Ärzte auf Abwegen Massenflucht der Weißkittel

Fast die Hälfte eines Medizinerjahrgangs ergreift nicht den Arztberuf. Den Abtrünnigen geht es häufig besser als ihren Kollegen in den Kliniken: Die Wirtschaft zahlt höhere Gehälter - und endlose Überstunden bleiben eine Ausnahme.

Von Peter Ilg


Eigentlich wollte Joachim Bischof Chirurg werden. Mit 28 Jahren hatte er den Doktortitel in der Tasche und verbrachte den größten Teil des Tages am Operationstisch. Bis er selbst auf dem Tisch lag. Mit 29 hatte er einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten, bedingt auch durch das lange, nach vorn geneigte Stehen im OP. Drei Jahre später musste er operiert werden. Bischof suchte nach einer beruflichen Alternative, zumal er seine damals einjährige Tochter wegen Wochenend- und Nachtdiensten nur selten zu sehen bekam.

Glücklich mit seinem Berufswechsel: Arbeitsmediziner Joachim Bischof

Glücklich mit seinem Berufswechsel: Arbeitsmediziner Joachim Bischof

Der Mediziner fand beim Automobilbauer Opel eine Stelle als Assistent des Facharztes für Arbeitsmedizin. Die Ausbildung dauerte zwei weitere Jahre. Seine Kollegen spotteten: "Der Bischof geht in den Vorruhestand." Die Arbeitsmedizin hatte als Fachgebiet nicht den besten Ruf. Doch Bischof ging seinen Weg unbeirrt weiter.

Heute leitet der 44-Jährige das Gesundheitsmanagement bei der BMW Group in München. Er hat die fachliche Leitung von knapp 30 Arbeitsmediziner und gehört zum oberen Management. Seine Frau und die inzwischen zwei Kinder sehen ihn unter der Woche nicht viel häufiger als früher. Dafür hat er keine Nachtschichten mehr und an den Wochenenden meist frei.

"Oft braucht man einen persönlichen Dämpfer, damit man seine Situation grundlegend ändert", sagt Bischof heute. Er kann verstehen, dass viele junge Ärzte die Flucht aus den Kliniken antreten. Schon seit Monaten laufen Ärztevertreter Sturm gegen die Arbeitsbedingungen und geringe Bezahlung in den Kliniken - zuletzt mit einem Streik an der Berliner Charité.

Junge Ärzte sind angeschmiert

Zum 1. Oktober 2005 wurde der Bundesangestelltentarif BAT durch den Tarifvertrag öffentlicher Dienst TVöD ersetzt. Wer davor schon angestellter Klinikarzt war, durfte sich über eine finanzielle Besitzstandwahrung freuen.

Angeschmiert sind junge Ärzte, die nach dem Stichtag in den weißen Kittel geschlüpft sind und schlüpfen werden. Der Marburger Bund hat ausgerechnet, dass ein 29-jähriger verheirateter Arzt über einen Zeitraum von zehn Jahren exakt 31.298,46 Euro weniger verdient als zu BAT-Zeiten.

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Der Einkommensunterschied liegt vor allem an der Leistungsorientierung des neuen Tarifvertrags: Die Regelbeförderung nach zwei Jahren wurde abgeschafft. "Der neue Tarifvertrag hat den kochenden Vulkan zum Ausbruch gebracht", schimpft Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, des Berufsverbands der Ärzte. Die Arbeitsbelastungen in den Kliniken nähmen zu, der ohnehin karge Lohn gehe weiterhin zurück. Im ersten Jahr verdient ein 28-jähriger, lediger Arzt in einer öffentlichen Klinik 3070 Euro brutto pro Monat, im fünften Jahr sind es 3400 Euro.

Bei BMW hingegen fängt ein junger Ingenieur im Schnitt mit knapp 4000 Euro brutto an und wird selten 60 Stunden die Woche arbeiten müssen. Dafür sorgt die strikte Einhaltung der Arbeitsschutzgesetze. "Bei uns wird medizinische Prävention ernst genommen, die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter erhalten", betont Bischof.

In der Klinik hatte er auch unter dem "Nasenfaktor" gelitten: "Man ist in seinem beruflichen Fortkommen auf Gedeih und Verderb dem Wohl und Wehe des Chefarztes ausgeliefert", berichtet er aus dem Klinikalltag. Darunter leiden viele junge Mediziner.

"Heute kann ich Dinge umsetzen, die mir wichtig sind", meint auch Anthony Lauw. Der 32 Jahre alte Mediziner war in der Unfallchirurgie und arbeitet seit gut zwei Jahren bei Novartis Pharma in Nürnberg, jetzt als verantwortlicher Produktmanager für einen Blutdrucksenker. Die Arbeitszeit flexibel zu gestalten, bedeutet für Lauw Lebensqualität, die er vorher nicht kannte.

Schwundrate von 41 Prozent

Nach Angaben der Bundesärztekammer liegt die Schwundrate von Medizinern aus ihrem Beruf bei 41 Prozent. Im Jahr 1997 hatten 11.700 Studenten ein Medizinstudium aufgenommen, im Abschlussjahr 2003 aber nur 6802 ihre Arzt-im-Praktikum-Stelle tatsächlich angetreten.

Die Studienabbrecherquote bei Medizinern ist besonders niedrig. Der Rest wandert ab, in die Wirtschaft oder ins Ausland. 6300 deutsche Ärzte arbeiten in ausländischen Kliniken, meist für besseres Geld. Eine Studie des britischen Gesundheitsministeriums ergab, dass deutsche Klinikärzte im internationalen Vergleich Geringverdiener sind. 2004 gab es in Deutschland rund 306.500 Ärzte, davon 146.000 Klinikärzte. Der Marburger Bund warnt schon seit Jahren vor dem Ärztemangel.

Den Ärztemangel spürt inzwischen sogar schon Joachim Bischof: "Wenn wir eine Stelle ausschreiben, erhalten wir weniger Bewerbungen als noch vor zwei oder drei Jahren." Das liegt sicher nicht am Unternehmen: BMW gehört zu den begehrtesten Arbeitgebern unter Hochschulabsolventen hierzulande. Auch die Arbeitsmedizin habe ihr Ansehen inzwischen stark verbessert, so Bischof. "Die Berufsaussichten für Mediziner sind viel schlechter geworden", begründet er das nachlassende Interesse am Arztberuf.

Dass Ärzte auch außerhalb von Klinikmauern Menschen helfen können, davon ist Korinna Pilz fest überzeugt. Nach ihrem Biologiestudium ging sie in die Forschung und studierte nebenher Medizin. Ihr Ziel war es, an der Schnittstelle zwischen Medizin und Biologie zu arbeiten. "Nach mehreren Jahren Arbeit im Krankenhaus hat sich aber herausgestellt, dass sich der Klinikalltag nicht mit dem Forschungsalltag verbinden lässt", sagt die 39-jährige im Rückblick. Heute arbeitet sie beim Pharmaunternehmen Merck in Darmstadt und ist zuständig für internationale Studien eines neuen Krebsmedikaments.

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