Post an den Zwiebelfisch Die Meersau gebaden, die Hände gefalten

So ungewöhnlich, wie es sich auf den ersten Blick liest, ist das gescholtene Partizip "geschalten" gar nicht. Es erfreut sich weiter Verbreitung - von München bis Berlin, von Leipzig bis Aachen. Nur in Norderstedt ist es unbekannt. Lesen Sie hier eine Auswahl der Leserzuschriften zum Artikel "Die Sauna ist angeschalten!"





Ihre Kolumne zu den merkwürdigen Verbformen hat mein Herz erfreut! Ich stamme "mitten aus Deutschland" (aus dem schönen Westerwald) und lebe inzwischen seit fast fünf Jahren in München. Da bin ich schon so manches Mal wegen der Abweichungen in meiner Sprache angeeckt. Was mir aber von Anfang an besonders aufgestoßen ist, sind diese seltsamen Partizipformen, die mir sogar bei meiner Arbeit (ich bin technische Redakteurin und schreibe unter anderem Betriebsanleitungen) immer wieder begegnen. Bisher war ich der Ansicht, das sei eine bayerische Sprachvariante. Ist das nicht so? Hat sich diese falsche Partizip-Bildung inzwischen auch in anderen Teilen des deutschen Sprachraums durchgesetzt?

Carolin Hummel, Ottobrunn

Antwort des Zwiebelfischs: Liebe Frau Hummel, dann lesen Sie nur die folgenden Leserzuschriften. Wie es scheint, wird in Deutschland überall geschalten. Nicht nur in Sachsen und Bayern, sondern auch in Schwaben, in Hessen und in Berlin. Selbst im Aachener Dom werden die Hände nicht gefaltet, sondern gefalten!


Meerschweinchen: Ab und zu gebaden, kann das wirklich schaden?
AP

Meerschweinchen: Ab und zu gebaden, kann das wirklich schaden?

Hallo Herr Sick, ich lese mit Begeisterung Ihre Zwiebelfisch-Artikel. Ich bin 25 Jahre alt und bin in Berlin (Ost) aufgewachsen. Meine beiden Eltern besitzen beide ein Hochschuldiplom. Dennoch gibt es in unserer Familie nur die Verbformen "eingeschalten" und "ausgeschalten". Bis vor drei vier Jahren habe ich das grundsätzlich auch so gesagt, auch jetzt ertappe ich mich noch regelmäßig, diese Verben falsch zu konjugieren.

Meiner Meinung nach liegt es unter anderem daran, dass es in der DDR nichts Besonderes war, wenn man mit starkem Dialekt gesprochen hat. Besonders das "Berlinern" war gesellschaftlich vollkommen anerkannt, so meine Erfahrungen. Deshalb sieht meine Mutter, die gebürtige Berlinerin ist, auch überhaupt nicht ein, etwas daran zu ändern.

Wenn ich mich nicht täusche, dann konjugieren auch fast alle Bekannten und Freunde meiner Eltern diese Verben falsch. Es ist also gar nicht so selten!

Ich freue mich auf weitere Zwiebelfische aus Ihrer Feder!

Rene Hummel, Berlin

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Rene, vielen Dank für Ihre Mail! Den Berliner Dialekt mag ich sehr, und es freut mich zu hören, dass Ihre Mutter ihn weiterhin pflegt! Meine Kolumne beschäftigt sich in erster Linie mit der Hochsprache. Es fiele mir nicht ein, jemanden für seinen Dialekt zu kritisieren! Als Sprachpfleger kann ich lediglich sagen, wie es meiner Meinung nach "auf gut (Hoch-)Deutsch" heißen sollte.

Noch eine Frage: Sie sind nicht zufällig mit einer Carolin Hummel aus Ottobrunn (s.o.) verwandt?


Sehr geehrter Herr Sick, bei uns im Schwäbischen sind die starken Formen bei "winken", "schimpfen" und "schalten" die Regel, und manchmal wirkt sich das auch auf die Schriftsprache aus, übrigens nicht nur beim Partizip. Unser Physiklehrer diktierte uns einmal: "Schält man mehrere Kondensatoren hintereinander..." Gesprochen (mit kurzem ä) klang das ganz normal, nur geschrieben sah es ein wenig komisch aus.

