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Zusammengeschüttet wie Öl und Wasser

SPIEGEL-Interview mit dem amerikanischen Filmemacher Woody Allen
aus DER SPIEGEL 29/1989

SPIEGEL: Mr. Allen, Ihr nächster Film, der im Herbst in New York starten soll, trägt den Titel »Brothers« . . .

ALLEN: . . . so heißt er jetzt nicht mehr, das war nur der geplante Titel. Jetzt heißt der Film »Two Lives« (Zwei Leben). Ich wollte ihn in der Tat zuerst »Die Brüder« nennen, aber dann dachte ich, »Zwei Leben« ist der treffendere Titel.

SPIEGEL: Damit zerstören Sie allerdings die Frage, die wir stellen wollten. Der Titel »Brothers« erinnerte natürlich an »Hannah und ihre Schwestern«. Hat der Film etwas mit »Hannah und ihre Schwestern« zu tun, ist es eine Art Gegenstück?

ALLEN: Nein, es besteht nicht die geringste Beziehung zu »Hannah«. Es ist, wie der Titel sagt, ein Film über zwei Leben. Eines davon ist sehr komisch, und das spiele natürlich ich, das andere ist sehr ernst, ja tragisch, und das spielt Martin Landau.

SPIEGEL: Handelt es sich bei »Zwei Leben« um Ihre beiden Leben, um das des New Yorker Stadtneurotikers Woody Allen und das ernste, mehr tragische Leben, das des Ingmar-Bergman-Adepten Woody Allen?

ALLEN: Jeder Mensch führt ja zwei Leben. Mindestens. Und natürlich hat der Film auch was mit mir zu tun, zumindest in der Rolle, die ich spiele. Aber meistens beschäftigt sich der Film mit so schwerwiegenden Fragen wie der Moral, der Religion, der persönlichen Integrität. Das Ungewöhnliche an dem Film ist, daß der komische Teil sehr komisch ist, auch im herkömmlichen Sinn, und der tragische Teil sehr tragisch und daß ich die beiden unvermittelt gegeneinandergestellt habe, damit sie aufeinanderprallen. Es ist nicht etwa fein ineinander verwoben, es ist zusammengeschüttet wie Öl und Wasser.

SPIEGEL: Bei Ihrem Episodenbeitrag zu den »New York Stories« waren die amerikanischen Kritiker ganz aus dem Häuschen vor Begeisterung, daß der alte Woody Allen wieder zurückgekehrt sei. Man feierte den Film als Ihr Comeback als Komiker, als Wiederkehr von einer sehr weiten Reise in ein sehr sehr ernstes Land.

ALLEN: Die amerikanischen Kritiker mögen mich dann besonders, wenn ich komische Filme mache. Ich kann mich leider nicht danach richten und mein Leben nur nach den Wünschen der Kritiker einteilen. Daß meine komischen Filme so geliebt werden, finde ich wunderbar, und es schmeichelt mir auch sehr. Trotzdem möchte ich nicht nur komische Filme machen.

SPIEGEL: Hat das Bedürfnis, komisch zu sein, mit dem Älterwerden abgenommen?

ALLEN: Das kann man so nicht sagen. Ich möchte in den künftigen Jahren, oder soll ich sagen, in den Jahren, die mir noch bleiben, beides machen. Ich möchte das Komische und das Ernste mischen.

SPIEGEL: Bei Ihrer Geschichte in dem Drei-Episoden-Film »New York Stories«, sie heißt »Oedipus Wrecks« (Ödipus bricht zusammen) und kommt im Herbst in die deutschen Kinos, gewinnt man den Eindruck, daß Filmemachen für Sie in erster Linie das Schreiben Ihrer Autobiographie bedeutet.

ALLEN: Für diesen Film stimmt das sicher. Es ist ein ganz stark autobiographisch gefärbter Film.

SPIEGEL: Wenn man die »New York Stories« sieht, dann hat man das Gefühl, daß New Yorker Filme sich auch programmatisch von den Filmen aus Hollywood unterscheiden. Sie sind intimer, privater.

ALLEN: Hollywood ist vor allem eine Stadt des Show-Business. 90 Prozent aller Leute arbeiten im Show-Business. In New York gibt es eine Handvoll Filmemacher, und damit hat es sich schon. In New York spielt das Filmemachen keine beherrschende Rolle, es ist eher die Stadt der Wall Street und der Uno und so fort. Ein Film ist in New York gewissermaßen etwas Handgefertigtes. In Kalifornien dagegen ist ein Film immer ein riesiges Industrieprodukt. Nehmen Sie zum Beispiel Scorsese: Die Filme, die er dreht, sind sehr persönliche Filme. Filme über seine Jugend. Ich glaube, New York hat eigentlich mehr mit Europa als mit Hollywood zu tun. Das gilt für die Stadt ganz allgemein, und das gilt besonders für die Filme.

