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FERNSEHEN / FERNSEH-SPIEGEL Zweimal Gegenwart / Von Telemann

aus DER SPIEGEL 21/1959

Wer einen Flohzirkus besucht, der will Flöhe sehen. Wer ins Kino geht, der gibt sich mit Brigitte Bardot zufrieden. Ja, selbst der verwöhnteste Theater-Abonnent verlangt von der Intendanz nichts Ungebührliches. Nur der Fernsehzuschauer will alles: die Flöhe, die Bardot, zweimal in der Woche Theater, jeden Tag Tagesschau - er will im trauten Ohrensessel »die Welt« empfangen. Drunter tut er's nicht.

Aber die Welt macht keine Hausbesuche. Man muß sich schon zu ihr bemühen. Und um seiner Kundschaft diese Mühe zu ersparen, hat das Deutsche Fernsehen Reporter engagiert.

Viele von ihnen machen es sich leicht. Sie fahren in die Gegend und schicken Ansichtsfilme. Manchen, die es sich schwerer machen, gelingen Schnappschüsse, die mehr zeigen als das Käsekuchen-Lächeln, das auch der entlegenste Landstrich für die Kamera-Touristen bereithält ("Gesichter Asiens«, Hans Walter Berg, Hamburg).

Und dann gibt es noch Fernsehreporter, die filmen nicht nur, sondern stellen obendrein Fragen. Unbequeme Fragen. Weil sie glauben, daß jenes Vexierspiel, das man »Weltbild« nennt, von Zeit zu Zeit durcheinandergeschüttelt werden muß. Zu eben diesen gehört Jürgen Neven-du Mont.

Daß die Fragen, auf die der ehemalige Redakteur der »Süddeutschen Zeitung« bei seinen Pirschgängen Antworten sucht, vornehmlich solche Themen berühren, die in temperatur empfindlichen Köpfen die Vorstellung »heißes Eisen« wachrufen, wird verständlicher, wenn man weiß, daß Neven du Mont als Mitautor des sozialkritischen Bilderbuches »Denk' ich an Deutschland« zeichnet. Dieses Buch, das 1956 einiges nationales Ärgernis erregte, war es auch, was den Hessischen Rundfunk auf die glückliche Idee brachte, den Gretchen-Frage-Steller unter Vertrag zu nehmen.

Seitdem vergeht kein Vierteljahr, ohne daß den Fernsehkritiker seine vorgedruckte »kleine Aufmerksammachung« und den Fernsehzuschauer eine seiner »dokumentarischen Reportagen« erreicht (das Wort »Feature« kann auch er nicht leiden).

Am 29. April aber begann er mit einer Sendereihe, die den Kasten, der soviel Zeit und Platz wegnimmt, höher als je zuvor über den Rang eines Unterhaltungsautomaten hinausschob und ihn zu einer Art öffentlichen Kontrollinstruments machte: mit der Reihe »Blick auf unsere Jugend« (Titel des ersten Teils »Hitler und Ulbricht: Fehlanzeige").

Neven-du Mont hatte, von journalistischer Neugier beflügelt, zwölf Oberklassen von Gymnasien, Mittelschulen, Volksschulen und Berufsschulen in vier Bundesländern nach ihrer Meinung über Hitler und Ulbricht gefragt. Mit der Erlaubnis der arglosen Schulbehörden, die manchmal sogar die Auswahl trafen.

Die Antworten kamen prompt: »Hitler hat Deutschland außenpolitisch wieder in die Höhe gebracht und die Wehrmacht aufgebaut, wodurch es eine bessere Stellung bekam«, oder: »Er hat den Arbeitslosen Arbeit verschafft und hat Autobahnen bauen lassen«, oder: »Hitler hat für das deutsche Volk viel getan. Es war nur schlecht, daß er wahnsinnig geworden ist.«

Über Walter Ulbricht herrschte noch weniger Klarheit, wogegen der Name Chruschtschew für manche durchaus ein Begriff war: Einer rechnete ihn, neben Hindenburg und Marschall Tito, dem nationalsozialistischen Führerkorps zu, ein anderer degradierte ihn zum Staatschef der DDR.

Und wie reagierten die verantwortlichen Pädagogen, soweit sie im Bilde gezeigt wurden? Rangen sie die Hände? Klopften sie sich zerknirscht an die Brust? - Wie es Telemann deuchte, nahmen sie das Befragungsergebnis sehr gefaßt auf.

Meinte der Geschichtsprofessor einer Frankfurter Oberprima: »Der Lehrplan bietet an sich genügend Möglichkeiten, denn zweimal schreibt er doch die Behandlung der Gegenwart vor. Es liegt natürlich jetzt an der Geschicklichkeit des Lehrers, seinen Stoff so einzuteilen, daß er noch genügend Zeit für die Gegenwart hat.«

Nun, wenn der Lehrplan gleich zweimal »Gegenwart« vorschreibt, dann scheint die pädagogische Geschicklichkeit bislang eher darin bestanden zu haben, dieser heiklen Epoche nicht auf die Jahre 1933 bis 1945 zu treten. Höflich ausgedrückt. Daß sich die Schülerinnen und Schüler, die Hitlers historischen Nutzen so hoch veranschlagten, ihr Urteil während des Geschichtsunterrichts gebildet haben, ist jedoch kaum anzunehmen. In sämtlichen Antworten - den wenigen vernünftigen wie den vielen anderen - spiegelte sich deutlich die Summe aller elterlichen Tischgespräche wider. Aber gerade das ist es ja, was man der Schule ankreiden muß: daß sie solchen Einflüssen nichts entgegensetzte und über den vergleichsweise unwichtigen Schlachten bei Issus oder den Thermopylen die Schlacht bei Stalingrad zu erläutern vergaß.

Der zweite Teil, »Von Donald Duck zu Thomas Mann«, der am 8. Mai anläßlich der Jugendbuchwoche gesendet wurde, befaßte sich mit der Lektüre der Heranwachsenden. Hier war das Resultat, gemessen an der Tatsache, daß die Herangewachsenen »Bild« lesen, nicht ganz so niederschmetternd. Die Gymnasiasten und Mittelschüler verbringen ihre Freizeit immerhin mit Dante, Dostojewski, Kafka und »Reader's Digest«, so sagen sie.

Die letzte Folge der Dokumentar -Trilogie ist für den 10. Juni geplant. Titel: »Der kalte Krieg im Klassenzimmer - Sind unsere Schulen für die Zukunft gerüstet?«

Telemann schlägt dem Hessenfunk vor, die ganze Serie in ein bis zwei Jahren noch einmal drehen zu lassen, weil er gar zu gern erfahren möchte, inwieweit unsere Erzieher die Fernseh -Lektion beherzigt haben (daß die Schulbehörden beim nächsten Mal wenigerentgegenkommend sein könnten, hält er für ausgeschlossen).

Merke: »Hitler war ein Diktator. Er verkaufte Abzeichen, um die Macht an sich zu reißen« (Kindermund 1959).

telemann
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