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TELSTAR Zu schnell gereist

aus DER SPIEGEL 32/1962

Das Kostüm -- bläßlich weiß, der Rock nach neuester Mode bis über die Knie, die Jacke mit Luchskragen verbrämt - hatte sich der Pariser Couturier Pierre Balmain für Damen ausgedacht, die im kommenden Winter auf Reisen gehen. Das Modell, ganz aus Breitschwanz, dem Fell frühgeborener Lämmer, genäht und deshalb nicht

eben billig - Balmain: »Preise nenne ich nie, aber es ist sehr, sehr teuer« - wiegt nur 450 Gramm.

Eisenbahnzügen, die derart ausgerüstete Damen benutzen mögen, sinnierte der »Figaro« nach: »Es kommt wohl darauf an, woher sie kommen und wohin sie führen.« Bevor aber noch irgendein Luxuszug Balmains 450 -Gramm-Kostüm befördern konnte, war es bereits in den Wohnstuben von Millionen Amerikanern angekommen. Das Modell hieß »Telstar« und hatte sich folgerichtig - gemeinsam mit drei weiteren Balmain-Roben und drei Roben aus dem Hause Christian Dior - bei der schnellen Reise von Paris über den Ozean des Vehikels Telstar bedient.

Von der Ankunft der sieben neuen Kleider in der Neuen Welt wußte allerdings niemand Gutes zu berichten. Über die Bildschirme geisterten nur trübe und gewiß nicht als bekleidete Damen zu identifizierende Schatten. Hingegen löste die Sendung an der Seine, wo sie nicht einmal als Schatten, nämlich überhaupt nicht zu sehen gewesen war, eine Wirkung aus, die dem »France-Soir« und anderen Zeitungen eine Revolution zu sein schien.

Denn Telstar, das neueste Instrument einer nicht mehr allzu neuen Technik, hatte in wenigen nächtlichen Sekunden einen Schutzwall eingerissen, den das Pariser Modesyndikat, die Interessengemeinschaft der maßgeblichen Pariser Schneider, im Jahre 1868 aufrichtete und seitdem mit drakonischen Strafandrohungen verteidigt. Der Kunstmond hatte im hohen Bogen die Sperrfrist überflogen, die alle Schöpfungen der Pariser Haute Couture schützen soll: Erst ungefähr vier Wochen nach ihrem Debut dürfen sie im Bilde gezeigt werden. In diesem Jahr läuft die Sperrfrist bis zum 28. August.

Alle Zeichner und Photographen unter den 600 Journalisten, die alljährlich zweimal nach Paris reisen und im Modetheater ihren Stammplatz an der Rampe

einnehmen, müssen mit ihren Publikationen vier Wochen warten: Die Sperrfrist soll verhindern, - daß geschickte Leute nach den Photos kostenlos die neuen Modelinien kopieren, bevor die Konfektionäre, die für das Kopierrecht 1000 bis 4500 Mark je Modell bezahlen müssen, Zeit gehabt haben, ihre Kopien oder deren bescheidenere Konfektions-Variationen auf den Markt zu bringen.

In diesem Jahr aber war die Sperrfrist nicht von Spionen oder ungeduldigen Fernsehleuten gebrochen worden, sondern von zwei jener Couturiers, in deren Geschäftsinteresse sie erfunden ist: von den Häusern Christian Dior und Pierre Balmain.

Der beschuldigte Balmain verteidigte sich: »Der Telstar Ist zu revolutionär. Ich konnte einfach nicht widerstehen.« Er verwahrte sich nur gegen den Verdacht, für die Sendung an die amerikanischen Fernsehgesellschaften auch noch über 7000 Mark bezahlt zu haben, zumal »ich, wie jedermann weiß, aus Savoyen bin und auf jeden Pfennig achte«.

Das Haus Dior hatte sogar seine Geheimnisse - darunter einen Mantel, den es für »winterliche Kreuzfahrten« empfiehlt - dem Weltraum anvertraut, noch ehe es sie in seinen mausgrauen Salons der Avenue Montaigne überhaupt vorgezeigt hatte, und wollte hinterher darin »einen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt« sehen. »Der Wissenschaft dienen, darauf bin ich auch ganz wild!«, mokierte sich Iris Ashley, die Modekommentatorin der »Daily Mail«.

Zwar war, was von diesem Beitrag zum Fortschritt in den Vereinigten Staaten ankam, so gut wie nicht zu erkennen und ganz gewiß nicht zu kopieren. Aber die 94jährige Tradition war gebrochen, und als eine der ersten kroch die »New York Herald Tribune« durch das Loch, das Telstar in den Sperrfrist-Zaun gerissen hatte. Sie schmückte ihre Modeberichte mit großen, deutlichen Skizzen aus. Fortan setzten auch andere Zeitungen ihre Leser über die Pariser Neuheiten, über ondulierte Vogelfeder-Halskrausen, Capes ohne Ärmelschlitze und über die täglichen Zentimetergewinne in der Rocksaum-Schlacht (Endergebnis: zwei Zentimeter unter dem Knie) ins Bild.

Derart überrumpelt, mußte das Modesyndikat resignieren. »Ich glaube«, klagte Syndikatspräsident Robert Ricci, »wir müssen jetzt selber erlauben, daß Artikel mit Skizzen ergänzt werden

- wenigstens in dieser Saison.« Nur um

eine Vergünstigung bat er: »Aber keine Photos, bitte.«

Das Haus Dior, das seinerseits dem Fortschritt der Wissenschaft hatte dienen wollen, verschickte nun, nachdem es seinen Beitrag geleistet hatte, kleine Briefe mit der Bitte, »die wundervolle Errungenschaft Telstar« doch nicht zu »mißbrauchen": »Wir zählen auf Sie alle. Der Veröffentlichungstag bleibt der 28. August.«

Doch Eugenia Sheppard, Modeberichterin der »New York Herald Tribune«, blickt schon zuversichtlich auf die nächste Saison: »Ob das Modesyndikat den Sperrfrist-Damm je wieder flicken kann, bleibt abzuwarten »

Balmain-Modell"Telstar« über Telstar-Brücke auf amerikanischem Bildschirm: Dior diente...

Balmain-Modell »Telstar«

... dem wissenschaftlichen Fortschritt

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