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FILMKRITIK Zungen und so weiter

Ludwig II. Historienfilm von Luchino Visconti. Deutschland! Italien/Frankreich 1972. Farbe, 185 Minuten.
aus DER SPIEGEL 4/1973

Wagners Weihklang wallte durch den Saal, als fern der Heimat des weißblauen Märchenkönigs. im Bonner »Metropol«. das mit 12 Millionen Mark aufwendigste Kino-Werk zu seinem Nachruhm am Donnerstag letzter Woche vor Ehrengästen erstmals lief.

Die verspätete Weltpremiere, ursprünglich für den Juni, dann für die Weihnachtswoche (in Paris), dann für den Silvesterlag 1972 (in New York) angesagt, fand ohne den leidenden Autor Luchino Visconti, 66, und ohne seine Sissy statt. Romy Schneider hatte ein Charterflugzeug (Stundenpreis: 140 Mark) seit dem frühen Morgen in Zürich warten lassen und dann doch nicht bestiegen. Immerhin: Franz Josef Strauß, der gar nicht mitspielt, war für das Bayernvolk zugegen.

Solche Marginalien erregten die Premierengäste denn auch fast mehr als das ganz opulent und gegen den Willen der noch immer Königstreuen belichtete »Ludwig«-Drama, mit dem der Regisseur Nostalgie und Morbidezza seines »Tod in Venedig« weder zu übertrumpfen noch auch nur einzuholen verstand.

Sein anfangs glaubhaft strahlender, doch im Verfall allenfalls optisch bemerkenswerter Hauptakteur Helmut Berger wird vom Wagner-Darsteller Trevor Howard häufig ins Aus gespielt und hat neben Privatem (zum schläfrigen Schauspieler-Freund Kainz: »Dein Schnarchen ist es nicht, was ich hören will") nur selten Großes mitzuteilen: »Unsere preußischen Freunde«. sagt er einmal, »sind auch in der Familie. Alles bleibt in der Familie. das Kriegführen. das Kinderzeugen und so weiter.«

Konventionell geht auch der Schluß des mit Huren und Lemuren übervölkerten Bilderbogens: Wie gewohnt endet Ludwig durch Selbstmord; von der beim Drehen avisierten Geschichtskorrektur -- ein Diener sollte im Wams des Toten ein Schußloch entdecken -- ist nicht mehr die Rede.

So bleibt als Gipfel der Ludwig-Forschung Viscontis nur eine Nebensächlichkeit: Die von Romy Schneider präzis gemimte Sissy, gibt der Film zu erkennen, hätte den »Kini« von allen Übeln dieser Welt erlösen können. Doch der warb bekanntlich um ihre Schwester Sophie.

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