Absolventengehälter Was Berufseinsteiger wert sind

Bei großen deutschen Industrieunternehmen sind die Gehälter für Berufsstarter deutlich gestiegen. Eine neue Studie der IG Metall zeigt, dass Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler von der Uni am meisten einstreichen - knapp 49.000 Euro im Jahr. Absolventen der Betriebs- und Volkswirtschaft holen auf.


Für Berufseinsteiger, denen es an Erfahrungen mit Bewerbungen fehlt, ist die Frage nach ihrem Gehaltswunsch besonders unangenehm. Mal naht sie zum Ende des Vorstellungsgesprächs, oft lauert sie schon bei der schriftlichen Bewerbung. Das bedeutet pokern: Soll man offensiv und selbstbewusst auftreten oder sich dem potenziellen Arbeitgeber lieber gebückt nähern, nach dem Motto "Ich kann nichts, ich bin nichts, bitte geben Sie mir einen Job"? Wer zu hoch ansetzt, ist rasch aus dem Rennen. Übertriebene Demutshaltung sehen Personaler aber auch nicht gern - denn allzu niedrige Gehaltserwartungen verraten, dass der Kandidat sich wenig zutraut.

Tief ins Portemonnaie geschaut: Für Berufsstarter wieder mehr drin
[M]DPA;mm.de

Tief ins Portemonnaie geschaut: Für Berufsstarter wieder mehr drin

Die zuverlässigste Quelle für Einstiegsgehälter sind Arbeitsverträge anderer Berufsstarter. Deshalb fragt die IG Metall jedes Jahr bei Betriebsräten nach, was Hochschulabsolventen verdienen. An der neuen Erhebung beteiligt waren Betriebsräte von 16 großen deutschen Unternehmen aus den Branchen Automobil, Elektro, IT, Maschinenbau und Telekommunikation - teils mit, teils ohne Tarifbindung.

Auf der Basis der Daten von rund 2000 Berufseinsteigern aus dem dritten Quartal dieses Jahres ermittelte die Gewerkschaft, dass junge Akademiker mit technischen und naturwissenschaftlichen Abschlüssen deutlich höhere Einstiegsgehälter als im Vorjahr vereinbaren konnten. Am stärksten trumpfte die Gruppe der Informatiker, Mathematiker, Physiker, Chemiker Maschinenbauer, Elektrotechniker und Ingenieure ähnlicher Disziplinen auf.

Ökonomen legen stark zu

Absolventen dieser Studiengänge von Universitäten kamen auf ein durchschnittliches Jahresbruttogehalt von rund 48.600 Euro, somit gut fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Einsteiger von Fachhochschulen kamen auf 43.500 Euro, von Berufsakademien auf 42.300 Euro. Uni-Absolventen der Betriebs- und der Volkswirtschaftslehre kommen mit 47.400 Euro auf ein fast ebenso hohes Durchschnittsgehalt. Damit haben sie aufgeholt und im Vergleich zum Vorjahr um fast zehn Prozent zugelegt - allerdings waren die Gehälter 2003 auch deutlich geschrumpft.

Jahresgehälter von Absolventen (in Euro)

Hochschule Fachbereich Gehalt
Uni BWL, VWL 47.395
Uni Informatik, Ing., Nat.wiss. 48.629
FH BWL 43.426
FH Informatik, Ing., Nat.wiss. 43.546
Berufsakad. bzw. Bachelor BWL 41.747
Berufsakad. bzw. Bachelor Ing., Informatik 42.258

Quelle: IG Metall

Uni-Abgänger haben beim Berufsstart nach wie vor einen Vorsprung gegenüber ihren Kollegen von Fachhochschulen oder Berufsakademien. Manche Unternehmen machen aber keine Gehaltsunterschiede. Nach Angaben der Gewerkschaft variieren die Einstiegsgehälter bei FH- oder Berufsakademie-Absolventen besonders stark. Pluspunkte bringen eine abgeschlossene Berufsausbildung, Praxiserfahrung und besondere Qualifikationen.

