neuartige Prinzip des Stahlskelettbaus wurde ergänzt durch eine Reihe technischer Entwicklungen, die gleichfalls gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfügbar waren:

▷ Der Amerikaner Elisha Otis ersann den ersten absturzsicheren Fahrstuhl;

▷ der Franzose Joseph Monier erfand den feuerfesten Stahlbeton;

▷ der amerikanische Allround-Erfinder Thomas Edison entwickelte das erste elektrische Beleuchtungsnetz.

Ein Jahrzehnt nach dem ersten Stahlskelettbau Le Baron Jenneys beherrschten Hochhäuser bereits die Silhouette der - amerikanischen Großstädte. Im Jahre 1899 gab es in New York schon 29 Gebäude mit einer Höhe von 55 bis 118 Metern. Und 16 Hochhäuser (58 bis 91 Meter) standen um die Jahrhundertwende in Chicago, wo mit den -bahnbrechenden Entwürfen der Architekten Louis Sullivan und Dankmar Adler ("Schule von Chicago") die Hochhaus-Ära begonnen hatte.

Bereits zehn Jahre später - 1910 - entstand der 60stöckige »Woolworth-Tower«, der bis Ende der zwanziger Jahre den Höhenweltrekord hielt. Damals, in Amerikas hektischer Gründerzeit, begann auf Manhattan ein Wolkenkratzer-Boom ohnegleichen. Die New Yorker Grundstücksspekulanten waren, nach einem Schlagwort der zwanziger Jahre, entschlossen, »dem Himmel Dollars abzupressen«.

Die Architekten überboten einander in eifersüchtigem Wettbewerb. Mehrere Mammut-Bauwerke wuchsen um 1930 fast gleichzeitig in die Höhe: Am höchsten sollte Wallstreet Nummer 40 in den Himmel ragen: 283 Meter. Doch die Architekten des Chrysler Building hatten heimlich eine Stahlturmspitze vorbereitet - sie erreichten 320 Meter Höhe. Aber beide Rekordbauten wurden wenig später vom Empire State Building übertroffen: 381 Meter.

Einen ähnlichen Bau-Boom erlebten die New Yorker erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Innerhalb von 15 Jahren entstanden seit 1948 auf Manhattan 150 Büro-Hochhäuser und Wolkenkratzer mit insgesamt fünf Millionen Quadratmeter Bürofläche. Die »bürokratische Revolution« sei im Gefolge der Automation über Amerika hereingebrochen, erläuterte der amerikanische Schriftsteller Alexander Eliot den buchstäblich in die Höhe schnellenden Bedarf an Büroraum: »Pflugschar, Pickel und Werkbank sind nicht mehr Amerikas Werkzeug Nummer eins. Schreibmaschine und Telephon haben sie abgelöst... New Yorks größte Industrie sitzt hinterm Schreibtisch.«

Anstelle der vielfach gestaffelten, einer Hochzeitstorte ähnlichen Steintürme der ersten Wolkenkratzergeneration wuchsen nun »durchsichtige Baugespinste von großer und eleganter Schönheit« (so der Berliner Feuilletonist Friedrich Luft) in den Himmel über Manhattan: das Uno-Sekretariat (39 Stockwerke), das Lever House (21 Stockwerke) und Mies van der Rohes Seagram Building (38 Stockwerke) - rechteckige Körper aus Glas und Aluminium, deren Lichter nachts weithin über New Yorks City strahlen.

Freilich, auch die Nachkriegs-Architekten sahen sich einem Problem des Wolkenkratzerbaus gegenüber, das schon ihre Vorgänger in den dreißiger Jahren nicht hatten lösen können: Sehr bald hatte sich herausgestellt, daß auch bei Stahlskelett-Hochhäusern die Wirtschaftlichkeit begrenzt ist.

Die poetische Vision, die der Dichter John Dos Passos in seinem Roman »Manhattan Transfer« beschwor - »Pyramide auf Pyramide, wie die weiße Wolkenkappe über dem Gewitter« -, hatte eine ernüchternde Kehrseite: Je höher, desto teurer.

