Ärzte-Shuttle Übers Wochenende zum Notdienst nach England

In Deutschland klagen junge Mediziner über Endlos-Schichten und miese Bezahlung. Zu Tausenden flüchten sie zum Geldverdienen ins Ausland. So arbeitet Assistenzarzt Christian Herzmann, 32, bisweilen in England und tauscht dort deutsche Bürokratie gegen ein besseres Arbeitsklima.


Mediziner Herzmann: "Man wird weniger mit Bürokratie zugeschaufelt"

Mediziner Herzmann: "Man wird weniger mit Bürokratie zugeschaufelt"

Zwei Mal hat Christian Herzmann in den vergangenen beiden Monaten das Flugzeug nach England bestiegen. Der Assistenzarzt in der Inneren Medizin hat in London eine, in Birmingham zwei Wochen in einem Krankenhaus gearbeitet.

Wie Herzmann machen es immer mehr Ärzte aus Deutschland: Sie springen kurzfristig als Vertretung im britischen Gesundheitssystem ein oder packen sogar komplett ihre Koffer und bleiben in Großbritannien. Ein Grund ist die bessere Bezahlung, daneben zählen aber für die meisten jungen Ärzte auch andere Aspekte: "Weiterbildung und Arbeitsaufteilung sind besser strukturiert, und das Arbeitsklima ist besser", sagt Herzmann, der sich auch bei der deutsch-englischen Ärztevereinigung engagiert und Kollegen berät.

Letzte Woche gingen in Deutschland vor allem Assistenzärzte auf die Straße und protestierten gegen überlange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung. Nach Angaben des Marburger Bundes, der Interessenvertretung der Klinikärzte, beträgt die aktuelle Gesamtvergütung für einen ledigen 27-jährigen Assistenzarzt brutto 3091,49 Euro monatlich. Ein verheirateter 40-jähriger Oberarzt mit einem Kind erhält brutto 4249,43 Euro im Monat.

Mindestens 6000 abgewanderte Ärzte

Jens Dau ist Geschäftsführer des European Health Care Centers, das Ärzte innerhalb Europas vermittelt. Bei einem Wochenendnotdienst in England könne man pro Stunde 60 Pfund, also etwa 87 Euro, verdienen, rechnet Dau vor. Bei einer langen Wochenendschicht kommt mehr zusammen als ein Monatsverdienst in Deutschland, wo lange Schichten mit Überstunden schlecht oder gar nicht entgolten werden. Davon gehen natürlich noch Steuern ab, aber die Flugkosten werden laut Dau übernommen.

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Wer sich für eine solche Vertretung interessiert, kann sich an zahlreiche Agenturen wenden, die Ärzte ins Ausland vermitteln. Die Kliniken melden ihren Bedarf an die Agenturen. Wie viele Ärzte aus Deutschland ins Ausland gehen, dazu gebe es keine gesicherten Zahlen, so die Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Schließlich müsse sich ja niemand in Deutschland abmelden.

Im vergangenen Jahr fragte die KBV in Großbritannien und Skandinavien nach: 2003 praktizierten rund 2600 deutsche Mediziner in Großbritannien, teilte das britische Gesundheitsministerium mit. In Norwegen seien zuletzt 650, in Schweden seit dem EU-Beitritt 708 Ärzte aus Deutschland registriert gewesen. Der Marburger Bund schätzt die Zahl der abgewanderten Ärzte auf mindestens 6000, die meisten davon gehen nach England. "In den vergangenen anderthalb Jahren sind es mehr geworden", sagt Pressesprecherin Anna von Borstell.

Mehr Geld und Teamwork, weniger Hierarchien

Laut Borstell fliegen vor allem niedergelassene Ärzte für einen Wochenenddienst ins Ausland. Dau sagt dagegen, es seien überwiegend Klinikärzte. In Großbritannien besteht besonderer Bedarf: Zum einen hat das Land in den vergangenen Jahren zu wenig Ärzte ausgebildet, zum anderen müssen inzwischen die Hausärzte nicht mehr Wochenenddienste garantieren. Daher werden dringend Ärzte gesucht.

Ab zum Flughafen: Ein Wochenende in England kann ein komplettes Monatsgehalt bringen
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Ab zum Flughafen: Ein Wochenende in England kann ein komplettes Monatsgehalt bringen

Skandinavien hat in den vergangenen Jahren laut Dau vor allem bei den Assistenzärzten in Deutschland massiv Werbung gemacht, so dass der Bedarf dort inzwischen eher gedeckt sei.

Wer sich dauerhaft in Großbritannien als Arzt niederlässt, tut dies aber nicht nur wegen der besseren Bezahlung, wie Herzmann erklärt. Der Assistenzarzt hat selbst schon einmal drei Jahre lang dort gearbeitet. Die Bedingungen seien einfach besser: "Man wird weniger mit Bürokratie zugeschaufelt, die Aufgaben sind klarer definiert, und das Pflegepersonal arbeitet selbstständiger und nimmt einem viel Arbeit ab."

Vor allem gebe es aber auch eine offene Diskussion über die Überstunden der Klinikärzte. Die entsprechende europäische Arbeitszeitrichtlinie sei weiter umgesetzt als in Deutschland.

"Die Arbeit muss vor allem Spaß machen"

In den Kliniken arbeite man viel mehr im Team als in Deutschland, erklärt Herzmann: Es gebe keinen Chefarzt, sondern verschiedene Chefs, die nebeneinander kleine Trupps leiteten. Auch die Weiterbildung findet er besser als in Deutschland.

Schlechter seien allerdings manche diagnostische Elemente, so gebe es etwa viel weniger Ultraschall als in Deutschland. "Von der Organisation her gibt es vieles, was in Deutschland glatter läuft", sagt Herzmann, der auch am deutschen System nicht nur Schlechtes sieht - sonst wäre er nicht zurückgekommen.

Deutschland müsse sich überlegen, wofür man Ärzte einsetzen wolle und wie man mit ihnen umgehe, sagt der Mediziner. "Die Arbeitsbedingungen müssen sich verbessern, das geht nicht einfach nur über das Geld. Die Arbeit muss vor allem Spaß machen." Ansonsten werde sich der bisherige Trend fortsetzen.

Und dieser Trend besteht nicht nur darin, dass deutsche Ärzte ins Ausland abwandern - in Ostdeutschland wandern umgekehrt Ärzte vor allem aus Polen und Russland zu, um den dortigen Ärztemangel auszugleichen.

Von Mirjam Mohr, AP



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