Ärzte-Protest "40-Stunden-Woche? Ich lach mich tot"

Seit Montag streiken Assistenzärzte an Uni-Kliniken gegen miese Arbeitsbedingungen, zu viele Überstunden und Lohnkürzungen. Ihre Aktionswoche fruchtet: Die Arbeitgeber bewegen sich ein bisschen - reden wollen sie wieder, aber zahlen eher nicht.

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Weißkittel-Alarm (in Berlin): Noch lange nicht protestmüde
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Weißkittel-Alarm (in Berlin): Noch lange nicht protestmüde

Am Freitag haben etwa 2500 Klinikärzte aus ganz Deutschland in Berlin erneut gegen schlechte Bezahlung und überlange Arbeitszeiten demonstriert. Ihre Kundgebung bildete den Abschluss einer Aktionswoche mit Warnstreiks, bei der seit Montag nahezu 10.000 junge Mediziner in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin und Hessen ihrem Ärger Luft machten.

Im Zentrum der Proteste stehen zu lange Schichten, unbezahlte Überstunden sowie Einkommensverluste. Weil mehrere Bundesländer die Tarifverträge gekündigt haben, nannte die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund Lohnsenkungen um 10 bis 20 Prozent. Nach dem Willen der Länder müssen die Ärzte künftig länger und regulär bis zu 42 Stunden arbeiten, auf das Weihnachts- und das Urlaubsgeld verzichten.

Vor allem die Assistenzärzte an Universitätskliniken klagen indes über "Ausbeutung" und "Raubbau". Seit Jahren hielten die Krankenhausärzte ihre Knochen hin für einen immer größeren Rationalisierungsprozess, sagte Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, bei der Kundgebung in Berlin. Sie arbeiteten "mehr als alle anderen in der Gesellschaft"; der Staat und die Krankenkassen schuldeten ihnen mittlerweile eine Milliarde Euro für nicht vergütete Überstunden. Diesen "staatlich organisierten Lohnraub" ließen sich die Ärzte nicht länger gefallen.

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Ärzte-Protest: "40-Stunden-Woche? Ich lach mich tot"

"Wir sind keine Kostentreiber, sondern Leistungsträger", sagte Olaf Guckelberger als Sprecher der Ärzteinitiative an der Berliner Charité. Auf "zehn Euro pro Stunde" bezifferte der Frankfurter Assistenzarzt Marc Unkelbach den Lohn eines unverheirateten, 28-jährigen Arztes. Bei solchen Berechnungen gehen die protestierenden Mediziner davon aus, dass junge Klinikärzte nach dem Tarifvertrag lediglich rund 1700 Euro netto verdienen. Im Krankenhausalltag schieben sie aber vielfach Schichten mit insgesamt 60 oder 70 Arbeitsstunden pro Wochen - und viele Überstunden werden überhaupt nicht entgolten.

Dazu passen Transparente wie "80 Stunden Spitzenmedizin für 40 Stunden Niedriglohn" oder "40-Stunden-Woche - ich lach mich tot", die junge Ärzte durch Berlin trugen. Am Freitag zogen Mediziner zum Bahnhof Friedrichstraße und gingen am Reichtagsufer an Bord von zwei Schiffen. Die Fahrt unter dem Motto "Uns reicht's - ab ins Ausland!" sollte auf bessere Arbeitsbedingungen und weitaus höhere Gehälter im Ausland hinweisen, wo Krankenhäuser nach Angaben des Marburger Bundes mitunter das Zwei- bis Dreifache zahlen. Laut Frank Ulrich Montgomery können deutsche Kliniken schon heute rund 6000 offene Stellen nicht besetzen, etwa die gleiche Zahl an Ärzten sei ins Ausland abgewandert. Die Gehälter für Krankenhausärzte nannte Montgomery "erbärmlich".

Die Klinik als Knochenmühle

Handelt es sich wirklich um "Hungerlöhne", mit denen man keine Familie ernähren könne, wie die Protestler behaupten? Sicher gibt es schlimmere Plagen als etwa eine Bezahlung nach dem Tarif BAT IIa, in anderen Branchen eine schlechtere soziale Absicherung als im öffentlichen Dienst und auch Hochschulabsolventen, die von weit größeren Berufsstart-Sorgen als junge Ärzte gebeutelt werden. Aber wer als Assistenzarzt an einer Uni-Klinik einsteigt, hat eine lange, anstrengende Ausbildung hinter sich und überdies schon ein ganzes Jahr im PJ völlig unbezahlt gearbeitet - und die schier endlosen Schichten an der Klinik werden schnell zur Knochenmühle. Wegen der weiteren Verschlechterungen platzt den Jungmedizinern schlicht der Kragen.

