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Als Lektorin in Japan Sag zum Abschied leise Sayonara

Auch Japaner lernen Deutsch - zum Beispiel bei einer Lektorin aus Wuppertal. Claudia Finner unterrichtet in Fukuoka, einer Millionenstadt ohne Attraktionen. Sie versteht sich nicht nur als Sprachlehrerin, sondern auch als Botschafterin europäischer Kultur.
Von Dagmar Giersberg

"In Fukuoka gibt es keinerlei touristische Attraktionen", steht in einem Reiseführer über die japanische Millionenstadt auf der südlichen Insel Kyushu - zu Recht. "Aber das macht nichts: Dafür ist sie schon zweimal zur asiatischen Großstadt mit der höchsten Lebensqualität gewählt worden", berichtet Claudia Finner fast ein wenig stolz.

Die 29-jährige Wuppertalerin lebt seit knapp drei Jahren in Fukuoka und ist Lektorin an der staatlichen Kyushu-Universität. Mindestens 230 Deutsch-Lektoren mit ganz unterschiedlichen Aufgaben arbeiten derzeit in Japan. Claudia Finner gibt in erster Linie Sprachunterricht in Deutsch als Fremdsprache, mit vielen Konversationsübungen: "Großen Spaß macht mir vor allem die Arbeit mit einer kleinen fortgeschrittenen Lerngruppe. Die sind richtig motiviert, obwohl sie nicht einmal einen Schein brauchen."

Aber es gibt natürlich auch die andere Seite: Wie an vielen anderen japanischen Hochschulen müssen die Studenten im ersten Studienjahr eine zweite Fremdsprache belegen und sitzen diese Stunden oft einfach nur ab.

Abflug ein Monat nach der letzten Prüfung

An drei Tagen pro Woche radelt Claudia von ihrer für japanische Verhältnisse sehr großen Dreizimmerwohnung in einem kleinen Wohnblock für ausländische Lektoren zur Arbeit. Sieben Kurse betreut sie - macht 14 Unterrichtsstunden à 45 Minuten. Den Rest ihrer Arbeitszeit kann sie sich für Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen und Prüfungen weitgehend frei einteilen.

Neben dem Sprachunterricht halten viele deutsche Lektoren an japanischen Unis auch Lehrveranstaltungen in Literatur- oder Sprachwissenschaft oder bieten eine Art interkulturelles Training an, um Studenten auf einen Auslandsaufenthalt vorzubereiten und mit den an deutschen Hochschulen üblichen Arbeitstechniken vertraut zu machen.

Die meisten landen mehr durch Zufall in Nippon. So hat Claudia Finner in Bonn den Übersetzerstudiengang für Japanisch und Koreanisch absolviert, mit dem Ergänzungsfach "Deutsch als Fremdsprache". Aus heiterem Himmel bot sich dann die Chance in Fukuoka - eine Freundin hatte von der freien Stelle erfahren. "Die Idee, nach dem Studium erst mal ins Ausland zu gehen und so den Start ins ernste, geregelte Berufsleben in Deutschland hinauszuzögern, gefiel mir." Schnell faxte Claudia ihre Bewerbung, schon einen Monat nach ihrer letzten Diplomprüfung saß sie im Flieger - Ziel: die Stadt ohne Attraktionen.

"Urlaub nehmen Sie nur, wenn Sie krank sind"

"Die Voraussetzungen für einen Posten als Lektor sind von Uni zu Uni sehr verschieden. Gefragte Qualifikationen sind aber in der Regel zumindest ein abgeschlossenes Studium mit Hauptfach Germanistik oder Deutsch als Fremdsprache, gern gesehen auch die Promotion und eine Reihe von Veröffentlichungen. Japanisch-Kenntnisse hingegen sind nicht so entscheidend", erklärt Mechthild Duppel-Takayama. Sie betreut vom Büro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Tokio aus die deutschsprachigen Lektoren in Japan, organisiert Seminare und Fortbildungen und fördert per Mailing-Liste und Rundbrief den Ideen-Austausch unter den Lektoren.

Lektoren sind immer auch Botschafter der deutschen Kultur - im fernen Asien auch Botschafter Europas. Die Arbeit verspricht zugleich tiefe Einblicke in eine fremde Kultur. "Gerade in der ersten Zeit habe ich vor allem von den Studenten unglaublich viel über Japan und die japanische Lebens- und Denkweise gelernt", sagt Claudia.

Doch auch der Umgang mit den Kollegen war Erkenntnis fördernd und irritierend zugleich. Als sie in den ersten Semesterferien Urlaub nehmen wollte, erklärte ihr Chef: "Urlaub nehmen Sie nur, wenn Sie mal länger krank sind. Wenn Sie in Urlaub fahren wollen, dann reichen Sie einen Forschungsantrag und eine Einladung ein und gehen 'forschen'." Zuerst dachte sie, dass es die japanischen Kollegen genau so handhaben - doch die forschen im "Urlaub" wirklich.

"Als Dauerzustand wünsche ich mir ein Leben in der Ferne und Fremde allerdings nicht, drei Jahre reichen", findet Claudia Finner. Mittlerweile hat sie auch wieder Lust auf ein Leben mit den alten Freunden in einem Land, in dem sie nicht zum einen Prozent der Ausländer gehört. Im März 2002 läuft ihr Arbeitsvertrag aus, Claudia geht nach Deutschland zurück. Was sie vermissen wird? "Meine japanischen Attraktionen: Softeis 'Grüner Tee' und Karaoke."

UniSPIEGEL ONLINE-Autorin Dagmar Giersberg hat kürzlich das Buch "Deutsch unterrichten weltweit" (W. Bertelsmann Verlag) veröffentlicht