Ein in diesem Zusammenhang einschlägiges schwäbisches Sprichwort lautet zwar "Et gschompfe isch globt gnuag", trotzdem herzlichen Dank für Ihre neue Kolumne!

Ulrich Hartmann, Mulfingen


Lieber Zwiebelfisch, du sprichst mir wieder einmal aus dem Herzen. Vor ein paar Jahren musste ich mich durch ein Fachbuch über Programmierung kämpfen, in dem es von "geschaltenen" Bits und Bytes nur so wimmelte. Da wird man beim Lesen fast wahnsinnig!

Ulf Saß, Norderstedt


Könnte es nicht sein, dass sich neben dem auf die Handlung zielenden Perfektpartizip "ausgeschaltet" ein den Zustand bezeichnendes Adjektiv "ausgeschalten" zu bilden beginnt, also: "Ich habe den Fernseher eben schon ausgeschaltet", aber: "Vor der Überprüfung des Stromzählers überzeugt sich der Elektriker davon, dass alle Geräte ausgeschalten sind" - ähnlich also, wie Sie es bei "spalten" andeuten?

Helmut Weber

Antwort des Zwiebelfischs: Eine interessante These! Ob hier tatsächlich ein neuer Trend vorliegt oder ob wir es lediglich mit einer Dialektform zu tun haben, die hier und dort in die Hochsprache durchschlägt, verdient bestimmt eine genauere Untersuchung. Vielleicht wäre das ein Thema für ein Linguistik-Seminar! Freiwillige vor!


Diese Formenbildungen erinnern sehr an die Geschichte des Professors, der auch Probleme mit deutschen Verbformen hatte oder sich einfach nicht darum scherte: Als er wieder einmal in einer Vorlesung die Verbformen strapazierte, pfiff ein Student laut in den Saal. Daraufhin fragte der Professor: "Wer hat da gepfeift?" Die Antwort kam prompt aus den hinteren Reihen: "Ich war's, ich hab gepfoffen!"

Horst H. Seifert, Ahlen


Vor einiger Zeit bin ich aus dem Rheinland ins südliche Hessen (Bergstraße) zugezogen. Hier verwenden selbst ansonsten Hochdeutsch sprechende Menschen gerne die Formen "genossen" (von niesen!) und "gekrischen" (von kreischen).

Das Partizip "geschalten" habe ich bis jetzt nur bei Mitarbeitern der Deutschen Telekom gehört und gelesen, die sich ständig mit der Schaltung von Leitungen beschäftigen. Hier scheint es dafür in ganz Deutschland sehr verbreitet zu sein.

Kristina Kowalski


Lieber Herr Sick, "geschalten" und "gespalten" mögen zwar ungewöhnlich klingen, sind aber gleichwohl weder neu noch falsch. Im Mittelhochdeutschen gehörten die Verben "spalten" und "schalten" noch zur gleichen Klasse starker (oder wie Sie bevorzugen: unregelmäßiger) Verben wie "halten":

halten - hielt - gehalten
schalten - schielt - geschalten
spalten - spielt - gespalten


Regional haben sich die alten (und eigentlich richtigen!) starken Partizipien erhalten, hochsprachlich nur im von Ihnen erwähnten Partizipialadjektiv gespalten.

Hierzu gehört übrigens auch noch "gefalten", als starkes Partizip zu "falten", das im Aachener Raum noch lebendig und sogar in Wörterbüchern so verzeichnet ist.

Und zu "gebaden": In der Tat irregulär, da "baden" auch im Mittelhochdeutschen schwach ist - aber auch im Mittelalter gibt es das Partizip "gebaden". Also: "Unregelmäßig" ist das alles schon, neu keineswegs.

Tobias A. Kemper, Bonn




Lieber Herr Sick, vielen Dank für Ihre Kolumne über regelmäßige und unregelmäßige Partizipien. Dass man in Sachsen "gebaden" sagen kann, kann ich - der ich aus Sachsen stamme - bestätigen.