Münchner Arzt Peter Furhardt: Mit der Trillerpfeife nach Berlin
AP

Münchner Arzt Peter Furhardt: Mit der Trillerpfeife nach Berlin

Die Tarifgespräche waren im Frühjahr gescheitert - wer daran die Schuld trägt, blieb umstritten zwischen den Verhandlungsparteien, der Tarifgemeinschaft der Länder auf der einen Seite sowie dem Marburger Bund und der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di auf der anderen. Nun gab es einige Signale für Verhandlungsbereitschaft, aber keine sehr konkreten Angebote. Zur Debatte steht beispielsweise, ob es einen eigenen Ärztetarifvertrag anstelle des allgemeinen Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst geben und die Zuständigkeit auf die Unikliniken übertragen werden soll, damit die Regelungen flexibler sind.

In der Aktionswoche ernteten die Mediziner für ihre Lage viel Verständnis. Die jungen Ärzte seien zu Recht unzufrieden, sagte etwa Detlef Ganten, Vorstandschef der traditionsreichen Berliner Charité, eine der größten Unikliniken Europas. Wegen der schwierigen Lage Berlins und der Charité fehle aber das Geld, die Forderungen zu erfüllen - Berlin sei "praktisch pleite". Als erste Konsequenz aus den Protesten plant die Charité eine bessere Arbeitszeiterfassung. Ganten erwartet beim Sparkus der Klinik "Solidaritätsopfer" von allen Mitarbeitern. Das gelte auch für Chefärzte, die auf freiwilliger Basis neue, "leistungsorientierte" Arbeitsverträge aushandeln sollten.

Am atemberaubenden Salär- und Hierachiegefälle innerhalb der Belegschaften von Universitätskliniken entzündete sich auch in der aktuellen Debatte viel Kritik. Denn zwischen den Gehältern der Assistenzärzte, der Oberärzte und vor allem der Chefärzte klaffen Welten. Wer als Chefarzt noch mit einem luxuriösen Altvertrag ausgestattet ist, kann über Privatpatienten Millionen scheffeln, während die jungen Kollegen darben.

Grüße aus der Politik: Leider, leider leere Kassen

Auf das extreme Gehaltsgefälle wies auch Hartmut Möllring hin. Der niedersächsische Finanzminister und Vorsitzende der Tarifgemeinschaft der Länder kritisierte zwar die Proteste, weil der Arzt "dem Patienten und nicht der Stechuhr verpflichtet" sei. Möllring zeigte sich aber zu neuen Gesprächen bereit, vor allem über die Arbeitszeit und die tarifliche Eingruppierung der Ärzte. Bisher seien allerdings weder Verdi.di noch Marburger Bund auf die Länder zugekommen. Ansonsten verwies er auf die leeren Kassen: "Wir können nicht anders, weil wir unsere staatlichen Finanzen sanieren müssen."

Möllring zählte zu den wenigen Politikern, die sich überhaupt aus der Deckung trauten. Zuvor hatte sich der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach erheblichen Zorn zugezogen. Der Regierungsberater bestätigte zwar, dass Assistenzärzte in Deutschland zu wenig verdienen. Er sieht das Problem jedoch mehr in der ungerechten Verteilung und in großen Organisationsmängeln beim Klinikmanagement: "Das System braucht nicht mehr Geld, sondern effizientere Strukturen." Zu den Schwächen zählen einer Ansicht nach die zu lange Verweildauer von Patienten nach Operationen, die Konkurrenz der Kliniken und die Einkommen, die man als leitender Arzt mit Privatpatienten erzielen könne.

Das große Echo auf die Krankenhausarzt-Proteste, die Frank Ulrich Montgomery als "historisch" und als "vollen Erfolg" bezeichnete, hat inzwischen auch die niedergelassenen Ärzte animiert - sie kündigten ebenfalls Aktionen an. "Es ist nur eine Frage der Zeit, dass wir ebenfalls auf die Straße gehen", sagte Hans-Jürgen-Thomas, Vorsitzender des Ärzteverbandes Hartmannbund. Schlechte Arbeitsbedingungen gebe es nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in Arztpraxen.

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