Zum Tod von Ruth Bader Ginsburg Feministische Ikone der Millennials

Ob auf T-Shirts oder in sozialen Netzwerken - noch im hohen Alter war Ruth Bader Ginsburg ein Vorbild für die junge Generation: eine Frau, die unbeirrt für Gerechtigkeit kämpfte und deren Botschaft nachhallt.
Trauerbekundungen in Washington

Trauerbekundungen in Washington

Foto: Samuel Corum / Getty Images

"I dissent - Ich widerspreche." Mit diesen Worten wurde Ruth Bader Ginsburg spät in ihrem erfüllten Leben zur feministischen Ikone der Millennials: The notorious RBG, Ruth Badass Ginsburg, die zerbrechliche alte Dame mit den riesigen Brillengläsern und dem geklöppelten Kragen, die den Männerklub so richtig aufmischte. Ihr Widerspruch zu einer Entscheidung des Obersten Bundesgerichts, der Voting Rights Act zum Schutz diskriminierter Wähler sei nicht länger zeitgemäß, machte 2013 die damals Achtzigjährige zur Symbolfigur - eine krasse Oma, die unbeirrt für Gerechtigkeit kämpfte. Memes und GIFs zirkulierten in den sozialen Netzwerken, eine ganze Branche mit RGB-Merchandising spross, Dokus, Filme, Biografien wurden verfasst. Und die Kulturliebhaberin Ginsberg genoss ihren überraschenden Popkultur-Status, der ihre Arbeit über drei Generationen validierte.

Der scharf formulierte Dissens wurde zum Markenzeichen Ginsburgs als Oberste Bundesrichterin: Ob zu Entscheidungen wie Bush v. Gore, die im Jahr 2000 die Neuauszählung der Wahlstimmen in Florida stoppte, oder Ledbetter v. Goodyear, die 2007 die Klage einer Angestellten auf gleiche Entlohnung wegen zu viel verstrichener Zeit abwies, oder Burwell v. Hobby Lobby, die 2014 einem Familienbetrieb zugestand, Angestellten aus religiösen Gründen Versicherungsleistungen für Kontrazeptiva vorzuenthalten.

Dabei war sie eigentlich keine Abweichlerin, sondern vor allem begnadete Taktikerin, die weniger auf Konfrontation gebürstet war als auf Kommunikation. Ginsburg argumentierte 50 Jahre lang präzise und unerbittlich, dass die amerikanische Realität die Gleichstellung von Frauen vor dem Gesetz verhindere. Sie führte einer dominant männlichen juristischen Kaste nachdrücklich vor Augen, welche Auswirkungen diese Diskriminierungen auf die US-Gesellschaft haben. Und sie spielte den Ball bisweilen geschickt über Bande: Zwei ihrer Fälle vor dem Obersten Bundesgericht beklagten die finanzielle Diskriminierung von Männern.

"Ihre Arbeit gab mir zum ersten Mal das Gefühl, unter dem Schutz der amerikanischen Verfassung zu stehen."

Gloria Steinem, Ikone der amerikanischen Frauenbewegung, über Ruth Bader Ginsburg

Ginsburg habe mit ihrer Arbeit eine veränderte juristische Landschaft geschaffen, befindet der Juraprofessor Arthur Miller in der Dokumentation "RBG". Gloria Steinem, Ikone der amerikanischen Frauenbewegung in den Siebzigerjahren, sagt darin: "Ihre Arbeit gab mir zum ersten Mal das Gefühl, unter dem Schutz der amerikanischen Verfassung zu stehen."

Vielleicht kannten nicht alle ihrer jungen Fans die Details von Ginsburgs juristischem Leben, aber so viel wusste man: RBG zählte zu den originalen "nasty women", Frauen, die sich nicht an die überkommene Regel hielten, dass brave Mädchen nicht aufmuckten und schon gar keine Forderungen stellten. Und doch war sie nicht unbedingt ein Darling der Frauenbewegung in den Siebzigerjahren. Sie besaß nicht den Glamour von Gloria Steinem; sie war keine derbe Pistolera wie Betty Friedan. Dass ihre disziplinierte Gründlichkeit sie nicht eben als Revolutionärin positionierte, brachte ihr ebenso die Skepsis der Feministinnen ein wie ihre enge Freundschaft mit ihrem erzkonservativen Kollegen Antonin Scalia. Viele übersahen darüber Ginsburgs unverzichtbare Funktion als Rückgrat der Frauenbewegung: Ihren vermeintlichen Etappensiegen in spezifischen Diskriminierungsfällen lag tatsächlich eine große Weitsicht zugrunde; sie strebte ein grundsätzliches Umdenken in der amerikanischen Jurisprudenz und die fundamentale Verankerung der Gleichstellung von Frauen und Minderheiten an. Von den sechs Diskriminierungsprozessen, die sie vor dem Obersten Bundesgericht führte, gewann sie fünf.

