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CIRCUS Zweite Taufe

Mit einer exotischen »Reise zum Regenbogen«, die allein in Köln rund 200 000 Zuschauer fand, wurde der »Circus Roncalli« zum Knüller des alternativen Kultur-Sommers.
aus DER SPIEGEL 35/1980

Leise und langsam rollt ein sternfunkelnder Globus in die Manege, hält an, klappt auf.

Aus den beiden Halbkugeln klettert Pic, ein Pierrot. Er macht Seifenblasen, schaut beglückt, wenn sie durchs Zelt schweben, guckt todtraurig, wenn sie zerplatzen.

Begeistert, auch stumm vor Staunen, manchmal gar gerührt, verfolgt das Publikum das pantomimische Scherzo -- Höhepunkt einer zirzensischen Symphonie fantastique, die der »Circus Roncalli« zum Hit der sommerlichen Zeltkultur hochgespielt hat.

Schon bevor der Schweizer Komiker Pic sein Bläser-Solo mit Seifenschaum Ende Juli in »Bio's Bahnhof« auch dem ARD-Publikum vorführen konnte, war sein luftiger Auftritt die Zugnummer auf der »Reise zum Regenbogen«, die »Roncalli«-Direktor Bernhard Paul Anfang Juni in Köln gestartet hat und die er dreimal verlängern mußte:

Mit 76 Spieltagen und rund 150 stets ausverkauften Vorstellungen hält »Roncalli« nun den Circus-Rekord in Köln. An die 200 000 Besucher, darunter Gäste aus Hamburg, München, Brüssel, Paris und London, gingen in der Domstadt auf »Roncallis« magischen Trip, bevor das Unternehmen letzte Woche nach Essen weiterrollte.

Nicht nur der Kishon und die Knef gaben »Roncalli« die Ehre, sondern auch fast alle Magnaten der internationalen Circuswelt, was »Roncalli«-Boß Paul, gelernter Graphiker, aber »Circus-Fan seit Kleinkindertagen«, nun als »zweite Taufe« empfand.

Die niederländische Circus-Unternehmerin Elly-Belly Strassburger bezeugte Paul ihre »ganze Bewunderung«. Englands Circus-Millionär Cyril Mills entdeckte bei »Roncalli« »etwas völlig Neues«. Heinrich Geier-Busch hat es im Kölner Zelt sogar »die Sprache verschlagen«.

Stiller Applaus und laute Lobeshymnen gelten einem radikalen Kontrastprogramm zur einfältigen Kraftmeierei moderner Groß-Circusse. Statt unterm riesigen Plastikzelt vor bis zu 6000 Zuschauern eine anonyme Show abzuziehen, arrangiert »Roncalli« einen bunten Bilderbogen von exotischem Reiz und beinahe intimer Wärme.

Schon am Eingang stimmen junge Damen mit schwarzen Strapsen und Gnome auf Stelzen, die kiloweise Konfetti ausschütten, die Gäste auf »das einzige echte Volkstheater« ein, »das ich kenne« (Paul): Ein zu einem paillettenschimmernden Frosch zusammengefalteter Akrobat hüpft da in gymnastischer Perfektion über die Blätter einer Riesen-Pflanze und verwandelt sich unter Tusch und feurigem Knall in »Elvira«, die elisabethanisch gekleidete »Königin von Lipizza« auf dem Schimmel.

Drei durch bronzene Cremes metallisierte Männer posieren -- verrenkt, verschlungen und aufeinander getürmt -- als lebendige Plastiken. »Shang« schluckt nicht nur Feuer, sondern speit es auch in meterhohen Flammen aus. Fredi Spagetti zieht seine berühmte Nudel-Nummer als depperter Wiener Ober ab. Und in dem im Art-Deco-Stil handgeschmiedeten Raubtierkäfig stellt sich sogar ein Löwe dem Messerwerfer.

In den Pausen werden Häppchen gereicht; »liebe Nummerngirls« (Programmheft) begrüßen Gäste mit Handschlag, eine mit 5000 echten Pfauenfedern als Schmetterling geschmückte Dame flattert über das Sägemehl. Am Ende schließlich, wenn in der Circuskuppel ein Feuerwerk abbrennt, tanzen Artisten und Besucher gemeinsam in der Manege Wiener Walzer.

Einige Nummern aus »Roncallis« charmanter Revue waren Circuskennern bei der Kölner Premiere allerdings nicht neu. Schon 1976 hatte der »Circus Roncalli« vor allem in Köln, München und Wien Schlagzeilen gemacht. Damals hatte sich als Star des Unternehmens der Wiener Salonlöwe Andre Heller aufgespielt. Als Heller und sein Direktor Paul sich verkrachten (mit jahrelangem Gezänk vor Gericht im Gefolge), rutschte das Unternehmen über Nacht in die künstlerische und finanzielle Pleite.

Mit nur drei Wagen und »jeder Menge Schulden« fand Paul, von allen guten Freunden verlassen, schließlich Unterschlupf auf dem Gelände der ehemaligen Kölner Schokoladenfabrik Stollwerck. Unermüdlich betrieb er aus seinem Flüchtlingslager ein Comeback seiner nostalgischen Schau.

Doch erst als ihm 1979 der Schweizer Kabarettist »Emil« Steinberger Einfälle und Bargeld zusicherte, rüstete Paul zur Wiedergeburt von »Roncalli« auf. Kölner Kunststudenten mußten 40 bis zu 100 Jahre alte Zirkuswagen stilvoll restaurieren; mehr als 100 Kostüme wurden so bunt und exotisch maßgeschneidert, als ob Scheherezade persönlich aufträte. Prunkstück im »Roncalli«-Troß wurde ein uralter, mahagoni-getäfelter Salonwagen mit Originalbänken aus der Pariser Metro, in dem Paul jetzt feines Wiener Frühstück mit ofenwarmem Gugelhupf servieren läßt.

Den Entertainern von der Konkurrenz schien solch spleeniger Alleingang vom Rummelplatz landläufigen Circus-Betriebs nicht ganz geheuer. Jedenfalls sah Paul bald »überall Leute auf der Lauer, die mir Knüppel zwischen die Beine warfen":

In Bonn konnte das Liegenschaftsamt angeblich keinen Stellplatz für »Roncalli« freimachen. In Düsseldorf zwang der Zirkus Hagenbeck die Stadt sogar gerichtlich, »Roncalli« erst nach dem eigenen Gastspiel einzulassen.

Doch nach dem sensationellen Langspiel in Köln sieht Paul nun »rosa Zeiten« für die künftigen »Reisen zum Regenbogen": Die meisten Schulden sind beglichen, und die Stadt Köln hat »Roncalli« als ersten Circus sogar offiziell anerkannt: als »kulturell förderungswürdig«.

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