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BÜCHER Zuflucht In Wörtern

Hermann Gail: »Gitter«. S. Fischer; 232 Seiten; 18 Mark.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Ein Mann sitzt seit zehn Jahren im Gefängnis, um eine Tat zu sühnen, an die er sich kaum noch entsinnen kann. Nach zehn Haftjahren ist alles, was einst für ihn Bedeutung hatte, bis zur Unwirklichkeit unwichtig geworden. Er will jetzt nur noch überleben.

Der Mann (inzwischen ist er aus der Haft entlassen worden) heißt Hermann Gail, 32, ist Österreicher und hat im Gefängnis zu schreiben begonnen: Lyrik, Kurzprosa, Hörspiele. Seine Haftaufzeichnungen »Gitter« spielen auf merkwürdige Art mit der Form des Romans.

»Meine Phantasie ist das einzige, was mich am Leben hält«, sagt der Gefangene Nummer 10 656, der dabei ist, ein Buch zu schreiben. Die Feststellung dürfte auch für den Autor Gail gelten. So erfand er, ein Gefangener, der ein Buch über das Leben im Gefängnis schreibt, einen Gefangenen, der ein Buch über das Leben im Gefängnis schreibt. Autor und Figur sind nicht etwa identisch, aber sie neigen beide dazu, ihrer Identität verlustig zu gehen. »Ich heiße Francois«, behauptet jemand, von dem es schon nicht mehr klar ist, ob es sich um Gail oder um 10 656 handelt, mit Anspielung auf Villon. Auch Werther behauptet er zu sein und Raskolnikow.

Offenbar haben in solchen Bildungstrümmern die Bücher der Gefängnisbibliothek ihre Spuren hinterlassen. Die Phantasie des von der Außenwelt Isolierten bemächtigt sich ihrer Gestalten und Probleme und wendet sie auf das eigene Leben an, das diesen Namen kaum noch verdient.

Hermann Gail ist kein Literat. Aber er hat das Schreiben gleichsam für sich neu erfunden als seine Möglichkeit. mit seinen Lebensbedingungen fertig zu werden: »Die Welt der Wörter wurde meine Zufluchtsstätte.« Und es gilt, was der Verfasser gegen Schluß seiner Aufzeichnungen notiert hat: »Man soll nicht alles künstlerischen Werturteilen unterziehen.«

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