Zwiebelfisch Das Paarungsverhalten der Uhue

Ein Uhu macht noch keine Zwiebelfisch-Kolumne, aber bei zweien wird es interessant! Denn wer da glaubt, ein Uhu und noch ein Uhu seien immer schon zwei Uhus gewesen, der hat noch einiges zu lernen über die flatterhafte Mehrzahl.


"Wissen Sie, wie die Mehrzahl von Uhu lautet?", fragte mich ein Besucher im Anschluss an eine Veranstaltung im schönen Bayreuth. Ich ahnte gleich, dass dies eine Fangfrage sein müsse, und erwiderte vorsichtig: "Ich werde es sicherlich gleich erfahren!" - "Die Mehrzahl von Uhu lautet nicht Uhus, sondern Uhue!", behauptete der Mann, wobei er diesen triumphierenden "Ich weiß etwas, was Sie mal nicht wissen"-Blick aufsetzte. Ich widersprach ihm nicht, denn wenn ich eines inzwischen gelernt habe, dann dass man Besuchern von Bastian-Sick-Veranstaltungen besser nicht widerspricht.

Ein Uhu sagt "Huhu", zwei Uhue sagen "Huhue"
Katharina M. Baumann

Ein Uhu sagt "Huhu", zwei Uhue sagen "Huhue"

Bei meinen Streifzügen durch die Wunderwelt der deutschen Sprache sind mir bislang noch keine Uhue untergekommen. Ich glaube auch nicht, dass es sie gibt. Ich halte "Uhue" für eine Legende, so wie das Ungeheuer von Loch Ness oder den Vogel Greif. Aber bevor ich mich auf eine Wette einlasse, konsultiere ich lieber das Wörterbuch.

In der aktuellen Ausgabe des Dudens ist die Mehrzahl des Wortes "Uhu" mit einem "s" angegeben, also Uhus. Eine andere Möglichkeit ist nicht vorgesehen. Na bitte, demzufolge hat es "Uhue" nie gegeben. Oder doch? Früher vielleicht einmal? Vorsichtshalber schlage ich noch mal in einem älteren Wörterbuch nach, und siehe da: In der Ausgabe von 1929 findet man tatsächlich "Uhue", versehen mit der Anmerkung, dass in Österreich auch die Form "Uhus" existiere. "Zum Kuckuck", denke ich, "sollte der Herr aus Bayreuth womöglich Recht haben?"

Um ganz sicher zu gehen, konsultiere ich ein zweites Nachschlagewerk, das "Deutsche grammatisch-orthographische Nachschlagebuch" eines gewissen Dr. August Vogel - ebenfalls aus den zwanziger Jahren. Ein Herr Vogel muss ja wissen, wie die Mehrzahl von "Uhu" lautet, denke ich. Und siehe da: Auch er kennt die Form mit "e" am Ende - oder die unveränderliche: ein Uhu, viele Uhu. Aber "Uhus" waren ihm nicht bekannt. Das entlockt mir gleich mehrere "Ahas!" - oder "Ahae", ganz wie Sie wollen. Offenbar wurde der Uhu nicht nur ein Opfer der menschlichen Zivilisation, sondern auch des Sprachwandels. Denn "Uhue" sind heute ausgestorben; Uhus hingegen findet man zuhauf, nicht nur bei den Klebemitteln im Papierwarengeschäft, sondern eben auch in aktuellen Wörterbüchern.

In der deutschen Sprache kann die Mehrzahl auf viele verschiedene Weisen gebildet werden. Es gibt mindestens elf Möglichkeiten. Mal wird ein "e" angehängt oder ein "n", mal ein "er" oder ein "en", mal kommt dabei noch ein Umlaut ins Spiel, mal verändert sich auch gar nichts, und mal hat ein Wort sogar zwei verschiedene Pluralformen. Entweder, weil diese einen Bedeutungsunterschied markieren; so wie bei dem Wort Band, das zu "Bände" oder "Bänder" werden kann, und - englisch ausgesprochen - auch noch zu "Bands". Oder, weil sich die Deutschen einfach nicht auf eine einheitliche Pluralform einigen konnten, so wie im Falle der Denkmäler und Denkmale oder der Süchte und Suchten.

Die Pluralendung "s" bei Dingen ist keine ursprünglich deutsche. Wir haben sie uns von anderen Sprachen abgeguckt. Daher kommt sie hauptsächlich bei Fremdwörtern zur Anwendung: bei Cocktails, Partys, Gags, Meetings und Shops, bei Taxis, Büros, Appartements, Salons und Hotels.

Da wir auch viele Tiere aus anderen Sprachen importiert haben, die in der Mehrzahl auf "s" enden (Aras, Boas, Gnus, Gorillas, Zebras), haben wir ihnen den Uhu angeglichen, obwohl dieses Tier seinen Namen nicht einem Auslandsimport zu verdanken hat, sondern einer lautmalerischen Nachahmung seines Rufes. Früher hieß er auch mal Schuhu, Buhu oder Huhu. Am Ende hat sich "Uhu" durchgesetzt. Und mittlerweile hat sich die Mehrzahlform "Uhus" durchgesetzt. Das "ue" am Ende muss den Menschen zunehmend seltsam erschienen sein, so dass es irgendwann dem immer geläufiger werdenden Plural auf "s" wich.

Bei einigen Wörtern neigt die Umgangssprache dazu, den Plural zu verdoppeln. Und damit meine ich hier nicht die vielen Visas, Scampis und Antibiotikas, von denen man immer wieder hört und liest. Das sind schließlich Fremdwörter, und mit denen tun sich die meisten Deutschen ohnehin schwer. Nein, es gibt auch ein paar deutsche Wörter, bei denen die Mehrzahl gern überdeutlich markiert wird: So trifft man im Deutschen immer wieder auf Kinders (auch: Kinners), Jungens und Männers. Es gibt sogar "Leuts" - als Mehrzahl von "Leute", obwohl es von "Leute" nicht einmal eine Einzahl gibt.

Um noch mal auf die Vögel zurückzukommen: Der Kuckuck, dessen Name auf die gleiche Weise wie der des Uhus entstand (d.h. durch klangliche Nachahmung seines Rufs), wird in der Mehrzahl immer noch "Kuckucke" gerufen, nicht Kuckucks. Es sei denn, man meint eine Familie gleichen Namens, dann heißt es freilich "Die Kuckucks kommen". Ich kenne gleich ein halbes Dutzend Kuckucks, und das sind allesamt ganz fabelhafte Leuts!



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.