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LITERATURGESCHICHTE »Zweifelhafte Einstellung«

aus DER SPIEGEL 2/2003

Hat sich der berühmte Schriftsteller Hans Fallada ("Wer einmal aus dem Blechnapf frißt«, »Kleiner Mann - was nun?") von den Nazis für Propagandazwecke missbrauchen lassen? Der SPIEGEL-Dokumentar und Fallada-Experte Hannes Lamp widerlegt in seinem beim Mecklenburger Verlag Steffen in Friedland erschienenen Buch »Fallada unter Wölfen« entsprechende Behauptungen. Rudolf Ditzen (1893 bis 1947), so der bürgerliche Name des von seinen Fans als »deutscher Balzac« gefeierten Schriftstellers, war gleich nach dem Krieg von dem nach Deutschland zurückgekehrten Publizisten Hans Habe vorgeworfen worden, sich als »Alibisucher des Hitlertums« und »braver Nationalsozialist« betätigt zu haben. Diese Kritik Habes bezog sich auf einen 1946 erschienenen offenen Brief der ehemaligen Fallada-Sekretärin Else Marie Bakonyi. Der Fallada-Forscher zitiert dagegen eine Stellungnahme des Schriftstellers, wonach aus den Anschuldigungen der Frau »gar zu deutlich ein in seiner Liebe gekränktes, eifersüchtiges Weib« spreche. Scheinbar Nazifreundliche Briefpassagen, die Fallada 1943 während einer Frankreich-Reise für den Reichsarbeitsdienst an Bakonyi schrieb, seien - so der Dichter nach dem Habe-Eklat - »sinnentstellend« zitiert worden, denn die Adressatin unterschlug den hintergründigen Zusatz: »Das sind Töne, die Sie nicht von mir erwartet haben.« Das Schreiben, so Fallada, sei ein »reiner Schutzbrief« gewesen, »weil ich bespitzelt wurde«. Für diese Behauptung spricht auch eine Beurteilung des Sicherheitsdienstes des Reichsführer SS - ebenfalls von 1943 -, wonach gegen den Einsatz »des Schriftstellers Ditzen (Deckname: Hans Fallada)« in der Truppenbetreuung Bedenken erhoben werden wegen »seiner zweifelhaften Einstellung zum Nationalsozialismus«.

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