Unter die Lupe genommen wurden nur die 16 großen Unternehmen, keine kleinen und mittleren Firmen. Die aber zahlen im Schnitt deutlich niedrigere Gehälter als Großkonzerne. Wer sich also bei einem kleineren Arbeitgeber bewirbt, sollte für seine Gehaltsvorstellungen nicht allein die IG-Metall-Übersicht als Richtschnur nehmen, sondern sich auch anderswo über die üblichen Einkommen für Einsteiger informieren.

Bei ihrer Erhebung berücksichtigt die IG Metall alle "harten" Gehaltsbestandteile wie die fixen Monatsgehälter, eventuell das 13. Gehalt, Leistungszulagen, Urlaubsgeld und Sonderzahlungen. Was die Firma freiwillig zahlt, gehört nicht dazu, etwa vermögenswirksame Leistungen, Firmenwagen oder betriebliche Altersversorgung. Die angegebenen Jahresgehälter treffen genau die Mitte der Einstiegsgehälter - jeweils 50 Prozent liegen darüber und darunter. Bei den Betriebs- und Volkswirtschaftlern mit Uni-Abschluss zum Beispiel beträgt dieser Median 47.400 Euro. Zehn Prozent der gezahlten Einstiegsgehälter liegt unter 43.100 Euro, ebenfalls zehn Prozent über 50.500 Euro.

Internationale Umfrage beginnt

Die IG Metall hat bereits zum vierten Mal seit 2001 nach den Einstiegsgehältern von Absolventen gefragt. Die Gewerkschaften wollen sich künftig stärker in die Ermittlung von Löhnen und Gehältern einschalten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund beteiligt sich an einem internationalen Projekt zur kostenlosen Online-Auskunft über tatsächliche Einkommen in allen Branchen und Berufen. Noch gibt es keine aussagekräftige Datenbasis, aber das soll sich bald ändern: Per Fragebogen unter www.lohnspiegel.de können Beschäftigte anonym Auskünfte über ihre Arbeit geben.

Gehälter junger Ingenieure: Übersicht von Personalmarkt.de

Gehälter junger Ingenieure: Übersicht von Personalmarkt.de

Internetbasierte Gehaltsübersichten sind nicht gerade neu. So kooperiert SPIEGEL ONLINE mit Personalmarkt.de, einem der größten Anbieter mit fast 300.000 Datensätzen zu allen Branchen, Berufen und Positionen. Die Hamburger Vergütungsberatung gestaltet bei SPIEGEL ONLINE regelmäßig Gehaltsreports zu akademischen Berufen und bietet zudem individuelle Gehaltsanalysen an.

Mit ihrem Projekt erheben die Gewerkschaften aber nicht nur Gehaltsdaten, sondern fragen zum Beispiel auch nach der Arbeits- und Fahrtzeit, nach Geschlecht, Alter, Familienstand oder Ausbildung. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt in Deutschland von der Hans-Böckler-Stiftung. Sie will auswerten, ob Frauen gleich viel verdienen wie Männer, wie sich die Ausbildung auf den Beruf auswirkt oder wie viele Arbeitnehmer von Tarifverträgen profitieren.

Deutschland ist nur eines von neun beteiligten Ländern. In den Niederlanden gibt bereits eine aussagekräftige Datenbank (www.loonwijzer.nl). Mit Förderung der EU-Kommission machen auch Forschungsinstitute und Gewerkschaften aus Belgien, Dänemark, Finnland, Großbritannien, Italien, Polen und Spanien mit. "Es wird also auch möglich sein, einen Blick über die Grenzen zu werfen und zu gucken, was die Nachbarn für welche Tätigkeiten zahlen", wirbt die IG Metall für den Lohnspiegel.

Jochen Leffers



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.