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LITERATUR Zwei Fremde im Zelt

aus DER SPIEGEL 22/2006

Mitunter beginnen die ergreifendsten Liebesgeschichten mit blankem Hass. Als Tim, der junge Held dieses Buchs, das scheinbar vor Lebensgier und Abenteuerlust strotzende Mädchen Tanja kennenlernt, blonde Locken, im Gesicht Sommersprossen und funkelnde Augen, findet er fast sofort, dass es ein »dummes, aufgedrehtes Kind« sei, »das von der Geschwindigkeit unserer Zeit völlig überfordert ist«. Nebenbei aber stellt er fest: »Ich wollte mit ihr ins Bett.« So kommt es, dass die beiden, die da in einer hippen Berliner Kneipe zufällig aufeinandergetroffen sind, sich bald Rucksack und Zelt auf den Rücken schnallen, um nach Schweden zu reisen. Benjamin Leberts Roman »Kannst du« erzählt von der Sommerverliebtheit zweier Menschen um die zwanzig und von Lebensangst, Todessehnsucht und Hass. Tim und Tanja merken bald, dass sie sich und dem anderen etwas vorgemacht haben. Tim, der seinem Schöpfer Lebert nicht unähnlich ist, hat als Teenager ein Erfolgsbuch geschrieben (das von Lebert hieß »Crazy") und lügt der Welt vor, er komme mit einem neuen Roman, von dem noch keine Zeile existiert, prächtig voran. Und: Kurz vor Beginn der Reise hat sich Tims jüngerer Bruder umgebracht. Tanja wiederum, die scheinbar so Aufgekratzte, bricht nachts jäh in Tränen aus und wird von Verzweiflungsattacken überfallen. »Ich habe mich auf ein paar nette Tage mit einem süßen Mädchen gefreut!«, sinniert der von Mücken zerstochene Tim auf einer Wiese mitten in Schweden. »Lachen! Spaß haben! Vögeln! Und was ich auf keinen Fall gebrauchen kann, ist eine Tragödie.« Das Kunststück des Romans »Kannst du« besteht darin, dass er tatsächlich keine Tragödie erzählt, sondern eine leichte, oft (besonders wenn es um den missglückten Sex geht) auch komische Geschichte. Zwei junge Menschen prallen mit all ihrem gewaltigen, zugleich schrecklich banalen Lebensunglück aufeinander; und Lebert, 24, schildert das mit schöner Direktheit in einer einfachen, eckigen, poetischen, nur manchmal ein bisschen gesucht schmucklosen Sprache nicht als große Katastrophe, sondern als die allerselbstverständlichste, allerschönste, allertraurigste Sache der Welt.

Benjamin Lebert: »Kannst du«. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 272 Seiten; 9,95 Euro.

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