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Reinhard Baumgart über Malraux: "Eichen, die man fällt ..." Zwei alte Indianer

aus DER SPIEGEL 15/1972

Nicht mit Sehnsucht, Wehmut, doch mit Geduld und Aufmerksamkeit sollte man diesem Duett für zwei Stimmen zuhören. Solche Geistergespräche wie dieses zwischen Malraux und de Gaulle (elf Monate vor dessen Tod) wird es bald nicht mehr geben. Ja, wenn wir Malraux gleich auf den ersten Seiten glauben wollen, dann hat es sie so, mit zwei Solchen Partnern noch nie gegeben: Noch nie hat ein »großer Künstler« ein Gespräch mit einem bedeutenden Geschichtstäter überliefert, sagt Malraux. der wenig Zweifel daran läßt, daß er nun genau diese Lücke füllen möchte, aber auch nicht daran, was das für Folgen hat.

Ein solcher Künstler nämlich will kein Tonband und kein Stenograph sein. Er wird den redenden de Gaulle wie ein Porträt entwerfen, das diesem ähnlicher sein soll, als er sich selbst war, nicht als Abbild. sondern als Legende einer Person. Geschichtliche Helden, das ist eine der Thesen des Buchs, sind ohnehin unwirklich, nicht historisch belegbar, sind nur inkarnierte Träume: »Der Held der Geschichte ist der Bruder des Helden der Romane.«

So entsteht hier ein Stück hohe Schöne Literatur, ein Dialog-, ein Theaterstück. Daß der General schon zu seinen Lebzeiten ein Theatraliker war, ist keinem Zuschauer entgangen, der letzte große Polittheatraliker von eigenen Gnaden wahrscheinlich, noch keine Puppe jener PR-Auguren, die jetzt überall »Staatsmänner« an ihren Drähten zappeln lassen wie Originale. Denn Theater spielte de Gaulle nicht etwa mit ängstlichem Seitenblick ins Publikum, sondern weil das Pathos eines Rollenbewußtseins ihm Herz und Hirn blähte. Ihm war, so sah es für ihn aus, ein wichtiger Part in einem Stück anvertraut worden, das er zwar nicht geschrieben hatte, aber mitentscheiden wollte, in dem er aber schließlich entbehrlich, ja lästig wurde.

Jetzt, Dezember 1969, sitzt er in einer Zuschauerloge, sehr weit oben, melancholisch, nicht ohne Humor. Er vergleicht sich selbst mit Don Quijote, dann mit Hemingways »altem Mann": »Ich habe nichts heimgebracht als ein Gerippe.« Wie sollte so viel Überzeugung von eigener Größe und so viel Einsicht in deren Folgenlosigkeit auch keinen Humor hervorbringen?

Da plaudert und sinnt man also, der Held und sein Künstler, bei Kaminfeuerflackern, bei Port, déjeuner, Kaffee, und musiziert seine Heldenlieder und Zuschauerglossen durch. Die Motive sind denkbar bunt gemischt, holder Klatsch und weltgeschichtliche Betrachtungen mit schwerem Faltenwurf, und immer wieder La France, die eingeschlafene, wiedererweckte, schon wieder einschlafende Märchenprinzessin. deren Gesundbeter und Bauchredner der General sein wollte. »Ich hatte einen Vertrag mit Frankreich«, das ist seine fixe Idee, man hat sie, hat ihm gekündigt. Jetzt läuft dieses Theaterstück, die Weltgeschichte, schwach und falsch besetzt, in eine dunkle Richtung.

Über alles nur mögliche ist die Rede, nur nicht vom scheinbar Selbstverständlichen: daß Politik ein Mittel sein könnte, in einem Land oder gar auf der Welt allgemeine Wohlfahrt herzustellen. Für diese beiden Konversateure scheint der Sinn der Politik schlichtweg, Geschichte zu machen, und Geschichte ist das, was von ihr übrigbleibt in Geschichtsbüchern, diesen spannenden Helden- und Völkerbiographien. Als wäre alles nur eine ästhetische Veranstaltung, Pomp dividiert durch Groteske -- für welchen Zuschauergott eigentlich?

Plötzlich sieht man die beiden am flackernden Lagerfeuer wie zwei sehr alte Indianer plauschen über dieses riesige, erhabene Indianerspiel von Cäsar bis heute, dessen ganzer Zweck und Gegen stand nur die Seelengröße, der Nachruhm einiger Stämme und Häuptlinge gewesen sein soll. Ein Gespräch wie unter Gespenstern im Höhenrausch. War Napoleon groß, wie sehr und wann besonders, wann schon weniger? Hohe, dringende Fragen. Was habe ich (Malraux) doch seinerzeit über den Korsen gesagt, und wie sagten Sie doch (Herr General) damals genauso richtig?

Zwei Indianer, zwei uralte Jünglinge, das auch, eine schon moribunde Begeisterung für hohe Gestalten und Gedankenflüge, viel Bildungsgeplänkel, eine schwer dahinrollende, in h-Moll instrumentierte Untergangsstimmung. Doch nicht alles ist hier nur Rausch und Trauer. Auch der schlaue, konservative Instinkt für Machtfragen, für die Mechanik der Politik schlägt zuweilen durch. Für die Maßnahmen der kommunistischen Staaten, ob es um Kronstadt geht oder Chinas Atombombe, hat man hier mehr Verständnis als manche linke Theorie. Vor allem als ein Glaubensbekenntnis, das Rußland wieder selbstbewußt auf die Beine gestellt hat, leuchtet der Kommunismus de Gaulle wunderbar ein. Geglaubt muß werden, wo Geschichte gemacht werden soll, geglaubt im Zweifelsfall nur an den Glauben selbst, an irgendeinen. Doch die Leute, so de Gaulle, wollen jetzt rein nichts mehr glauben.

Götterdämmerung, das Wort ist nicht zu hoch gegriffen, inszeniert Malraux auf seinen letzten Seiten. Mit de Gaulle soll mehr versinken als nur de Gaulle, auch die Zeiten Gandhis, Churchilis, Hitlers, Stalins, Nehrus, Kennedys sollen mit ihm vorüber sein. Geschichte als Ritterturnier um die Größe von einzelnen und von Völkern wird nicht mehr stattfinden, darüber herrscht zweistimmig Trauer in Colombey. Draußen liegt Schnee, immer wieder zitiert, zelebriert, ein sehr symbolischer Schnee. Da möchte sich das Ende eines Geschichtsverständnisses feiern als das Ende aller begreifbaren Geschichte, als Tod einer ganzen Zivilisation.

»Wenn man zusehen muß, wie Europa stirbt«, sagt de Gaulle, »laßt uns zusehen: So etwas passiert nicht alle Tage.« Doch um dieses Ritter- und Indianereuropa wird es nicht schade sein. Die Spesen dieses Geschichtemachens nur für die Geschichtsbücher waren zu hoch.

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