Zwiebelfisch Heute schon gekrischen?

"Deutschland schneidete bei Pisa schlechter ab als die USA", war im MTV-Videotext zu lesen. Da hatte sich jemand offenbar gehörig geschnitten - wenn er sich nicht geschneidet hatte. Das ist, wie man so schön sagt, gehopfen wie gespringt.


Beim Umgang mit unregelmäßigen Verben geraten wir Deutschen regelmäßig ins Schleudern. Ich selbst kann mich da nicht ausnehmen.

Gemolken oder gemelkt? Egal - die Milch macht's!
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Gemolken oder gemelkt? Egal - die Milch macht's!

Im Juni habe ich anlässlich des rustikalen Tollwood-Festivals in München zum ersten Mal eine Kuh gemolken. Das war neu und aufregend für mich - und offenbar auch verwirrend, denn in einem anschließenden Interview verstieg ich mich zu der Behauptung, ich hätte die Kuh "gemelkt". Zum Glück hat die Zeitung das nicht gedrucken.

Die Unterscheidung zwischen regelmäßigen und unregelmäßigen Verben macht einem das Erlernen der deutschen Sprache nicht gerade leichter.

Die regelmäßigen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Hauptklang in allen Zeitformen behalten: Ich lache, ich lachte, ich habe gelacht. Er siegt, er siegte, er hat gesiegt. Wir kreischen vor Vergnügen, wir kreischten vor Vergnügen, wir haben vor Vergnügen ... ja, meine Freundin Sibylle würde jetzt sagen: "Wir haben vor Vergnügen gekrischen!", aber erstens ist Sibylle in sprachlicher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, und zweitens ist kreischen ein regelmäßiges Verb. Das Ei im Gegenwartskreischen bleibt auch im Perfekt ein Ei.

Die unregelmäßigen Verben dagegen verändern ihren Klang. So wie bei "singen" zum Beispiel: ich singe, ich sang, ich habe gesungen. Ich klinge, ich klang, ich habe geklungen. Ich bringe, ich brang, ich habe ... Nun ja, mit den Analogien ist das so eine Sache.

Eine Leserin wollte von mir wissen, warum sie denn immer so komisch angeguckt würde, wenn sie sagt, sie habe beim Abbiegen "geblunken". Ob das womöglich nicht richtig sei. Also, um eines klarzustellen: Selbstverständlich ist es richtig, beim Abbiegen zu blinken. Man sollte den Blinker sogar schon betätigen, bevor man abbiegt, um seine Absicht anzuzeigen. Mit einem nachträglichen Blinken ist niemandem gedient, daher ist die Frage, wie "blinken" im Perfekt heißt, eigentlich zweitrangig. Wer beim Abbiegen weder geblinkt noch geblunken hat, darf sich nicht wundern, wenn er von einem anderen Auto gestriffen wird.

Es gibt Verben, bei denen ist man sich nie wirklich sicher. Der Verstand sagt einem das eine, und die Zunge sagt was anderes. Ist backen nun regelmäßig oder unregelmäßig? Backen, buk, gebacken - oder backen, backte, gebackt? Wie lautet das Perfekt von niesen? Ich habe geniest, ich habe genießt - oder gar ich habe genossen? Manch einer mag das Niesen genießen, der kann von sich behaupten, er habe es genossen, geniest zu haben. Und in Ostdeutschland konnte man noch bis 1989 die Frage stellen: "Wer von euch hat geniest, Genossen?"

Werden elektronische Informationen nun versendet oder versandt? Wer weiß das schon? Ich habe oft das Gefühl, dass vieles von dem, was tagtäglich so versendet wird, am Ende irgendwo versandet. Für manch einen hat die Sonne auch gar nicht geschienen, sondern gescheint. Denn schließlich hat der Himmel auch geweint und nicht etwa gewienen.

Warum muss es überhaupt zwei Arten von Verben geben? Wäre es nicht viel leichter, wenn alle regelmäßig wären? Ich breche, ich brechte, ich habe gebrecht - das wäre doch viel leichter zu lernen und zu behalten! Dann würde im Deutschen nicht mehr so viel radegebrochen.

Allerdings wäre es auch langweiliger. Viel interessanter wäre es doch, wenn alle Verben gleichermaßen unregelmäßig wären.

Noch aus Schulzeiten kenne ich die Frage: "Selbst gekauft oder geschonken gekrochen?" Man machte sich einen Spaß daraus, Partizipien zu vertauschen und neue Ableitungen zu bilden. Wenn man sich an diesen Gedanken erst einmal gewohnen hat, dann kann man viel Spaß mit den Verben haben!

Brüllen, broll, gebrollen; grinsen, grans, gegronsen - das klingt doch total verschärft! Um nicht zu sagen: verschorfen!

Ein Charakter mit Ecken und Kanten, der im Präsens aneckt, der ak in der Vergangenheit an und hat im Perfekt angeocken. Genauso ist's mit dem abgeschlafften Typen, der schlafft erst ab, dann schloff er ab, und schließlich ist er total abgeschloffen.

Stellen Sie sich vor, Sie verabreden sich mit einer attraktiven Frau, Sie haben womöglich Karten für ein Konzert oder fürs Theater, und da steht die Schöne vor Ihnen, und Sie sagen: "Toll siehst du aus!", und sie erwidert: "Das will ich auch hoffen, ich hab mich schließlich stundenlang aufgebrolzen!" - Brezeln, bralz, gebrolzen: Da steckt doch geradezu Musik drin!

Selbst das Furzen wird zu einem musikalischen Forzato, wenn man es unregelmäßig konjugiert: er furzt, er forz, er hat geforzen.

Die Blumen sind verwolken, der letzte Hotelgast ist abgerissen, und unsere Jugendträume sind geplotzen.

Und wenn Sie sich jetzt fragen: Was hat der Sick mit dieser Geschichte überhaupt bezwacken, dann haben Sie gut zugehoren und das Prinzip verstunden. Für Ihre Aufmerksamkeit sei Ihnen von Herzen gedonken!

E-Mails an den Zwiebelfisch bitte ausschließlich an diese Adresse schicken:

zwiebelfisch@bastiansick.de

Anschrift für Postsendungen:

Bastian Sick
Am Sandtorkai 56
20457 Hamburg



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