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ZEITGESCHICHTE Zwischen den Welten

Das Leben des Schriftstellers Ronald M. Schernikau ist eine deutsch-deutsche Tragödie. 18 Jahre nach seinem Tod erscheint jetzt die erste Biografie des großen Unterschätzten.
aus DER SPIEGEL 10/2009

In jenem Moment, auf den sich sein ganzes Leben zubewegt hatte, geschah das Unvorstellbare. Die Welt jubelte, die Mauer fiel, nur Ronald M. Schernikau wusste nicht mehr, wohin.

Er war in der DDR geboren worden, in Magdeburg im Jahr 1960, seine Mutter war Krankenschwester. Als er sechs war, flüchtete sie mit ihm in die Bundesrepublik, dem Mann hinterher, den sie liebte, Ronalds Vater. Doch der herbeigesehnte Mann hatte längst einen BMW und eine westdeutsche Familie. Mutter und Sohn blieben trotzdem in Lehrte bei Hannover, wo sie abends Ostfernsehen guckten und Heimweh hatten.

Nach dem Abitur zog Ronald auf die Insel West-Berlin und war seinem Sehnsuchtsort DDR damit schon näher. Und schließlich, endlich, bewilligte der sozialistische deutsche Staat seinen Einbürgerungsantrag. Er konnte übersiedeln, die Erfüllung seines Lebenstraums: Schriftsteller in der DDR, eine Zweiraumwohnung in Ost-Berlin, Trabantensiedlung Hellersdorf, schöner ging es nicht, fand er.

Das war im September 1989. Sechs Wochen später gab es die DDR nicht mehr, und mit seinem Traum starb zwei Jahre darauf auch Ronald M. Schernikau, Schriftsteller, Kommunist und Schwuler, 31-jährig an einer Krankheit, die es eigentlich nur im Westen gab, an der Immunschwäche Aids.

Eine deutsch-deutschere, tragischere Künstlergeschichte als diese lässt sich nicht erzählen.

Matthias Frings, Journalist und Fernsehautor, hat genau das jetzt getan. In langjähriger Arbeit hat er, einst ein enger Freund Schernikaus, dessen Leben aufgeschrieben und als Biografie veröffentlicht. Sie heißt »Der letzte Kommunist« und war bereits vor ihrem Erscheinen für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert*.

Das Buch erinnert an einen, dessen literarisches Debüt, die »Kleinstadtnovelle«, 1980 gleich zum Überraschungserfolg für den damals 19-jährigen Autor wurde. Er war ein eigenartiger Junge mit langem, manchmal hennarot gefärbtem Haar, einem fisseligen Oberlippenbart und einer zu großen Kassenbrille - der aussah, so schwärmt sein Freund Frings, »als hätte ihn sich Tho-

mas Mann in einer schwachen Stunde ausgedacht«.

Der SPIEGEL brachte damals eine Besprechung der »Kleinstadtnovelle« und nannte sie »ein erhellendes Stück Prosa«, diese zornige Coming-out-Geschichte eines schwulen Schülers in der Provinz. Schon damals konnte Schernikau so genau beobachten, überraschend analysieren und scharf formulieren wie kaum je ein junger Autor. Als er nach West-Berlin gezogen war, buchten die Fernsehsender diese Diva für ihre Talkshows, wo es den anderen Gästen die Sprache verschlug, wenn Schernikau - nie vorhersehbar, nie plakativ, doch meist klug, wenn auch manchmal irrend - über die Verkommenheit der Bundesrepublik sprach.

Frings' Biografie erinnert auch an einen, der immer kompromissloser wurde, der als Schwuler und als Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei West-Berlins, einer SED-Außenstelle, in einer doppelten Außenseiterrolle festsaß. Obgleich er ständig schrieb, sollte nach seinem Debüt lange kein Buch mehr von ihm erscheinen.

Doch Schernikaus Leben ist zugleich mehr als die Geschichte eines exzentrischen Schriftstellers; auch mehr als die Geschichte der West-Berliner Subkultur der achtziger Jahre zwischen Kadergruppe und Schwulenbar. Vor allem stellen sich anhand seiner Biografie einige Fragen neu, die in den ersten zwanzig Nachwendejahren nur zögerlich angegangen wurden. Zunächst die offensichtlichste: Warum sollte heute ein Schriftsteller in unser Interesse rücken, der wegen seiner politischen Unbequemlichkeit sowohl in Ost wie auch in West kaum gedruckt wurde?

