Arbeiten in Indien Die Kommune von Pune

Wie schnitze ich mir eine Karriere in Indien? Mit einem Ingenieurs-Master und einem Häufchen Startkapital in der Tasche zog Anthony, 26, nach Pune. Mit 22 Mitarbeitern tüfteln er und sein Partner Yann in ihrer internationalen Firma an der perfekten Cash-Maschine. Deren Prinzip: Idee rein, Geld raus.

Tim Maxeiner

Aus Pune berichtet Henryk M. Broder


Anthonys Opa war Offizier in der Armee des nationalchinesischen Generals Chiang Kai-shek. Seine Mutter wurde in Taiwan geboren. Seine Oma väterlicherseits stammt aus Königsberg in Ostpreußen. Sein Vater und seine Mutter lernten sich in Berlin kennen. Er führte ein China-Restaurant am Zoo, sie arbeitete auf der Internationalen Tourismus-Börse am Funkturm.

Anthony, 1983 in Berlin geboren, besuchte zuerst eine katholische Volksschule, danach ein Jesuiten-Gymnasium. Das Abitur machte er in einem Internat bei Manchester, diente dann neun Monate bei der Bundeswehr und ging zurück nach England, an das Imperial College in London, wo er 2007 seinen "Master of Engineering" machte. Jetzt, zwei Jahre später, lebt er in Pune, als Geschäftsführer der Start-up-Firma Sapna Solutions, die er zusammen mit zwei Freunden, einem Schotten und einem Franzosen, gegründet hat.

"Ich bin ein klassischer Fach-Idiot", sagt Anthony, Mathematik und Physik sind sein Leben. Anfang 2008 kam er nach Pune, mit nichts als einer Idee im Gepäck. "Ich wollte was im Internet machen." Er mietete sich in einem Hotel am Hauptbahnhof ein, das er "auf der letzten Seite im Lonely Planet gefunden" hatte und ging jeden Tag in ein Internetcafé im Bahnhof. Nach zwei Wochen hatte er die Stadt so weit erkundet, dass er "loslegen" konnte. "Man kann hier gut leben, und die Mädels sind auch cool."

Zuerst floppte das Reiseportal - doch dann kam Yann

Pune ist eine IT-Stadt mit Dutzenden Hochschulen und einer halben Million Studenten; mit schätzungsweise fünf Millionen Einwohnern für indische Verhältnisse recht überschaubar, und auch das Klima ist "ganz angenehm", angenehmer jedenfalls als im 180 Kilometer entfernten Mumbai, wo 15 Millionen Inder leben.

Anthonys erste Firma hieß entrip.com und war ein Reiseportal, das sich aus Provisionen und Kommissionen finanzieren sollte. Das war die Idee. Die Praxis sah anders aus. Nach einem halben Jahr war das Startkapital aufgebraucht. Anthony flog nach Deutschland und England, um frisches Geld zu besorgen und an Start-up-Messen teilzunehmen. Ein paar Monate später war das Geld wieder alle. Da kam den Entrip-Gründern der Genosse Zufall zu Hilfe.

Yann stand in der Tür, ein junger Franzose aus Plouay in der Bretagne. Gerade 23 Jahre alt, hatte er schon die Business School in Marseille hinter sich, an der Universität von Ottawa "Business Administration" studiert und bei StudiVZ in Berlin gearbeitet. Und nebenbei eine eigene Firma gegründet, Noredox, die gewinnbringend Web-Applikationen entwickelte.

Links kommt die Ideen rein, rechts kommt das Geld raus

entrip.com wurde auf Eis gelegt und eine neues Start-up gestartet: Sapna Solutions. Sapna ist das Hindi-Wort für "Traum". "Wir hatten uns das so vorgestellt: Auf der einen Seite kommen Ideen rein, auf der anderen Seite kommt Cash raus." Fürs erste aber wurden ganz normale Aufträge aquiriert und erledigt: Gestaltung und Pflege von Websites für Firmen, darunter einen Hersteller von Kartoffelprodukten.

Diese Arbeiten brachten genug Geld ein, um neue Mitarbeiter einzustellen und eigene Ideen anzugehen, zum Beispiel ein Netzwerk für Filmfans in 25 Sprachen, das nächstes Jahr online gehen soll. "Think big!", sagt Yann, dessen Eltern noch immer in der Bretagne leben. Der Vater als Mechaniker, der Diesel-Generatoren wartet, die Mutter als Haushaltshilfe. Als Yann zehn wurde, haben sie ihm einen Computer geschenkt, nicht ahnend, was sie damit anrichten würden.

Jetzt führen Yann und Anthony eine Firma mit 22 Mitarbeitern, die alle in einem Raum eines Wohnhauses in der Shirole Road vor ihren Monitoren sitzen. Es sieht aus, als würden sie im Netz surfen, aber der Eindruck täuscht. Sie arbeiten. Morgens zwischen sieben und neun fangen sie an, und abends zwischen sechs und acht hören sie auf. Wenn es sein muss, bleiben sie auch länger.

"Du musst hungrig und international sein"

Bezahlt werden sie nach Alter, Ausbildung und Erfahrung. "Du musst hungrig sein, wenn du es zu etwas bringen willst", sagt Yann. "Und du musst international sein. Wir wissen sogar, wie man 'fuck you' auf Arabisch sagt."

Bei Sapna Solutions werden ein Dutzend Sprachen gesprochen, die Lingua franca ist natürlich Englisch. Jeder hat einen "Migrationshintergrund", aber keiner macht sich was daraus, weil alle anderen auch zugezogen sind. Yanns Freundin Anna kommt aus Neapel. Sie hat in Italien eine Sportevent-Agentur geführt, bei Fiat in Irland gearbeitet und Yann in Berlin bei StudiVZ kennengelernt, wo sie als Country Manager für Italien zuständig war. Mit 31 ist sie die Seniorin bei Sapna Solutions.

Anthonys Freundin Natasha, die ihren M.A. im Fach "Computer Application" gemacht hat, kommt aus Goa und fährt jedes Wochenende heim zu ihren Eltern, neun Stunden mit dem Bus hin und neun Stunden zurück, für indische Verhältnisse eine Kurzstrecke.

Deutsche Design-Möbel für Indien - oder eben genau umgekehrt

Die vier arbeiten nicht nur zusammen, sie wohnen auch unter einem Dach. Und seit kurzem ist es in der WG etwas enger geworden. Simon, der in Mannheim "BWL mit interkultureller Qualifikation für Anglistik und Amerikanistik" studiert, ist nach Pune gekommen, um in Indien Material für seine Diplomarbeit über internationale Start-ups zu sammeln. "Ich bin froh, dass ich nicht in einer Bibliothek sitzen muss, sondern hier recherchieren kann."

Der Westfale, in Münster als Sohn eines Möbelhändlers geboren, war ein Jahr auf demselben Internat wie Anthony, seitdem sind die beiden befreundet. Jetzt kommen dem 26-Jährigen Anthonys Indien-Connections zugute. Letzte Woche hat Simon Start-ups in Madras besucht, nächste Woche wird er nach Bangalore fliegen. So als würde er zwischen Münster, Osnabrück und Paderborn pendeln.

In einem halben Jahr will er seine Arbeit abgeben und dann deutsche Design-Möbel in Indien anbieten - oder umgekehrt. In jedem Fall möchte er es als "Entrepreneur" versuchen, wie Yann und Anthony und Millionen junger Inder, die der Globalisierung nicht hinterherlaufen, sondern ihr den Weg ebnen. "Es geht immer darum, die Gelegenheiten zu erkennen. Und die sind selten dort, wo du gerade bist."

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