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FILM Zwischen den Zeiten

»Floating« und »Lalai Dreamtime«. Dokumentarfilme von Michael Edols. Australien 1976. Farbe; 75 und 57 Minuten.
aus DER SPIEGEL 31/1978

Die Vermutung, beim Fortschritt der Zivilisation handle es sich eher um eine Bewegung von einem seligen Zustand weg als zu einem entsprechenden hin, hat sich inzwischen zumindest eingegroßbürgert.

Wie Reservate einer rückwärts gewandten Utopie erscheinen aus dieser Sicht die wenigen noch verbliebenen weißen Flecken primitiver Kulturen -- von einigen Eskimostämmen im Norden Kanadas bis zu den Papuas in Neuguinea -- auf der Weltkarte der frohgemuten technologischen Progression.

Nicht immer vollzieht sich die »Erlösung« derartiger Kulturen aus der Geschichtslosigkeit so brutal wie auf den Philippinen, wo Präsident Markos einen primitiven Stamm, der die größte Zeit des Jahres über in einem erloschenen Vulkankrater lebt, vom Hubschrauber aus als seine Untertanen begrüßte. Auch sind die so hehren wie brutalen Missionarsideale geschrumpft. Als Heiden gelten heute eher Primitive, die Coca-Cola nicht kennen und noch nie Transistorradio gehört haben.

Die beiden ethnologischen Filme des Australiers Michael Edols beschreiben, in einem dialektischen Zusammenhang stehend, die zivilisatorische Kolonisation australischer Ureinwohner, die mit dem Aufpfropfen christlicher Religion anfängt und die Erschließung neuer Märkte meint.

Auf allwissenden Kommentar verzichtend, zeigt Edols in »Floating« mit Bildern voll grausamer Trauer ein synthetisches Dorf, in das ein Häuflein Ureinwohner aus seiner angestammten Heimat verbracht worden ist.

Wie Triumphbögen des Fortschritts stehen inmitten der jämmerlichen Wellblechhütten Kirche, Shopping-Center und Diskothek. Der Friede dieser Hütten ist nichts als die erstaunte Resignation vor der bis ins Jenseits verlängerten Übermacht modern organisierter Lebensweise. Daß sie es gut meinen, diese Weißen, aus deren Gesichtern zivilisatorische Frontmentalität strahlt, ist anzunehmen. Fragt sich nur mit wem.

Schließlich ist für alles gesorgt. Die dumpfe Trauer der alten Ureinwohner findet Trost in den Kirchenchorälen auf der Missionsstation. Für den Drang der Jungen gibt es die Diskothek, für ihre sonst inhaltsleeren Träume die elektronischen Medien. Das sprachlos empfundene Gefühl der Unterlegenheit gegenüber einer Kultur, die sich ihren Nachschub per Jet von weither holt, äußert sich in Apathie -- sie macht es den Weißen so schwer, ihre zweckmäßigen Gesetze der Logik in die mythenvollen Köpfe der ihnen »Anvertrauten« zu hämmern.

In »Lalai Dreamtime« unternimmt Edols den Versuch, mit älteren Ureinwohnern in ihrer einstigen Heimat jene Mythen zu rekonstruieren, aus denen diese Kultur einst lebte. Zu Bildern einer unberührten Wildnis erzählt ein alter Mann in seiner Sprache von der Entstehung der Welt.

Der Film wirkt wie eine hilflose, entschuldigende Referenz an einen Urzustand, in den die »Aborigines« für die Dauer der Dreharbeiten aus ihrer Bierdosenwüste zurückversetzt wurden.

Die Dialektik der beiden Filme illustriert jene Beobachtung Hermann Hesses aus dem »Steppenwolf«, die Edols als Motto den Filmen vorangestellt hat:

»Jede Zeit, jede Kultur, jede Sitte und Tradition hat ihren Stil, hat ihre ihr zukommenden Zartheiten und Härten, Schönheiten und Grausamkeiten, hält gewisse Leiden für selbstverständlich, nimmt gewisse Übel geduldig hin. Zum wirklichen Leiden, zur Hölle, wird das menschliche Leben nur da, wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander überschneiden ... Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile hineingerät, daß ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte, jede Geborgenheit und jede Unschuld verlorengeht.«

Wolfgang Limmer
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