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Angestellte als Rocker "I want to flei-hei äwäy, jäääh, jäääh!"

Wenn Firmen ihre Mitarbeiter in Seminaren bespaßen, hat das einen Grund: Sie sollen zusammenwachsen, ein Team werden. Hamburger Musiker haben dafür ein Konzept entwickelt - sie wecken den Rockstar im Angestellten. Schiefe Töne sind halb so wild, wenn Bürohengste es mal so richtig krachen lassen.

Groß werden die Augen derjenigen, die den Saal betreten. Es ist ein Sonntagnachmittag, Firmenzentrale des Beratungsunternehmens Detecon in Bonn. Rund 40 neue Mitarbeiter sind zusammengekommen, um einander, vor allem aber ihren neuen Arbeitgeber kennenzulernen.

Sie werden an verschiedenen Standorten weltweit in unterschiedlichen Bereichen arbeiten, aber erst einmal werden sie eine ganze Woche auf ihren neuen Arbeitgeber eingestimmt. Sie hören Vorträge über Prozesse und Tools - nun sollen die Angestellten selbst aktiv werden.

Wie, das wird ihnen schnell klar: Im Saal stehen rund 30 Musikinstrumente, Gitarren, Schlagzeuge, Bässe, Keyboards. Die meisten Mitarbeiter bewegen sich eher unsicher Richtung Wand, wenige greifen sich gleich eine Gitarre - für Personaler würde die Szene so manches Assessment Center ersetzen.

Doch getestet wird hier keiner mehr: Detecon will, dass die neuen Mitarbeiter zusammenwachsen, dass sie ein Team werden - und das möglichst flott. Ingrid Blessing, Leiterin der Unternehmenskommunikation, hat dafür die Gruppe Musicworks aus Hamburg eingeladen.

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Laienrocker: Berater lassen es krachen

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"Rockstar für eine Nacht" heißt deren Konzept. Die Idee dahinter ist einleuchtend. "Unternehmen funktionieren im Grunde wie eine Band: Mitarbeiter müssen möglichst gut zusammen arbeiten, obwohl sie in unterschiedlichen Bereichen arbeiten und unterschiedliche Fähigkeiten haben - das ist in einer Band nicht anders", sagt Michael Reinhold, Jazzgitarrist und einer der Musicworks-Gründer. Denn: Wenn der Gitarrist mit dem Schlagzeuger nicht kann, wird es grausig klingen.

Möglichst ein simpler Top-Hit mit wenigen Akkorden

Vor rund zwei Jahren trafen sich Reinhold, der Gitarrist Andreas Wohlfahrt und der Percussionist Steffen Merkel in Amsterdam und hatten die Idee zu Musicworks. Mittlerweile sind viele Musiker dazugekommen: Zu Detecon sind Reinhold und Wohlfahrt mit einem Bassisten, einer Sängerin, einem Schlagzeuger und einem Songwriter angereist.

Knapp 30 Lieder haben die Musiker im Repertoire. "Es muss ein Top-Hit sein, die Leute müssen das Lied kennen", sagt Michael Reinhold. Und einfach soll es auch sein: "Das beste Stück hat vier Akkorde, die sich durch das ganze Stück ziehen."

Beides trifft auf "Fly away" von Lenny Kravitz zu, einen Hit aus dem Jahr 1999, den die Detecon-Mitarbeiter einüben sollen. Fünf Mitarbeiter haben sich E-Gitarren umgehängt, Reinhold weist sie ein. Er hat den Song in seine Einzelteile zerlegt, für jedes Instrument blieben ein paar Akkorde und Taktfolgen für die Melodie, ein paar andere für den Refrain übrig - leicht zu lernen, auch für unmusikalische Berater.

In Kleingruppen üben die Mitarbeiter mit je einem Musiker an ihren Instrumenten. Acht haben sich in einen anderen Raum zurückgezogen und singen unter Anleitung der stimmgewaltigen Sarah Jane McMinn. Ein akustisches Durcheinander aus Trommeln, Schrammeln, Orgeln. Die meisten legen ihre Scheu ab, die Lautstärke im Raum wirkt wie ein Vorhang, keiner hört, was der einzelne spielt.

"Solange ich nicht singen muss, macht das Spaß", sagt Philipp Tachas, Neu-Analyst der Detecon. Er sieht den Sinn des Nachmittags aber auch recht pragmatisch: Wenn man sich künftig in der Kantine treffe, habe man ein Thema, "du hast doch Bass gespielt - und schon ist man in einer Unterhaltung".

Veranstaltungen, die Mitarbeiter belustigen und vor allem zusammenschweißen sollen, sind das Öl der Dienstleistungsbranche: Die Industrie wartet ihre Maschinen und zieht Schrauben nach, die Dienstleister machen ihre Mitarbeiter froh und miteinander bekannt, Humankapital soll Rendite bringen.

Längst ist eine eigene Branche von Unternehmen entstanden, die "Aktiv-Events" oder "Outdoor-Touren" anbieten. Etwa einen Trip in die Alpen: Wer schon einmal vom Kollegen gesichert wurde, in der Felswand hängend und mit klappernden Knien, wird ihn künftig kennen und besser mit ihm zusammenarbeiten.

Derlei Abenteuer werden seit Jahrzehnten angeboten - doch sie haben einen Nachteil. "Wichtig ist, dass die Personaler bei solchen Projekten respektvoll mit den Mitarbeitern umgehen", sagt Markus-Oliver Schwaab, Professor für Teamoptimierung und Personalmanagement an der Fachhochschule Pforzheim. "Da hilft es nicht, jemanden in den Baum zu setzen, der Höhenangst hat."

Deshalb setzten immer mehr Unternehmen auf nervenschonende Workshops, häufig wird dabei Musik eingesetzt. Schwaab besuchte etwa vor kurzem eine Teambuilding-Veranstaltung eines Unternehmens aus der Luftfahrtindustrie: 1500 Mitarbeiter hatten sich in einem großen Zelt versammelt und gemeinsam getrommelt. "Später habe ich einige auf dem Parkplatz beobachtet - die waren alle drei Zentimenter größer, die Augen haben geglänzt."

Manchmal lassen die Musiker von Musikworks auch mehrere Bands aufeinander los: Für die Boston Consulting Group etwa rückten sie mit 16 Leuten an. Rund hundert Mitarbeiter nahmen teil, formierten sich zu acht Bands und übten Lieder ein. Für den Band-Battle-Abend hatte das Unternehmen einen Club gemietet. Was da mit Bürohengsten passiert, beeindruckt Reinhold: "Die gehen dann so ab...", sagt er.

Auf diesen Effekt setzt auch Ingrid Blessing. "Menschen aus aller Welt, die sich vorher nicht gekannt haben, schaffen es, binnen weniger Minuten gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen - Musik taugt hierfür ganz wunderbar", sagt die Detecon-Frau.

Nach einer Stunde ist die Übungsphase vorbei, der Chor wird aus dem Nebenzimmer geholt und betritt den Saal. Einige jubeln ihnen zu, erleichtert, nicht selbst singen zu müssen. Wie Dirigenten stellen sich die sechs Musiker von Musicworks vor ihre Gruppe, es geht los - und es gelingt: "Fly away" trällert der Chor, die Schlagzeuger trommeln im Takt, die Gitarristen schrummeln ihre Akkorde.

Auf der eigenen Hochzeit würde man sich die Kombo nicht wünschen, doch für eine Laientruppe klingt die Beraterband erstaunlich gut. "Das ist das Prinzip Fußballstadion: Es sind mehr richtige Noten im Raum als falsche, deshalb klingt es gut", sagt Musicworker Reinhold.

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