Mit der Höhe wuchsen nicht nur die Baukosten; der Raumbedarf für Wasser-, Licht- und Luftversorgung der hochgelegenen Stockwerke und für Fahrstuhlschächte engte den Nutzraum in den tiefer gelegenen Etagen beträchtlich ein: Im Durchschnitt konnten bei Wolkenkratzern nur etwa 75 Prozent des umbauten Raumes als nutzbare Bürofläche vermietet werden; der Rest blieb den Versorgungstrakten vorbehalten.

In einer »technischen Tour de Force«, wie es die Auftraggeber des neuen Welthandelszentrums nannten, löste der Japan-Amerikaner Yamasaki das Problem auf ebenso verblüffende wie simple Weise. Ähnlich wie beim Überlandverkehr der Eisenbahn, bei dem D-Züge die großen Entfernungen zwischen den Knotenpunkten überwinden und langsamere Personenzüge den Nahverkehr übernehmen, erdachte Yamasaki für seine Wolkenkratzer ein Fahrstuhl-System mit Umsteigebahnhöfen ("Skylobbies").

Insgesamt 23 Expreßfahrstühle bringen die Angestellten und Besucher mit einer Geschwindigkeit von rund neun Metern je Sekunde ohne Zwischenaufenthalt zu den Skylobbies im 41. oder 74. Stockwerk. Weitere 72 Nahverkehrs-Aufzüge ("Locals") pendeln zwischen diesen Knotenpunkten und den einzelnen Stockwerken. Um die 50 000 Angestellten morgens und abends reibungslos ein- und auszuschleusen, werden freilich die einzelnen Firmen und Behörden - wie in allen Wolkenkratzern - Arbeitsbeginn und -schluß im Fünf-Minuten-Abstand staffeln müssen.

Noch durch eine zweite grundlegende Neuerung suchte Yamasaki ("Wir haben einfach angenommen, daß zuvor in Hochhäusern alles falsch gemacht wurde") den Anteil an nutzbarem Raum zu vergrößern. Während bei herkömmlichen Hochhausbauten ein weitverzweigtes Stahlskelett im Innern des Baukörpers Geschoßdecken und Fassaden trägt, sollen Yamasakis Türme lediglich von den stählernen Säulen der Außenhaut getragen werden. Erfolg der neuartigen Bauweise und des ausgeklügelten Liftsystems: Der umbaute Raum der beiden Wolkenkratzer am Hudson-River kann zu 87 Prozent genutzt werden - 12 Prozent mehr als bei herkömmlichen Hochbauten.

Was die Erbauer als den bedeutsamsten technischen Fortschritt des neuen Wolkenkratzerprojekts werten, ist freilich zugleich Hauptangriffspunkt für die Gegner des Planes. Schon einmal - während der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren - hatten die Wolkenkratzer teilweise leergestanden; die New Yorker nannten das Empire State Building »Empty State Building«.

Diese Situation könnte sich wiederholen: Da gegenwärtig schon rund fünf Prozent des in New York verfügbaren Büroraums vakant sind, befürchten Manhattans Grundstücksmakler »eine Katastrophe für den Immobilienmarkt«, wenn das World Trade Center wie geplant zwischen 1968 und 1970 bezugsfertig sein wird.

Innerhalb von zwei Jahren würde dann der Büroraum in Manhattan um rund ein Zehntel vermehrt werden.

Einige Gegner des Projekts wichen freilich auch auf ästhetische Argumente aus. In einem Leitartikel fragte die New Yorker »Daily News": »Müssen derartige Gebäude wirklich so häßliche kastenähnliche Dinger sein?«

Seit Jahren an die leicht und durchsichtig wirkenden Glas- und Keramikfronten herkömmlicher Hochhäuser gewohnt, nahmen die Kritiker besonders an den eher massiv wirkenden Fassaden des Yamasaki-Entwurfs Anstoß: Die tragenden Stahlsäulen, die das Bild der Fassade prägen, stehen so dicht, daß die Fenster dazwischen nur wenig mehr als einen halben Meter breit sind.

Doch der eigenwillige Architekt sieht gerade darin einen besonderen Vorzug, der seiner Ansicht nach vor allem den späteren Insassen der Metallkäfige am Hudson zugute kommen soll. Yamasaki: »Wenn die Fenster nicht breiter sind als ihre Schultern, fürchten sich die Leute nicht mehr vor der Höhe.«

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