Weil wir, so könnte eine Antwort lauten, heute, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR, möglicherweise eher in der Lage sind, ein ästhetisches Werk von seiner politischen Ausrichtung zu entkoppeln. Ein Beispiel für so eine gelungene Entkopplung ist der DDR-Großdichter Peter Hacks, der bis zu seinem Tod im Jahr 2003 die Mauer pries und den Massenmörder Stalin und der nach der Wende, als ein linker DDRler wie Heiner Müller längst vom deutschen Feuilleton umarmt worden war, noch lange im Abseits stand - aufgrund seiner politischen Ansichten so geächtet, dass die Qualität seiner Verse nicht zählte.

Das hat sich erst in den vergangenen Jahren geändert, plötzlich ist auch Peter Hacks im traditionell bürgerlichen westdeutschen Kanon willkommen.

Mit Ronald Schernikau steht nun der nächste Schriftsteller zur Entdeckung bereit, dessen politische Sätze - »das schönste bauwerk europas ist die mauer« - Zumutungen sind, der aber eben gleichzeitig Sätze schreiben konnte wie diese: »die ddr ist willy millowitsch, wenn er ernste rollen spielt. willy millowitsch hockt auf dem boden in einem stück, gräbt in dem boden herum, sieht hoch und hält streng moralische reden.« Wenige Autoren haben je mit derselben Leichtigkeit und Schärfe über die DDR geschrieben. Schernikau, der bedauerlicherweise die Angewohnheit hatte, in linksradikaler Tradition alles kleinzuschreiben, tat es, und seine Kritik verschreckte die sozialistische Republik, weil er diese ja eigentlich liebte.

Es war der nun postum rehabilitierte Peter Hacks, Schernikaus großer Mentor, der dem jungen West-Berliner Kollegen vor seiner Übersiedlung in einem Brief aus dem Osten riet: »Falls Sie vorhaben, ein großer Dichter zu werden, müssen Sie in die DDR; sie allein stellt Ihnen - auf entsetzliche Weise - die Fragen des Jahrhunderts. Sollte dagegen Ihr Talent darin liegen, Erfolg zu haben und Menschen zu erfreuen - in dem Fall freilich würde ich mir einen solchen Entschluss noch überlegen.«

In diesem Rat steckt die zweite fundamentale Frage, die das Leben des Ronald M. Schernikau stellt: Wie kann es sein, dass ein Künstler, ein derart exaltierter und schwuler obendrein, die Chancen für seine Kunst in der Enge der DDR höher einschätzte als im Pluralismus der Bundesrepublik? Man schrieb ja nicht das Jahr 1955, als etwa Hacks nach Ost-Berlin übersiedelte, oder gar das Gründungsjahr 1949, in dem Brecht das tat - zu einer Zeit also, als dem sozialistischen Deutschland mit viel gutem Willen noch etwas Jungfräuliches unterstellt werden konnte.

Nein, Schernikau wollte Mitte der achtziger Jahre in den Osten, in den dumpfen Schlussjahren des Kalten Kriegs, als Ronald Reagan in der Sowjetunion längst das »empire of evil« ausgemacht hatte, als Mauerschüsse, Überwachung und Einkerkerungen bekannt waren und es als ausgemacht galt, dass Kunst und Freiheit nicht auseinanderzudenken waren.

Ronald Schernikau wollte trotzdem hin. Als er schließlich gegangen war, rief ihm seine Freundin Elfriede Jelinek nach, es sei doch »eine seltsame Vorstellung, wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten«.

Doch Schernikau wusste, warum er ging. Er hatte Gründe für seine Übersiedlung, die zumindest aus künstlerischer Sicht ernst zu nehmen sind. Sie sind nachzulesen in seinem wahrscheinlich stärksten Buch, »die tage in l.«, das von seinem dreijährigen Gastaufenthalt am Leipziger Literaturinstitut handelt, den er absolvierte, ehe er 1989 endgültig die Staatsbürgerschaft der DDR annahm: »im Jahre neunzehnhundertsechsundachtzig«, so beginnt Schernikau, »am zweiundzwanzigsten September, dem tag des heiligen mauritius, betrat ich die deutsche demokratische republik. ich war, fast auf den monat genau, zwanzig jahre im westen gewesen. ich war sechsundzwanzig jahre alt. ich schleppte die drei schwersten koffer in den raum wo die grenze ist, die genossin sah auf mein papier und sagte: da studieren sie jetzt also bei uns, und ich war da. der zug nach leipzig kam aus binz. die Leute im abteil lasen westbücher. ich bins!, wollte ich immer rufen: ein ddrbürger der einen westberliner spielt der einen ddrbürger spielt!«

In Leipzig beginnt Schernikau eine Affäre mit seinem Parteisekretär, der hieß Jens. Man konnte in der DDR also nicht bloß Kommunist sein, sondern auch problemlos schwul.

