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Am Rande Zukunftsmarkt Skalpell-TV

aus DER SPIEGEL 5/1999

»Ich schau' dir in den Magen, Kleines«, gurrt der coole Oberarzt, während ihm die blonde OP-Mieze den Laser reicht und voll Ehrfurcht »Die Macht sei mit dir« haucht. »Same procedure as every day«, antwortet er lakonisch, doch nach ein paar Schnitten weiß er es besser. Die Patientin ist kein Fall fürs Messer, sondern für letzte Worte: »Hasta la vista, Baby«, knurrt er, sauer, daß sie ihm die Heldenrolle versaut hat.

Zugegeben, alles nur geträumt: Ganz so filmreif war das noch nicht, was vergangenen Mittwoch aus dem großen OP-Saal der Hautklinik Stuttgart-Bad Cannstatt übers Internet in alle Welt gesendet wurde. Zähes Drehbuch, lateinische Untertitel ("Crosse magna, Perforansvenen-Dissektion"), Hauptdarsteller vermummt. Aber es war ja auch gerade mal die erste deutsche Internet-Live-Schaltung aus der Vollnarkose, da gilt es, die Pioniertat zu loben, statt handwerkliche Mängel zu rügen. Denn das Genre hat Zukunft. Wenn die Chirurgen erst mal Stirnkameras tragen und die Regieautomatik zur Skalpell-Cam umschaltet, kann sich das Fernsehen auf harte Konkurrenz gefaßt machen: Im Kinderprogramm steht dann gegen den anämischen Zeichentrick die kleine Mandeloperation (echt mit Blut, aber ganz harmlos). Nachmittags gibt es Haushaltsunfälle, da darf es dann schon mal ein Fraktürchen mehr sein, und zur Prime-Time, gegen den »Tatort«, ein OP-Thriller mit fairer Exitus-Chance. Das Ganze mit straffgebauten Halbgöttern an den Instrumenten und flinken Damen im Schwesternkittel. Höhepunkt des Abends: die Late Night Show mit Wunschoperation, zur Premiere bitte Susan Stahnke bei der Brustvergrößerung für den »Playboy«. Wetten, daß die Tagesschau dann uralt aussieht?

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