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Zukunft: Nach dem Schock neue Hoffnung

»Gelenktes Wachstum« heißt die neue Zauberformel der Zukunftsforscher: Wenn die Regierungen stärker als bisher steuern und die multinationalen Konzerne an die Leine nehmen, könnte die Menschheit noch einmal davonkommen, könnten globale Katastrophen vermieden werden, die noch vor Jahren unausbleiblich schienen.
aus DER SPIEGEL 22/1976

In Zeiten der Unsicherheit«, hieß es jüngst in einem »Time«-Essay über Zukunftsforschung, »sind die Menschen so gierig nach Vorhersagen wie nach Brot in einer Hungersnot.« Einige Brocken haben die selbsternannten Propheten dieses Jahrhunderts den Darbenden nun wieder hingeworfen.

Stiller war es geworden um die Orakel aus den Rechenmaschinen, spätestens seit 1973 der Erdölschock die optimistischen Wachstumskurven knicken ließ. Die Zunft der Zukunftsforscher geriet in Mißkredit.

Jetzt aber, gleichsam nach einer Schamfrist. versuchen die Futurologen ein Come-back:

* Herman Kahn, Direktor des Hudson Institute und unerschütterlicher Optimist, veröffentlichte eine neue Zukunftsstudie. Titel: »The Next 200 Years«. Fazit: Im Jahre 2176 werde sich die Weltbevölkerung bei 15 Milliarden Köpfen eingependelt haben und im Wohlstand leben, mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 50 000 Mark.

* Kahn-Mitarbeiter Edmund Stillman prophezeite, in einer Auftragsstudie für eine französische Privatbank, den Franzosen eine besonders rosige Zukunft: Schon bald nach 198(1 werde Frankreich mit Warenproduktion und Dienstleistungen die Bundesrepublik überrunden und »Nr. 1 in Europa« werden.

* Zu einer neuen, im Vergleich zu früher weniger pessimistischen Weltsicht gelangte jetzt der »Club of Rome«, der 1972 die »Grenzen des Wachstums« postuliert und damit heftige Kritik geerntet hatte. Neues Schlagwort des »Club of Rome": »Organisches Wachstum«. Optimistisches Motto der jüngsten »Club«-Tagung in Philadelphia: »Neues Horizonte für die Menschheit«.

* In einer zehnteiligen Serie untersuchte die Redaktion des Wirtschaftsblattes »Wall Street Journal«. welche der vor zehn Jahren aufgestellten Prognosen eingetroffen, welche zu berichtigen sind. Serien-Titel: »Die revidierte Zukunft«

Der größte Irrtum' stellten die »Wall Street Journal«-Rechercheure fest. ist den Zukunftsforschern bei den Hochrechnungen über das Bevölkerungswachstum unterlaufen, Einerseits hat sich die Weltbevölkerung durch explosionsartigen Zuwachs und sinkende Sterbeziffern in den Entwicklungsländern insgesamt stärker vermehrt, als vor zehn Jahren angenommen. innerhalb der USA aber ist der Trend umgekehrt: Schon jetzt gibt es zwölf Millionen Einwohner weniger, als für 1975 vorausgeschätzt worden war.

Ausgeträumt, so resümiert das New Yorker Wirtschaftsblatt, seien die [räume von unbegrenzt verfügbarer Energie. vom billigen Atomstrom. von der Verfünffachung der Ernteerträge und dem endgültigen Sieg über Krebs und Arteriosklerose bis zur Jahrtausend wende.

Die »revidierte Zukunft": Nahrungsmittel werden, die Geldentwertung nicht eingerechnet, uni das Jahr 2000 dreimal so teuer sein wie gegenwärtig; die automatischen Highways werden nicht gebaut. allenfalls Autos mit besserer Treibstoffausnutzung entwickelt sein, und auch die Superjumbos mit 1000 Sitzplätzen werden nicht schon Ende der siebziger, sondern frühestens für die neunziger Jahre erwartet.

Revidiert wurde auch in Philadelphia. »Hat der »Club of Rome' öffentlich abgeschworen?« fragte das Nachrichtenmagazin »Newsweek« angesichts der neuen Zukunftsthesen beim »Club«-Treffen im letzten Monat.

Der »Club of Rome«, ein loser Zusammenschluß von etwa 100 Wirtschaftlern und Gelehrten aus verschiedenen Ländern, galt bisher als entschiedenster Warner vor zu optimistischer Zukonftssehau. Wenn die gegenwärtigen Wachstumstrends beibehalten würden, so die vielumstrittene »Club«-These von 1972, würden unweigerlich »irgendwann innerhalb der nächsten 100 Jahre die Grenzen des Wachstums auf diesem Planeten erreicht sein«.

