Heiraten unter Studenten Der neue Mut zur Verbindlichkeit

Viele Studenten bekennen sich zu traditionellen Werten und handeln auch nach ihnen: Sie heiraten in einer Zeit, die sonst eher für ungebundene Freiheit steht. Eltern atmen auf - könnte man meinen.

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Herr und Frau Ziemek kennen sich seit Kindertagen. Auf einem Krefelder Schulhof haben sie sich verliebt, und seither sind sie unzertrennlich. Und das soll so bleiben, auf ewig. "Thorben ist mein Fixpunkt, mein Halt, in diesem schnellen Leben", sagt Hannah Ziemek.

Wird ein geliebter Mensch in seiner Daseinsform als Gatte zu einem stabileren Halt, einem irgendwie festeren Fixpunkt? Hannah jedenfalls sagte sofort "ja", als Thorben ihr einen Antrag machte. Ungeheuer romantisch: im Retiro, dem Rosengarten in Madrid. Die Hochzeit folgte im September 2010 in einer Duisburger Kirche. Hannah war 24, Thorben 23 Jahre alt.

Nicht einmal Prinz William, als britischer Thronfolger Sklave der Tradition, hatte es so eilig mit seiner Kate. 28 Jahre, oder 30, wäre ein gutes Alter, um zu heiraten, fand Dianas Sohn, als er noch Kunstgeschichte in St Andrews studierte. Und hielt sich an die eigene Vorgabe: 28 war der Prinz, als er der gleichaltrigen Ex-Kommilitonin im November den Antrag machte.

Hannah, die Komparatistikstudentin, und Thorben, angehender Informatiker, gelten ihren Kommilitonen nun als Exoten. "Wie, ihr seid schon verheiratet?", diese Frage hören sie oft. Sie haben ihr Leben in Bahnen gelenkt - in einer Lebensphase, in der die meisten Altersgenossen sich alle Möglichkeiten offenhalten, sich umtun nach dem besten Stipendium, dem lukrativsten Nebenjob, dem tollsten Mann, der attraktivsten Frau.

Alle Umfragen zeigen: Die Scheu vor dem Heiraten ist gering

"Den meisten fallen endgültige Entscheidungen schwer. Sie wollen sich nicht festlegen, um weiterhin flexibel und für alle Optionen offen zu bleiben", sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann.

Es ist schon so, laut der aktuellen Shell-Jugendstudie sind Partnerschaft und Familie für die heutige Jugend so wichtig wie für kaum eine Generation zuvor. So glaubt eine stetig wachsende Mehrheit junger Frauen und Männer, 76 Prozent, dass man eine Familie brauche, um überhaupt glücklich zu sein. Vor acht Jahren waren es noch 70 Prozent, 2006 dann 72 Prozent.

Fast genauso groß (70 Prozent) ist der Anteil an Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, die eine Hochzeit fest eingeplant haben im Leben; das ergab eine großangelegte SPIEGEL-Umfrage vom letzten Jahr. Und laut der Studentenspiegel-Erhebung von SPIEGEL, McKinsey und studiVZ geht das Bekenntnis zu Ehe und Familie quer durch alle Studienfächer und wird von Frauen und Männern gleichermaßen geteilt.

Immerhin fünf Prozent aller Studentinnen und Studenten, also etwa 100.000, haben laut der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks dann auch gleich den Gang zum Standesamt gewagt. Das ist allerhand, denn die Zahl der Eheschließungen pro Einwohner nimmt seit Jahrzehnten ab. Im Jahr 2009 haben sich in Deutschland bloß 378.412 Paare gegenseitig die Ringe übergestreift.

Soziologe Hurrelmann kann die Entscheidung der Eheleute Ziemek verstehen. Er hört sich an wie Hannah, wenn er sagt, dass es klug sei, "sich einen Halt zu schaffen" inmitten der "Unsicherheiten" des Lebens.



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Bondurant 01.02.2011
1. 68
Interessant wird nur, ob diese Jungkonservativen den Alt 68ern und Nachahmern mit Hinweis auf deren bindungs- (und kinderloses) Lotterleben die Renten- und Pensionszahlungen verweigern werden.
Monark, 01.02.2011
2. Die Scheu vor dem Heiraten ...
... ist nur deshalb so gering, weil das Scheidenlassen so einfach ist. Jede zweite Ehe in Deutschland wird wieder geschieden. Als es bei mir so weit war, meinte die Richterin: "Ihre Ehe hat ja doch recht lange gehalten." Es waren vier Jahre. Ich fragte noch einmal nach, ob sie das ernst meinte. Mit einem belustigten Gesichtsausdruck antwortete sie: "Was glauben Sie, wie viele junge Paare nach einem Jahr schon wieder bei mir auf der Matte stehen?" Also nichts mit Renaissance von alten Werten oder "Mut zur Verbindlichkeit". Obwohl - schön wär's schon.
VPolitologeV, 01.02.2011
3. Und....
Das ist zwar interessant, aber vorhersehbar gewesen. Wenn es denn zur individuellen Lebensgestaltung gehört - bitte.
evida 01.02.2011
4. Lotterleben?
Bodurant, was sind Sie denn für ein Spinner? Die paar 68er, die tatsächlich wegen ihrer Lebenseinstellung kinderlos blieben und nicht selber Teil des Establishments wurden, das sie mal ablehnten, kann man doch an den Fingern einer Hand abzählen! Die unverheirateten Paare zahlen doch mit ihren Steuern und Beiträgen die Steuervorteile, die Familienversicherung der Ehefrauen und ihre Witwenrenten und am Ende der Ehe noch oft genug das ergänzende Hartz IV für die Für-immer-Hausfrauen. Sein Sie doch froh, dass es vor allem Frauen gibt, die ganz im Sinne der 68er heute berufstätig sind und ihren Teil schultern anstatt die Gesellschaft auf einen potentiellen Benefit zu verweisen, den sie angeblich mal von den Kindern haben wird. Wenn die nämlich das Erbe ihrer Eltern in die Schweiz transferiert haben und ihren Wohnsitz gleich dazu, dann wird damit in Deutschland auch keine Rente und kein Kindergartenplatz finanziert.
Monark, 01.02.2011
5. -
Zitat von BondurantInteressant wird nur, ob diese Jungkonservativen den Alt 68ern und Nachahmern mit Hinweis auf deren bindungs- (und kinderloses) Lotterleben die Renten- und Pensionszahlungen verweigern werden.
Irgendeine Möglichkeit findet sich anscheinend immer, die eigenen Ressentiments unters Volk zu streuen.
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