Als Mediziner in Äthiopien Dr. Moritz und das Klinik-Elend

In Ausland gehen viele junge Mediziner, nach Afrika nur wenige. Moritz Middeke, 27, arbeitet im größten Krankenhaus Äthiopiens und war auf große Unterschiede zu deutschen Kliniken vorbereitet. Was er in Addis Abeba fand, hat den Münchner trotzdem umgehauen.

Von Fabian Erik Schlüter


Es ist einer dieser Augenblicke, an denen Moritz Middeke nicht genau weiß, ob er durchdrehen oder einfach nur den Kopf schütteln soll. Die für heute angesetzten Operationen fallen aus, weil ein Gerät, das Blut absaugen soll, nicht funktioniert. Wenig später entdeckt Moritz auf der Station genau so ein Gerät - operiert wird trotzdem nicht. "Wenn wir das in den OP bringen, bekommen wir es nicht wieder", sagt ein Arzt. Ein anderer meint schulterzuckend: "Wir behalten es für uns. Sonst wird das aus dem OP nie repariert."

Dass das Gerät auf der Station überhaupt nicht gebraucht wird, scheint sie nicht zu interessieren, die Patienten werden auf einen anderen Termin vertröstet. Moritz flucht leise: "Kaum zu glauben, aber so läuft das hier ständig."

Addis Abeba, Black Lion Hospital, vierter Stock. Im Flur blättert die Farbe von den Wänden, einige Latten der Deckenverkleidung hängen trostlos herab, aus den Zimmern dringt süßlicher Uringeruch. 34 Patienten liegen in drei Räumen auf klapprigen Metallbetten, sie teilen eine einzige Dusche. Aus den Fenstern sieht man den gigantischen Obelisken mit dem roten Stern auf der Spitze - ein Überbleibsel der 17 Jahre währenden Schreckensherrschaft des Diktators Mengistu Haile Mariam. Laute Popmusik schallt von draußen herein und übertüncht den Straßenlärm der Churchill Road, einer der Hauptverkehrsadern der äthiopischen Hauptstadt.

Was hier anders ist? Alles!

Wer es in eines dieser Krankenzimmer geschafft hat, kann sich schon glücklich schätzen. Viele Operationen sind in Äthiopien überhaupt nur im staatlichen Black Lion Hospital möglich, auf einen Platz auf der OP-Liste warten viele Menschen mehrere Monate, sagt Moritz. Operiert wird allerdings, wenn die Geräte denn funktionieren, nur dienstags und freitags. Und dann nicht länger als bis 14 Uhr, weil die meisten Ärzte nachmittags ihr Gehalt noch in Privatkliniken aufbessern. "Und dann lassen die einfach so Operationen ausfallen", entrüstet sich Moritz.

Seit drei Monaten arbeitet der 27-jährige Medizinstudent jetzt im mit über 500 Betten größten Krankenhaus Äthiopiens - und ist schon über viel Verwunderliches und Entsetzliches gestolpert. Dass dieser Teil seines Praktischen Jahres abenteuerlich werden würde, ahnte er schon, bevor er in München ins Flugzeug stieg. Aber so schlimm hätte er es sich nicht vorgestellt. Was in einem Münchner Krankenhaus anders als in dieser Klinik in einem der ärmsten Länder der Welt? Moritz lehnt sich zurück, überlegt kurz, sagt dann: "Alles!"

Als ob er das menschliche Leid, dem er hier jeden Tag begegnet, verdrängen wolle, beginnt er mit einer beinahe betriebswirtschaftlich anmutenden Analyse: Man merke eben sofort, dass dieses Krankenhaus null privatwirtschaftlich organisiert sei, es gebe keine Spar-Anreize. Patienten lägen drei Wochen auf einer Station, ohne dass etwas passiere. Weil Diagnostikgeräte seit Jahren nicht funktionierten, würden Krebspatienten auch ohne jede Chance auf Heilung operiert. Aber das fänden die Ärzte eben erst bei der OP heraus, und die komme die Klinik letztlich viel teurer als eine Computertomographie. Geld spiele keine Rolle - weil es ohnehin so wenig gebe. Das Klinik-Budget, berichtet Moritz, sei seit acht Jahren nicht mehr erhöht worden.