Aurelio Peccei, Gründer des »Club of Rome« und ehemals Generaldirektor bei Olivetti, bestritt nun in Philadelphia, daß die Mitglieder des »Clubs« »als Advokaten des Nullwachstums« hätten gelten wollen. Der Beitrag »Grenzen des Wachstums« -- inzwischen verkaufte Auflage: mehr als zwei Millionen Exemplare -- sei nur »als Schock« gemeint gewesen, als Mittel, »die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Probleme zu lenken«. Peccei: »Natürlich wissen wir, daß Nullwachstum weder möglich noch erwünscht ist.«

Nach den modifizierten Weltmodellen, wie sie etwa von dem Hannoveraner TU-Professor Eduard Pestel und seinem amerikanischen Kollegen Mihailo Mesaroviv entwickelt wurden, geht es nun um gelenktes Wachstum. »Wichtig ist«, erläuterte Professor Ervin Laszlo vom United Nations Institute for Training and Research' »in welcher Weise sich Wachstum vollzieht: mit welchen Technologien und in welchen Sparten der Wirtschaft«.

Strukturen für eine neue Weltwirtschaftsordnung sollen in einer vom »Club of Rome« in Auftrag gegebenen Studie aufgezeigt werden, die der holländische Nationalökonom und Nobelpreisträger Jan Tinbergen zusammen mit 20 Experten bis zum Herbst dieses Jahres fertigstellen soll. Erste Umrisse wurden in Philadelphia deutlich: Größere Währungsreserven zur beschleunigten Finanzierung

von Entwicklungsvorhaben in der Dritten Welt, stärkere Kontrolle der multinationalen Konzerne und eine weltweite Koordination der Energieforschung.

Der freie Markt, dabei bleiben die »Club of Rome«-Forscher, ist als alleiniges Regulativ für den Menschheitsfortschritt untauglich -- seine Ausgleichsfunktion wirkt nur kurzfristig, und »marktwirtschaftliche Entscheidungen könnten sich als zu extravagant erweisen für einen Planeten mit begrenzten Ressourcen«, wie der US-Manager John R. Bunting, Gastgeber in Philadelphia, formulierte. Buntings Beispiel: Während der Energiekrise seien Amerikas Käufer kurzfristig zu kleineren Autos umgeschwenkt, nun würde der US-Markt wieder nach großen Autos verlangen, »und das dürfte eigentlich nicht erlaubt sein

Ein wahres Wachstumsparadies propagiert demgegenüber -- »in geradezu unmoderner Weise optimistisch«, wie die »New York Times« schrieb -- Herman Kahn in seinem neuen Prognosewerk: Die Autos können, wenn es nach ihm ginge, gar nicht groß genug sein. Schon das nächste Jahrzehnt, meinte Kahn bei der Vorstellung seines Buches Anfang dieses Monats, werde das ökonomische Wachstum auf beispiellose Höhen treiben -- gleichzeitig mit einem »dramatischen Absinken« der Bevölkerung und einem »Überfluß an Rohstoffen«.

Absurd mutet Kahns Credo an, was die Entwicklungsländer angeht: Je größer die Kluft zwischen Arm und Reich, meint Kahn, um so stärker der Anreiz für die Entwicklungsländer, durch Import von Technologie und Export von Arbeitskraft ihr Wachstum zu beschleunigen.

Alle Prognosen, erläuterte Kahn, stimmten freilich nur unter der Annahme, daß es gelinge, »die Inflation unter Kontrolle zu bringen«. Mit demselben Rückversicherungstrick versah Kahn-Mitarbeiter Stillman seine kaum minder euphorische Frankreich-Studie. Die schmeichelhafte Prognose, daß Frankreich die Bundesrepublik »noch weit früher als 1985 überholen« werde, bezieht sich zudem überwiegend auf Kann-Leistungen: Die Franzosen seien schon heute »in der Lage«, ebenso viele oder mehr Autos als die Bundesrepublik und ebensoviel Stahl und doppelt soviel Zement wie Großbritannien zu produzieren.

»Hat die Zukunftsforschung noch Zukunft?« hieß die Titelfrage des einschlägigen, letzte Woche veröffentlichten »Time«-Essays. Antwort: »Die Menschheit kann auf Prophezeiungen so wenig verzichten wie aufs Atmen.«

Freilich, auf Kahn wie seinen Mitarbeiter Stillman, aber auch auf die Futurologen vom »Club of Rome« könnte das Motto passen, das »Time«-Autor Stefan Kanfer seinem Beitrag voranstellte: Prophetie sei, nach einer Formulierung des amerikanischen Satirikers Ambrose Bierce, »die Kunst, die eigene Glaubwürdigkeit zu verkaufen -- gegen bar Kasse, aber mit späterer Lieferung«.

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