SPIEGEL: Als Sie vor ein paar Jahren »Hannah und ihre Schwestern« drehten, kam da zum ersten Mal groß (wenn auch komisch) ein ganz neues Thema auf: Der Tod und die Angst vor dem Tod. Sie haben in »Hannah« zum ersten Mal das Problem des Alterns erörtert. Ist Älterwerden für den Künstler Woody Allen ein großes Problem?

ALLEN: Privat ist das eher ein Problem, aber künstlerisch kaum; es ist auch gar nicht einzusehen, warum es eines sein sollte, schon rein theoretisch nicht, weil ja die Möglichkeit besteht, daß man besser und besser wird. Denken Sie an Bunuel, der im Alter immer wunderbarere Filme gemacht hat.

SPIEGEL: Junge Filme enthalten ja oft auch junge Hoffnungen. Droht im Alter nicht eine gewisse Resignation?

ALLEN: Nicht notwendigerweise. Das hängt doch ganz entscheidend von jedem einzelnen ab. Es gibt doch Leute, die sind ihr ganzes Leben lang außerordentlich pessimistisch, ja depressiv. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß die höchste Selbstmordrate in den Vereinigten Staaten bei den Jungen besteht. Und man kann alte Leute sehen, lassen Sie mich wieder Bunuel als Beispiel wählen, der diese großen, phantastisch komischen Filme im Alter gedreht hat. Natürlich gibt es auch eine produktive Altersverbitterung wie bei Kurosawa, dessen letzter Film »Ran« sehr resignativ ist, eine Art »König Lear« in seiner verzweifelt pessimistischen Weltsicht. Es hängt von der Psyche jedes einzelnen ab. Ich zum Beispiel war immer schon ziemlich depressiv und melancholisch.

SPIEGEL: Was ja eine Grundvoraussetzung für wahre Komik ist.

ALLEN: Ja. Man muß mit seiner Komik gegen irgend etwas ankämpfen.

SPIEGEL: Sie haben vorhin gerade gesagt, daß Ihr neuer Film sich mit Fragen der moralischen Integrität auseinandersetzt. Ist dies ein Beispiel für Alterseinsicht, daß man zu moralischen Entscheidungen genötigt wird?

ALLEN: Der Film handelt von solchen Entscheidungen, vor die einen das Leben stellt. Er macht deutlich, daß man moralische Entscheidungen treffen muß. Das ist sehr wichtig. Wir alle werden ja dadurch definiert, wofür wir uns entscheiden, was wir an Möglichkeiten wählen. Der Film nötigt die Hauptfiguren, eine bestimmte Wahl zu treffen. Und sie wählen: manchmal in voller Überzeugung, das Richtige zu tun; manchmal halbherzig und im Wissen, falsch zu handeln.

SPIEGEL: Standen Sie während Ihrer Karriere irgendwann vor so einer Entscheidung, wo es ums Ganze ging?

ALLEN: Zum Glück bin ich nie vor eine wirklich tödliche Entscheidung gestellt worden, so daß ich eigentlich nur hoffen kann, daß ich mich, wäre ich vor sie gestellt worden, richtig verhalten hätte. Man hofft ja immer, daß man dann die moralisch richtige, die edle Entscheidung treffen würde. Und man hofft ebenso, daß man nie in die Lage versetzt wird, diese Entscheidung wirklich treffen zu müssen. Die wichtigste Wahl, die ich zu treffen hatte, war die: Wohin soll meine Karriere gehen? Will ich jemand sein, der nur das Populäre und Erfolgreiche im Auge hat, oder jemand, der sich für das Interessante entscheidet, auch wenn es weniger populär ist? Ich glaube, ich habe auf Popularität und auf einen ganzen Haufen Geld verzichtet und versucht, einen Weg zu gehen, der mich persönlich mehr interessiert und stärker befriedigt. Das ist aber, wenn Sie so wollen, nur eine winzige Entscheidung.

SPIEGEL: Ist es gewiß nicht.

ALLEN: Aber es war die einzige, zu der ich in meinem Beruf wirklich genötigt wurde.

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