Zur Ausgabe
Artikel 54 / 78

MEDIZIN / ORGAN-VERPFLANZUNG Zwang zum Risiko

aus DER SPIEGEL 20/1969

Seit 17 Monaten lebt der Kapstädter Zahnarzt Philip Blaiberg mit seinem zweiten Herzen. 2800 Menschen bekamen allein im letzten Jahr eine Spender-Niere eingepflanzt. Und einigen anderen zuvor Todkranken konnten die Chirurgen helfen, indem sie ihnen eine fremde Leber transplantierten.

Nun aber, auf dem Jahreskongreß der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, wurde der Optimismus der Transplantations-Chirurgen gedämpft. Eines der wirksamsten Mittel, das den Empfängern von Fremdorganen überleben hilft, geriet in Verdacht, das Wachstum von Krebsgeschwülsten zu begünstigen: das sogenannte Anti -- Lymphozyten -- Serum (ALS).

Bei fast allen Organtransplantationen kommt es zu einer gefürchteten Reaktion im Körper des Empfängers. Der? Organismus mobilisiert Abwehrsubstanzen (Antikörper), die das Fremdgewebe zerstören und das Transplantat abstoßen können.

Mit Hilfe von Medikamenten wie ALS versuchen die Chirurgen, die Produktion der Antikörper lahmzulegen und die Abwehrreaktion zu unterdrücken.

Fast alle Patienten aus einer Gruppe von 490 Nierenempfängern, so berichtete der Bostoner Chirurg Dr. John P. Merrill auf der Tagung in Washington, waren mit ALS behandelt worden. Bei 15 von ihnen seien bösartige Wucherungen im Lymphsystem (Lymphoblastome) aufgetreten.,

Darüber hinaus sei fünf anderen Nierenkranken, wie Merrill weiter berichtete, nachweislich mit dem Spenderorgan ein mikroskopisch kleiner Tumor eingepflanzt worden; der übersehene Krebskeim wuchs sich im Empfängerorganismus zur zerstörerischen Geschwulst aus.

Solche Zwischenfälle rechnen die Chirurgen freilich zu den seltenen, in Zukunft weitgehend vermeidbaren Risiken bei Organverpflanzungen.

Und der Münchner Professor Walter Brendel, Leiter des Instituts für experimentelle Chirurgie, wies letzte Woche darauf hin, daß die Mediziner schon seit zwei Jahren keine Organe von Krebstoten mehr verpflanzten.

Bedenklicher hingegen stimmte die in Washington versammelten Ärzte, daß nach Transplantationen überdurchschnittlich häufig Geschwülste im Lymphsystem auftraten: Gerade dieses System, das die Abwehr des Körpers gegen Fremdgewebe organisiert, wird von den Chirurgen beim Organaustausch mit Medikamenten teilweise lahmgelegt.

Als wirkmächtigste und am besten verträgliche Substanz erwies sich dabei bislang das Anti-Lymphozyten-Serum, das die Antikörper neutralisiert. »Es ist wohl kein Zufall«, erklärte nun Nierenverpflanzer Merrill, »daß mit ALS behandelte Patienten Krebs bekommen haben.«

In der Theorie und aus Tierversuchen seien solche Gefahren seit längerem bekannt gewesen, erläuterte letzte Woche Dr. Rudolf Pichlmayr aus Hannover, der ein besonders reines (auch bei Philip Blaiberg mit Erfolg angewandtes) Anti-Lymphozyten-Serum entwickelt hat. Virusinfektionen beispielsweise, die bei Mäusen Leukämie auslösen können, führen bei gleichzeitiger Verabfolgung von ALS häufiger zu der bösartigen Erkrankung.

Übereinstimmend vermuten die deutschen ALS-Experten und ihre amerikanischen Kollegen, wie Pichlmayr nun von dem Washingtoner Kongreß berichtete, daß solche Krebserkrankungen durch das Anti-Lymphozyten-Serum nicht ausgelöst, sondern nur begünstigt würden.

Normalerweise entstehen im Körper fast jedes Menschen krebsähnliche oder krebsartige Zellen. Sie werden aber, so mutmaßten die Forscher, vorn körpereigenen Abwehrsystem wie körperfremdes Gewebe zerstört. Jede Krebserkrankung wäre mithin die Folge einer übermächtigen Produktion entarteter Zellen. die das Abwehrsystem schließlich überwinden.

Bei Patienten, die ein fremdes Organ eingepflanzt bekommen und deswegen mit dem ALS oder anderen die Abwehr schwächenden Medikamenten behandelt werden, könnten hingegen solche spontan gebildeten Krebszellen sich nahezu ohne Widerstand vermehren.

Auch wenn sich dieser Verdacht bestätigen sollte, glauben die Transplantationschirurgen. ein solches Risiko eingehen zu müssen. Bei vielen Patienten können Abstoßreaktionen gegen das Fremdorgan vorerst allein mit Anti-Lymphozyten-Serum verhütet oder bekämpft werden.

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 78
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.