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Theater Zynisches Lachen über Aids

aus DER SPIEGEL 1/1996

Was tun, wenn der verlorene Sohn heimkehrt mit der Nachricht: »Ich habe Aids«? Schreien, weinen, ihn verfluchen? »Wir machen ein kaltes Büfett. Das wird nett«, entgegnet Mama Duncan ihrem Sohn Todd, der nach fünf Jahren in der Fremde standesgemäß mit einer Party begrüßt werden muß - da läßt sich die Mutter nicht beirren. Das Drama Aids - eine Farce.

Der US-Autor Nicky Silver, 35, hat mit »Pterodactylus« ein Stück geschrieben, das durch die Beiläufigkeit provoziert, mit der es die tödliche Krankheit behandelt: Aids ist nur ein Problem, solange das passende Designerkleid für die Beerdigung noch nicht gekauft ist. Mit diesem zynischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft scheint Silver, dessen frühere dramatische Machwerke für ihren ziemlich abstrusen Humor berüchtigt sind, den Nerv der Zeit zu treffen: »Pterodactylus« wurde mehrfach ausgezeichnet, der Kritiker der New York Times schrieb, »es wird Zeit, den Dramatiker Nicky Silver ernst zu nehmen«. Von einem »Aids-Stück der zweiten Generation«, einer »apokalyptischen Klamotte« redet Regisseur Gerd Heinz, der das Stück am Freitag vor Weihnachten in München erstmals auf deutsch herausbrachte, wenn auch in einer leblosen, ängstlichen Inszenierung: »Die ersten Stücke zum Thema setzten doch bloß auf Aufklärung und Betroffenheit.«

Bei Silver ist Aids nur ein Problem von vielen, die es bei der gutbürgerlichen weißen Familie Duncan zu verdrängen gilt: Da sind die Neurosen der Tochter, die Trunksucht der Mutter, die Wurstigkeit des Vaters, der die Tochter mißbraucht hat - und schließlich erlebt der angehende Schwiegersohn auch noch sein Coming-out und gefährdet so die schöne Hochzeitsfeier. In knappen Sätzen läßt Silver die Figuren komisch aneinander vorbeireden, die Mutter lästert über ihre Bekannten, der Vater schwärmt vom Baseball; was früher mal ein Problemstück gewesen wäre, präsentiert sich heute als Phänomenologie des Trash - Parallelen zu amerikanischen Fernseh-Sitcoms sind durchaus beabsichtigt. Als Vorbilder nennt der Autor allerdings andere: Edward Albee zum Beispiel, Joe Orton und Bertolt Brecht. Von Brecht hat er nicht nur die Vorliebe, die Protagonisten gelegentlich direkt zum Publikum sprechen zu lassen, sondern auch die Intention: Hinter dem Zyniker verbirgt sich der Moralist, der auf die Läuterung der Zuschauer hofft, wenn ihnen das Lachen im Hals stecken bleibt. »Man sollte die Möglichkeiten der Kommunikation nicht überschätzen«, sagt Silver, »aber wenn du deine Sache gut machst, schaffst du es vielleicht, den Leuten eine Wahrheit zu vermitteln, die sie nicht hören wollen - oder sogar zwei.«

Bei »Pterodactylus« heißt diese Wahrheit: Die Spezies Mensch ist dabei, sich selbst auszulöschen - so wie einst die Dinosaurier verschwanden, von denen einer als Mahnmal auf der Bühne steht. Schwarze Pointe der Silver-Komödie: Die Mama krepiert am Alkohol, die Tochter erschießt sich, und Papa sucht das Weite. Der HIV-Infizierte Todd steht als Sieger auf Zeit im Ring - Aids stärkt die Überlebenskraft.

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