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FILM Zwei sanfte Rebellen

»Messidor«. Spielfilm von Alain Tanner. Schweiz/Frankreich 1979. 120 Minuten; Farbe.
aus DER SPIEGEL 43/1979

Es beginnt ganz zufällig und beiläufig. Zwei Mädchen zwischen 18 und 20, eine Verkäuferin und eine Studentin, treffen sich beim Autostop irgendwo in der Schweiz. Sie bleiben zusammen und trampen weiter, ohne ein festes Ziel und ohne recht zu wissen, warum. Sie verschwinden einfach.

Die Kamera von Renato Berta folgt mit ruhiger Aufmerksamkeit und kühler Distanz diesem improvisierten Ausflug der zwei Mädchen. Man erfährt fast nichts über sie: zwei Gelegenheits-Aussteiger, friedlich, lakonisch, unentschlossen; zueinander sind sie lieb, zu andern höflich. Ihre Eskapade hat nichts Programmatisches.

Mit verführerischer Konsequenz leitet der Schweizer Regisseur Alain Tanner in seinem Film »Messidor« aus dieser völlig unspektakulären Ausgangssituation den Modellfall einer Revolte ab. Verführerisch, weil hier nie eine absichtsvolle Dramaturgie waltet wie in Tanners früheren Filmen (etwa in den zwei letzten, den dialektischen Elegien »Die Mitte der Welt« und »Jonas"), sondern weil die Geschichte eine Eigenbewegung bekommt, sich wie von selbst ereignet und mit fataler Logik ihre Protagonisten mit sich reißt.

Die zwei absichtslosen Verweigerer (beklemmend natürlich gespielt von Clémentine Amouroux und Cathérine Rétoré) ziehen weiter ohne Geld, spielen Nomaden. Einmal biegen zwei Fahrer von der Straße ab und versuchen, eine von ihnen zu vergewaltigen; die andere erschlägt einen der Männer mit einem schweren Stein. Einmal fällt ihnen eine Pistole in die Hand, die halten sie wie eine Bettlerhand einer Verkäuferin hin, weil sie die Lebensmittel nicht bezahlen können, oder einem Bauern, der sie bedroht, weil sie in seiner Scheune geschlafen haben.

Eine TV-Sendung nach dem Muster von Zimmermanns »XY« (die auch in der Schweiz ausgestrahlt wird) denunziert die zwei Mädchen als Terroristinnen, eine Großfahndung setzt ein, ihr zielloses Vagabundieren wird zur Flucht. Am Ende erschießen sie in hilflaser Angst einen Unschuldigen und lassen sich, resigniert und apathisch geworden, verhaften.

Wälder, Täler, Auen, Straßen Autos, Männer am Steuer, pingelig saubere Dörfer, Kneipen: eine Reise durch eine satte, konformistische Welt, in der alles säuberlich getrennt ist, die Klassen, die Generationen, die Geschlechter. Ihnen begegnen fast nur Männer, manchmal lapidar freundlich, öfter muffelig, abweisend, meist schwadronierende Gefühlskrüppel voll latenter Aggressivität gegen Frauen, Intellektuelle, Andersdenkende.

So kaputt wie diese Leute erscheinen in »Messidor« die berühmten Postkartenlandschaften der Schweiz: zersiedelt, zerfressen von Autobahnen und Industrieanlagen, die Atmosphäre ständig erfüllt vom Gedröhn des Verkehrs, der Düsenjäger. Die Mädchen ziehen sich ins Gebirge zurück, aber der Lärm folgt ihnen. Sarkastisch stellt Tanner der zerstörten Natur idyllische Landstriche gegenüber, gleich zu Beginn etwa -- ein trauriges Lied aus Schuberts »Winterreise« verweist dabei schon auf den schmerzlichen Verlust.

Ein allegorischer Film, sagt Tanner. Das klingt nach einem Diskurs, theorie- und dialogbeladen wie »Jonas«. Aber »Messidor« ist ein schlichter, bescheidener Film, der die auswegslose Konfrontation der zwei passiven Rebellen mit der negierten Gesellschaft einzig aus kleinen Vorkommnissen, Begegnungen und Erfahrungen sich entwickeln läßt. (Dabei stören nur ein paar Überlängen in der zweiten Hälfte und die aufgesetzte Symbolik des Titels: Messidor war der Erntemonat des französischen Revolutionskalenders, ein Hinweis also auf den Herbst, die traurige Ernte der großen Aufbruchbewegung von 1968.)

Die zwei Mädchen sind eine Provokation, weil sie die heiligen Güter ihres Landes, das natürlich jedes andere in Westeuropa sein könnte, nicht achten: Arbeit, Geld, Ordnung, ein geregeltes Leben. Sich einfach treiben lassen, ohne Ziel und ohne Geld, das tut man nicht. Das Mißtrauen gegen solche Außenseiter schlägt schnell um, unmerklich, in Ablehnung. Haß, in verbale oder sogar physische Gewalt. Je sanfter die Verweigerung, desto schroffer die Reaktion.

Die frostige Zurechtweisung, die die zwei ständig erfahren, schürt wiederum ihre undefinierte, instinktive Gegnerschaft und radikalisiert ihre Position: Ihr Spiel wird Trotz, ihr Unbehagen Widerstand. Sie geraten in eine dumpfe Unerbittlichkeit, die sich, irgendwann, in sinnloser Gegengewalt Luft macht. Ihr Leben ist zerstört.

Genau und unaufdringlich beschreibt Tanner in »Messidor« den akuten jugendlichen Protest als die gleichgültige Abkehr von der Konsum- und Industriegesellschaft, als eine behutsame Antithese, mehr aus dem Bauch als aus dem Kopf: eine Revolte ohne Utopie, ohne Parolen, ohne Programm, gar nicht militant, nicht mehr sich auseinandersetzend mit dem abgelehnten »System«.

Tanners lakonisches Fazit: »Wir haben zur Zeit nur Anlaß zur Verzweiflung und nicht zur Hoffnung.« Der Regisseur, in seinem letzten Round-up der 68er Bewegung ("Jonas«, 1976) noch ein Anwalt des gedämpften Optimismus, der beharrlich subjektiven Veränderungen, konstatiert in »Messidor« nur mehr »Schweigen, Leere, Verlust«. Wolf Donner

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