Ich wollte Sie aber noch auf zwei interessante regionale Besonderheiten aufmerksam machen. Meine Mutter stammt aus Mecklenburg und sagt "geschroben" statt "geschraubt". Ganz schön verschroben, nicht?

Und meine Freundin, die aus Südbaden stammt, sagt "entzunden" statt "entzündet" und "geschumpfen" statt "geschimpft". Zunächst fand ich das auch ganz schön pervers, aber mittlerweile finde ich solche regionalen Besonderheiten witzig. Da Deutschland so lange gespaltet - Verzeihung - gespalten war, kann auch die Sprache etwas variieren und gibt, ebenso wie ein Akzent - dem Sprecher eine persönliche Note.

Stefan Schuster, Jena

Antwort des Zwiebelfischs: Schöner hätte ich's nicht sagen können, lieber Herr Schuster! Vielen Dank für Ihr Plädoyer für Neugier und Offenheit gegenüber den unzähligen Variationen in unserer Sprache.




Ist ja alles ganz schön, und ich sehe das auch so - wäre da nicht das unselige Wort "salzen". "Salzen" ist ein schwaches Verb: "salzen, salzte, gesal ... äh". Duden (21. Auflage) sagt: "gesalzen" und fügt noch hinzu: "in übertr. Bedeutung nur so, z.B. die Preise sind gesalzen, ein gesalzener Witz". Dann folgt: "auch gesalzt". Und nicht nur das arme Wort "salzen" in seiner reinen Form hat's erwischt, auch das "Versalzen" wird einem versalzen. Wiewohl ich bairische Mundart spreche und mir "ausgeschalten" nur geringe Schmerzen bereitet, beim partizipiellen Gebrauch von "versalzen" tut's dann doch ein bisserl arg weh, beim adjektivischen juckt es nur ein wenig. Ich kann mich eher mit einer versalzenen Suppe abfinden als damit, dass mir jemand das Wochenende versalzen hat. Er hat's mir doch versalzt! Genauso geht es mir mit dem "Spalten". Auch dort habe ich mit "gespalten" in adjektivischer Nutzung weniger Probleme als in verbaler. Geht's Ihnen ähnlich?

Frank-M. Litzka, Stuttgart

Antwort des Zwiebelfischs: Du meine Güte, da haben Sie mich ja auf was gebracht, lieber Herr Litzka! Ich sage immer "Das Ei ist gesalzen", aber Sie haben Recht, es müsste eigentlich heißen "Das Ei ist gesalzt". Noch so ein Verb, das zwischen regelmäßiger und unregelmäßiger Form hin und her zwittert.




Sehr geehrter Herr Sick, heute früh im ICE von Saarbrücken in Richtung Dresden wurde ich aus meiner montäglichen SPIEGEL-Lektüre aufgeschreckt durch die Durchsage des Zugchefs, wonach aufgrund eines Logistikproblems der hintere Zugteil leider nicht in Saarbrücken zur Verfügung stand, jedoch in Frankfurt "angehangen" würde. Zunächst fragte ich mich, ob ich durch Ihren Artikel zur angeschaltenen Sauna übersensibilisiert worden bin oder sich das von Ihnen beschriebene Phänomen virusgleich auch auf andere Verben ausbreitet. Nach einigem Nachdenken kam ich zu der These, dass jedenfalls für das Verb "hängen" sowohl die Perfektform "gehängt" als auch "gehangen" möglich ist. "Angehangen" erscheint mir aber auch nach mehrfachem Nachdenken und Nachsprechen falsch zu sein, es sei denn, dies wäre ein für die Bundesbahn üblicher Sprachgebrauch. Wie sehen Sie dies?

Gregor Haas, Mannheim

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Haas, ich kann Ihnen nur Recht geben. Es gibt in der Tat zwei Formen des Verbs "hängen", eine transitive und eine intransitive - mehr dazu finden Sie im Abc des Zwiebelfischs -, und beide werden oft verwechselt. Das transitive Verb "anhängen" wird im Perfekt zu "angehängt".

E-Mails an den Zwiebelfisch bitte ausschließlich an diese Adresse schicken:

zwiebelfisch@bastiansick.de

Anschrift für Postsendungen:

Bastian Sick
Am Sandtorkai 56
20457 Hamburg



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.