Akademikermangel Deutschland im Hintertreffen

Für den Weg in die Dienstleistungsgesellschaft ist Deutschland schlecht gerüstet: Die Akademiker-Quote ist zu niedrig, die Bildungsinvestitionen reichen nicht. Das geht aus einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft hervor.


US-Absolventen: Deutlich höhere Studierquote als in Deutschland
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US-Absolventen: Deutlich höhere Studierquote als in Deutschland

Bereits Mitte letzten Jahres ließ ein Bildungsbericht der OECD die Alarmsirenen schrillen: In Deutschland studieren deutlich weniger Schulabgänger als in anderen Staaten, schrieb die Industrieländer-Organisation Bildungspolitikern ins Stammbuch. Denn nur 28 Prozent der jungen Erwachsenen entscheiden sich für ein Studium, deutlich weniger als etwa in Neuseeland, den Niederlanden oder Norwegen. Nur in wenigen Staaten wie Mexiko, Tschechien oder der Schweiz liegt die Studierquote niedriger als in Deutschland.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat jetzt nachgelegt und stellt der Bundesrepublik in einer neuen Analyse ein ähnlich schlechtes Zeugnis aus. 1998 verfügten hier zu Lande lediglich 14 Prozent der 25- bis 64-Jährigen über einen Hochschulabschluss, exakt der Schnitt der Industrieländer. Damit liegt Deutschland allerdings abgeschlagen hinter den Spitzenreitern USA (27 Prozent), den Niederlanden und Kanada.

Besonders viele Menschen mit akademischer Qualifikation gibt es in Staaten mit einem ausgeprägten Dienstleistungssektor - nach Auffassung des Kölner Instituts ein Gradmesser für den ökonomischen Entwicklungsstand. Deutschland rangiert mit einem Beschäftigtenanteil von 63 Prozent im Service-Bereich lediglich im Mittelfeld der Industrienationen, weit hinter den USA, Großbritannien oder Schweden.

Für eine Dienstleistungsgesellschaft bewertet das IW die deutsche Akademikerquote als eindeutig zu niedrig: Etwa 38 Prozent eines Altersjahrgangs müssten auf die Hochschulen wechseln - real sind es jedoch lediglich 28 Prozent. Die Bildungsforscher räumen allerdings ein, dass die Bildungssysteme nicht ohne weiteres vergleichbar sind. Amerikanische Colleges zum Beispiel lehren in den ersten Semestern Unterrichtsstoff, der in Deutschland bereits an Gymnasien vermittelt wird.

Zudem schneidet Deutschland besser ab, wenn man die berufsqualifizierenden Abschlüsse und die Hochschulreife einbezieht: Im Durchschnitt der Industrienationen hatten lediglich 61 Prozent der Bürger einen weiterführenden Abschluss, in der Bundesrepublik aber 80 Prozent.

Was Deutschland und andere Länder für Bildung ausgeben
Institut der Deutschen Wirtschaft

Was Deutschland und andere Länder für Bildung ausgeben

Dennoch sieht das Institut weiter eine große Qualifizierungslücke, zumal andere Länder deutlich mehr in die Ausbildung kluger Köpfe investieren. In Deutschland wanderte Ende der neunziger Jahre nur ein Achtel der Ausgaben in die Finanzierung von Schulen und Hochschulen; der Anteil, den der Staat für die Bildung abzwackt, blieb seit 1992 gleich.

Rund 5,4 Milliarden Euro hätten Bund und Länder nach Auffassung des Instituts 1998 zusätzlich in die Hochschulen investieren müssen, um einen angemessenen Stand zu erreichen. Bei der Analyse sind allerdings die von der rot-grünen Bundesregierung deutlich erhöhten Bildungsausgaben noch nicht berücksichtigt.



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