"Um einiges krasser"

Aber das Elend, das kann Moritz natürlich nicht ausblenden. Vielleicht schmunzelt er noch, wenn er über den Hintereingang den achtstöckigen Plattenbau aus den sechziger Jahren betritt und Wegweiser mit Aufschriften wie "Fainance Office" oder "Ethics Laiaiaison Unit" passiert. Aber spätestens an der überfüllten Notaufnahme, wo verzweifelte Angehörige in der Schlange stehen, nach einer Liege suchen und einen Arzt aufzutreiben versuchen, muss ihm der Atem stocken. "Die Leute sind hier vollkommen auf sich allein gestellt", berichtet er. "Es kann ewig dauern, bis die an einen Arzt geraten."

Auch jene, die es schließlich in ein Krankenzimmer schaffen, müssen sehen, wie sie sich durchschlagen. Waschen, füttern, Urinflaschen wechseln - das erledigt hier die Verwandtschaft, keine Krankenschwester. "In Deutschland kommen die Enkelkinder vielleicht mal für eine halbe Stunde den Opa besuchen", sagt Moritz, "hier bleiben die Verwandten oft auch über Nacht, weil sich sonst keiner um die Patienten kümmert."

Äthiopien: Einer der ärmsten Staaten der Welt
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Auch in München muss ein angehender Arzt einiges durchstehen. Aber in Addis Adeba ist die Machtlosigkeit ungleich größer angesichts der Überforderung, unter der das gesamte Krankenhaus zu leiden scheint. "Die Erfahrungen sind schon um einiges krasser", sagt Moritz. "Es gibt hier wirklich sehr gute Ärzte, die ihr bestes geben. Aber es mangelt einfach an allem, an guten Medikamenten, Materialien, Geräten." Desinfektionsmittel, um sich vor einer Operation die Hände zu reinigen, bekommt Moritz nur, wenn er ausdrücklich nachfragt. Dass so viele Patienten den OP ohne Infektionen verlassen, sei beinahe schon verwunderlich.

Und so schwankt Moritz zwischen Einsatz und Hilflosigkeit. Was soll er machen, wenn ihn ein Mann vor der Klinik bittet, seinem Sohn zu helfen, dem auf dem Rücken ein riesiger Tumor wächst? Die Warteliste ist schier endlos, zu einem früheren Termin kann auch Dr. Moritz, wie er hier genannt wird, dem Kind nicht verhelfen. In den ersten Wochen habe er seiner Freundin am Telefon atemlos über die Zustände im Krankenhaus berichtet und sich die vielen Eindrücke unbedingt von der Seele reden müssen.

Moritz kapituliert nicht, sondern hilft

Inzwischen wirkt Moritz sicherer, wenn er im weißen Arztkittel durch die Klinikgänge marschiert: "Natürlich kann man ein bisschen helfen. Aber man merkt sehr schnell, dass man das große Ganze hier nicht so einfach ändern wird." Es wirkt nicht wie Kapitulation, eher wie eine nüchterne Analyse, ein vorsichtiges Abschätzen der Möglichkeiten. Moritz versucht mit den Mitteln zu helfen, die ihm zur Verfügung stehen. "Die Ärzte hier reden kaum mit den Patienten, fragen fast nie, wie sie sich fühlen. Oder gehen einfach weiter, wenn ein Kranker weinend im Bett liegt."

Also läuft Moritz lieber einmal mehr durch die Zimmer, erkundigt sich bei den Patienten nach ihren Schmerzen und fragt, ob sie mit ihren Medikamenten zurechtkommen. An ihrem Lächeln merkt man, was es für sie bedeutet, Aufmerksamkeit von jemandem zu erhalten, dem sie wegen des weißen Kittels - vielleicht auch wegen der hellen Haut - vertrauen. Auch wenn sie kein Wort Englisch verstehen. Für die wichtigen Fragen braucht Moritz immer eine Krankenschwester, die für ihn ins Amharische, die Landessprache Äthiopiens, übersetzt.

Vier Monate bleibt Moritz in Addis Abeba, dann wartet wieder deutscher Klinikalltag auf ihn. Doch auch wenn er zurück in München viel bessere Arbeitsbedingungen vorfinden wird, so ganz scheint er nicht aus Äthiopien weg zu wollen: "Klar ist es hier oft richtig anstrengend und frustrierend. Aber irgendwie ist das auch eine einmalige und schöne Zeit hier."

Vielleicht, sagt Moritz, komme er in ein paar Jahren nach Äthiopien zurück - um eine eigene Klinik aufzumachen.

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