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Job & Karriere

Eine afghanische Journalistin in Deutschland "Täglich musste ich mit Anschlägen rechnen"

Drei Monate lang hospitiert die afghanische Journalistin Zahra Sadat bei SPIEGEL ONLINE. Hier berichtet sie, wie es sich anfühlt, plötzlich ohne Angst, Zensur und Existenznot zu recherchieren.
Von Zahra Sadat
Journalistin Zahra Sadat

Journalistin Zahra Sadat

Foto: SPIEGEL ONLINE
Zur Person

Zahra Sadat ist eine afghanische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin. Seit 2014 lebt sie in Deutschland. In ihrer Heimat arbeitete sie bei unterschiedlichen Medien: "National front of Afghanistan weekly News", "Sadaf Magazin", "Afghan Human Rights News", "Jadid Online". Zudem arbeitete sie für verschiedene Menschenrechtsorganisationen. 2016 besuchte sie einen Weiterbildungskurs an der Hamburg Media School. Derzeit absolviert sie ein Praktikum bei SPIEGEL ONLINE.

In Afghanistan hat mein Arbeitstag immer mit Angst begonnen. Ich konnte nie sicher sein, ob ich abends noch lebe. Journalisten und Verlage sind in meinem Land regelmäßig Angriffen ausgesetzt: von regierungsnahen Parteien, Polizei, Militär, Banden und Extremisten. Die Angst hat mich zermürbt. Hier in Deutschland kann ich zum ersten Mal ohne Angst arbeiten.

In meiner Heimat musste ich als Frau immer bedenken, wie ich mich am besten anziehe, um im Notfall fliehen zu können und wenigstens halbwegs vor sexuellen Übergriffen geschützt zu sein. Ich durfte religiösen Fanatikern auf keinen Fall eine Angriffsfläche bieten. Selbst zu Hause konnte ich mich nicht sicher fühlen.

Kollegen kamen von ihrer Recherche nicht zurück

Mein Job als Journalistin hat auch meine Familie immer wieder in Gefahr gebracht. Ich habe meine Artikel unter Pseudonym veröffentlicht, um meine Eltern und Geschwister zu schützen. Täglich musste ich mit Anschlägen, Übergriffen und Repressalien rechnen. Häufig musste ich erleben, dass Kollegen nicht von ihrer Recherche zurückgekehrt sind.

Es verging kaum ein Tag ohne schlimme Nachrichten. Hinzu kam die Sorge um Freunde und Verwandte, wenn wir über Anschläge berichten mussten. Es konnten schließlich auch immer Angehörige unter den Opfern sein.

Zur Arbeit wurde ich meist vom Dienstwagen abgeholt; zum einen aus Sicherheitsgründen, zum anderen, um unzählige zeitraubende Kontrollen zu vermeiden.

Der Arbeitsalltag meiner Kollegen hier beim SPIEGEL ist komplett anders. Sie kommen morgens mit Bus und Bahn, per Fahrrad oder Auto zur Arbeit. Die Arbeitsplätze sind komfortabel ausgestattet.

So ein modernes Gebäude wie das SPIEGEL-Haus kann ich mir in Afghanistan gar nicht vorstellen. Ich habe in meiner Heimat hinter Stacheldraht und dicken Betonwänden ohne Tageslicht gearbeitet und fühlte mich trotzdem ständig bedroht.

Die Kollegen hier in Hamburg haben einen großartigen Blick auf die Stadt. Das kollegiale Arbeitsklima ermöglicht viel Kreativität und tolle Ideen.

Wichtige Telefonnummern nie im Handy

Die Kollegen haben viele Informationsquellen - sogar per Telefon oder E-Mail. In Afghanistan kostet uns der Zugang zu Informationen dagegen viel Zeit und Energie - und ist zudem riskant. Wenn wir mit der Kamera oder dem Presseausweis unterwegs sind, fallen wir sofort auf. Besonders gefährlich ist die Berichterstattung in abgelegenen Gebieten. Allein die Fahrt dorthin. Auf unseren Handys speichern wir keine Kontaktdaten von Informanten, wichtige Namen und Telefonnummern lernen wir auswendig. Kameras und Diktiergeräte verstecken wir, damit Kontrollen nicht mit Entführung, Erpressung oder Enthauptung enden.

Trotz der gefährlichen Arbeitsbedingungen und der Angst reden wir kaum darüber, was das mit uns macht. Niemand aus meiner Redaktion hat Hilfe in Anspruch genommen. Dabei hätten wir sie alle nötig.

Auch die Bedeutung der Mittagspause war an meinem früheren Arbeitsplatz eine ganz andere als hier. Das Mittagsessen war unsere einzige Mahlzeit am Tag und wir haben sie an unserem Schreibtisch oder im Esszimmer eingenommen. Die Kollegen hier nutzen die Mittagspause, um sich zu verabreden, auszutauschen, kennenzulernen. Das Essen selbst ist sehr abwechslungsreich - wichtiger scheint mir aber noch das Gespräch bei Tisch. Und der Espresso danach!

Den Vergleich mit anderen Medien und auch die Selbstkritik finde ich sehr gut. Eigeninitiative ist immer willkommen. Die Freiheit des Wortes und das Fehlen der Zensur ermöglichen viel Kreativität. Die Informationen sind das Ergebnis gründlicher Recherche und guter Arbeit - ohne dabei Repressalien ausgesetzt zu sein.

Die Wahrheit bedeutet Gefahr

In Afghanistan gibt es kaum freie Medien, die sich selbst finanzieren können. Die meisten Presseprodukte gehören Parteien oder sind staatlich. Aber unter solchen Bedingungen fehlt der Freiraum für neue Ideen.

Viele Journalisten in meiner Heimat setzen sich über die Warnungen der Zensoren hinweg. Sie besitzen genügend Wagemut, um objektiv zu berichten. Das bringt jedoch ihr Leben in Gefahr - und oft nicht nur ihr eigenes.

Ja, und es geht auch immer um die Frage der materiellen Existenz: Wegen der ausgeprägten Abhängigkeit der Medien von politischen Institutionen weiß man nie, wie lange es den eigenen Job noch gibt.

Hier in der Redaktion in Hamburg beeindruckt mich auch die Transparenz. Was in Sitzungen besprochen wird, geben die Abteilungsleiter an ihre Mitarbeiter weiter. Ich schätze den respektvollen Umgang miteinander, und dass man einander wertschätzt.

In Afghanistan ist es manchmal schwer, mit unseren Vorgesetzten zu sprechen oder gar zu diskutieren. Aber hier bei SPIEGEL ONLINE sehe ich die Chefredakteure jeden Tag.