"Kindergärtnerin" für die Männer im Supreme Court

Bevor sie 1993 durch Bill Clinton selbst an das höchste US-Gericht berufen wurde, nahm sich Ruth Bader Ginsburg dort nach eigenen Angaben als eine Art "Kindergärtnerin" wahr, weil "die Richter meinten, dass Geschlechterdiskriminierung nicht existiert". Tatsächlich war es Teil ihrer Strategie, die Männer dort abzuholen, wo sie sich befanden. Ihre Biografin Jane Sherron De Hart beschreibt, wie Ginsburg "die Richter auf einen gewünschten Spruch so hinführte, dass diese sich damit wohlfühlen konnten". Ginsburg reagierte auf Ignoranz und Herablassung nie wütend, weil ihre Mutter ihr eingebläut hatte, dass man sich damit selbst im Weg stand. Eher fand sie "Gelegenheiten zu unterrichten", wie sie sagte - was letztlich auch eine zutiefst menschliche Haltung offenbarte.

RBG kannte Diskriminierung, und sie lebte die Gleichberechtigung. Sie begann ihr Harvard-Studium, als ihre Tochter Jane gerade vierzehn Monate alt war; der Dekan forderte sie auf zu rechtfertigen, dass sie den Platz eines Mannes eingenommen hatte. Sie wurde Juristin, als Frauen in diesem Beruf nicht willkommen waren, und fand nach dem Studium trotz herausragender Zeugnisse keinen Job, weil Anwaltsfirmen keine weiblichen Juristen anstellten. Und sie heiratete mit Marty Ginsburg einen Steueranwalt, der sie respektierte und unterstützte und ihre ernste Art mit liebevollem Humor konterkarierte. Über das Machtgefüge in ihrer Beziehung sagte der 2010 verstorbene Marty Ginsburg einmal, dass sie ihm nicht beim Kochen reinrede und er ihr nicht beim Recht.

Ruth Bader Ginsburg ging es um Grundsätze. "Es ist essenziell für die Gleichstellung von Mann und Frau, dass sie Entscheidungen trifft und diese Entscheidungen kontrolliert", legte sie 1993 ihre Haltung zum Thema Abtreibung dar. "Wenn man Beschränkungen schafft, die ihre Entscheidung hemmen, benachteiligt man sie wegen ihres Geschlechts." Die Argumentation der Obersten Bundesrichter im Fall Roe v. Wade, der 1973 in den USA das Recht auf Abtreibung zementierte, hielt sie für unglücklich, weil sie sich auf das Privatrecht stützte anstatt auf Gleichstellung.

Die politischen Konsequenzen von Ruth Bader Ginsburgs Tod - die Neubesetzung ihres Postens und eine mögliche konservative Mehrheit im Obersten Bundesgericht - stellen nun eine mögliche Revision von Roe v. Wade in Aussicht. Unter Ginsburgs Argumentation wäre der Richterspruch von 1973 wohl schwieriger anzufechten; ihrer Ansicht nach hätte sie der Nation dazu eine andauernde und enorm polarisierende Abtreibungsdebatte erspart.

RGBs schmale Statur von kaum 1,55 Metern verleitete viele dazu, sie zu unterschätzen. Aber so sehr sie als Gigantin gilt, versinnbildlicht sie auch die Fragilität des Errungenen. Vielleicht war sie sich dessen bewusst, womöglich war sie auch deshalb eine so geduldige Beweisführerin der fundamentalen Tatsachen, die dem Anspruch der amerikanischen Verfassung nicht genügen. Eine der schönsten Liebeserklärungen, die ihre jungen Verehrer ihr im Netz machten, lautet: "You can't spell truth without Ruth."

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