»die tage in l.«, nonlinear, aphoristisch und fragmentarisch erzählt, vereint eine Doppelperspektive: die des westdeutschen Kommunisten auf die DDR und die des DDR-Studenten auf die Bundesrepublik. Er kommt zu dem Schluss, dass »die ddr

und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur«.

Unter zu verschiedenartigen Bedingungen entsteht Literatur in den beiden deutschen Staaten, das versteht Schernikau in Leipzig. Auf der einen, der westlichen Seite sieht er den »Terrorismus des Pluralismus«, der es jedem erlaubt, alles zu sagen, so laut, bis am Ende niemand mehr etwas hört. Das gilt nicht nur für die Literatur, es gilt für alles, Fernsehen, Medien und Werbung. »egal was aus dem fernseher rauskommt, es ist alles literatur. das verhältnis der brdbürger zur Welt ist ein literarisches. es darf unerbittlich alles behauptet werden, dafür ist nichts davon wahr.«

Auf der anderen, der östlichen Seite steht die Zensur, die Schernikau trotzig immer wieder verteidigte. »Es soll mir doch keiner erzählen, dass die Abschaffung der Zensur eine Blüte der Literatur hervorbringt«, zitiert ihn sein Biograf Frings. »Dafür ist die BRD nun wirklich das Gegenbeispiel. Die Literatur der DDR war immer besser als die der BRD.«

So absurd diese Feststellung sein mag, in ihr steckt auch die Frage, die Schernikau immer beschäftigt hat. Kann ein Land bessere Literatur hervorbringen als ein anderes? Zumindest die Bedingungen lassen sich gegenüberstellen: In Leipzig bekommt Schernikau 600 Mark im Monat und eine Wohnung; in West-Berlin lebte er in einem Loch, wie er sagte, und musste einer »Lohnarbeit« nachgehen. In der DDR konnte er sich als Schriftsteller - erfolgreich oder nicht - ganz auf seine Kunst konzentrieren; in West-Berlin hatten ihn die meist prekären Lebensumstände davon abgehalten.

1989 wurde »die tage in l.« veröffentlicht, nicht in der DDR, wie Schernikau sich erhofft hatte, sondern vom Konkret Literaturverlag in Hamburg. Und es gehört eben zu der Tragik des Ronald M. Schernikau, dass damals niemand erkannte, dass hier genau jener Roman vorlag, den die Kritiker in den kommenden Jahren immer wieder fordern würden: eine Beschreibung der letzten Jahre der DDR. Schernikau ist dies - wenn auch auf ganz andere Weise - mit jener Präzision und Klarsicht gelungen, die heute, fast zwei Jahrzehnte später, Uwe Tellkamps »Der Turm« attestiert wird.

Am 1. September 1989 verlädt Ronald M. Schernikau seine Bücherkisten in West-Berlin in einen Kastenwagen. Die Zeitungen sind gekommen und auch der Sender Freies Berlin, sogar die amerikanische NBC fragt ihn, ob er jetzt »happy« sei. Seine neue Adresse lautet Albert-Norden-Straße 241, Hellersdorf, zu jener Zeit eine der größten Neubausiedlungen Europas. Schernikaus Wohnung ist modern und schneeweiß. Er stellt sie mit Ikea-Möbeln voll, ausgerechnet. Dass um ihn herum sein Traumland zusammenkrachte, musste er gemerkt haben, realisiert hat er es nicht.

Ronald M. Schernikau balancierte wie kein anderer Schriftsteller zwischen den beiden deutschen Systemen, das Wort ließ er sich von keinem verbieten. Er war ein Mann, der gegen die Geschichte rannte. Dass weder das eine noch das andere System seine literarische Brillanz erkannt hat, daraus spricht Borniertheit auf beiden Seiten.

In einer seiner letzten öffentlichen Äußerungen, auf dem DDR-Schriftstellerkongress 1990, sagte Schernikau: »Meine Damen und Herren, Sie wissen noch nichts von dem Maß an Unterwerfung, die der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlangt.« Es wäre interessant geworden, wäre dieser literarische Kommentator auch dem neuen, wiedervereinten Deutschland erhalten geblieben. PHILIPP OEHMKE

* Matthias Frings: »Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau«. Aufbau-Verlag, Berlin; 488 Seiten; 19,95 Euro. * Auf der Berliner Mauer; gemalt vom Moskauer Künstler Dmitrij Wrubel 1990 (nach einem Foto von 1979 mit dem sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew und dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker).

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