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24. Februar 2017, 08:16 Uhr

Herausforderungs-Blabla

Lasst uns endlich über Routine sprechen

Von Volker Kitz

Selbst die ödesten Schreibtischjobs werden in Stellenanzeigen heute als Herausforderung angepriesen. Blödsinn. Die meisten Berufe bestehen aus langweiliger Routine. Dazu sollten wir endlich stehen.

Möchten Sie mit einem Piloten fliegen, der vor dem Start verkündet: "Dieser Flug ist eine Herausforderung für mich"? Möchten Sie auf dem Behandlungsstuhl einer Ärztin sitzen, die Ihnen sagt: "Für meine Mitarbeiterin birgt ihre Tätigkeit ständig neue Herausforderungen; jetzt wird Sie Ihnen Blut abnehmen"?

Und doch können wir sicher sein, dass beide Berufe genau so angepriesen wurden: als aufregende Herausforderung. Ich kenne keinen Personaler, der sagt: "Bei uns gibt es auch langweilige Dinge zu tun." Unternehmen inserieren selbst den ödesten Schreibtischjob als "spannende Herausforderung". Wenn wir über Arbeit reden, reden wir fast nie über das, woraus die Arbeit fast ausschließlich besteht: Routine. Wir schweigen die Routine tot und so verursachen wir Verwirrung, Enttäuschung und Leid.

In Lehre, Ausbildung oder Studium fängt es an. Dort ist die Lernkurve steil. Neues wird eingeübt, weiter geht's, nächstes Kapitel. Kein Stillstand, immer Herausforderungen. Auf die Berufsausbildung trifft das zu, denn ausgebildet wird man mit schwierigen Aufgaben, nicht mit leichten. Dass es in der Berufsausübung umgekehrt sein wird, sagt uns niemand.

Ohne Routine bräche die Gesellschaft zusammen

Aus anderen Quellen erreichen uns keine Informationen, die dieses Bild korrigieren. Kommt das Arbeitsleben in Büchern, Zeitungen, Film oder Fernsehen vor, geht es nie um die Alltagsroutine. Sie bietet keinen Stoff für eine Geschichte, weder für Reportage noch Fiktion.

Eine Ärztin rettet ständig Leben oder zumindest eine Ehe. "Unser Lehrer Dr. Specht" stürzt sich in waghalsige Einsätze, um die Familienprobleme seiner Schüler zu lösen - in der Klasse sieht man ihn selten, die Kinder lernen brav ihren Stoff, ganz allein. Der Journalist ist dem Skandal auf der Spur, die Pfarrerin stimmt einen Selbstmörder um.

Ein Formular ausfüllen, eine Kostenstelle eintragen, Klassenarbeiten korrigieren, ein Medikament verschreiben, eine Predigt aufsetzen, einen Bericht über die langweilige Pressekonferenz in den Computer tippen - was 95 Prozent der dargestellten Berufe ausmacht, findet in den Medien nicht statt.

Einsteiger erleben einen Schock, wenn sie erfahren, wie sich der Arbeitsalltag von dem unterscheidet, was sie aus der Ausbildung und den Medien kennen. Statt sich mit der Normalität anzufreunden, leiden sie und sind sicher, den falschen Beruf erwischt zu haben.

Dabei wissen wir es nicht nur besser, sondern vertrauen sogar darauf. Denn die Gewöhnung ist auch ein Segen: Sie lässt uns Dinge lernen. Wir verlassen uns auf Menschen mit Routine, die ihre Arbeit "im Schlaf" erledigen, und wir wissen, dass es solche Menschen gibt.

Säßen überall Leute, die gerade eine Herausforderung vor sich haben, bräche die Gesellschaft zusammen. Kein Unternehmen würde funktionieren, wenn seine Mitarbeiter derart "herausgefordert" wären, wie es behauptet. Wir sind auf Routinetätigkeiten angewiesen, aber keiner will sie machen. Wir lieben die Routine bei anderen und hassen sie bei uns selbst.

So beklagen viele, sie seien für ihre Tätigkeit überqualifiziert. Überqualifikation bedeutet: Mehr zu wissen und zu können, als für die tägliche Arbeit nötig ist. Das allerdings ist die Voraussetzung für gute Arbeit: ein Puffer aus Wissen und Können. Hin und wieder an Grenzen zu stoßen, ist eine willkommene Abwechslung. Doch dauerhafte Überforderung wünscht sich niemand.

Nicht Überforderung ist das Problem

Warum sind viele Jobs trotzdem so stressig? Ganz einfach: Auch mit Routineaufgaben kann man jemanden unter Stress setzen - man muss ihm nur genug davon geben. Stutzt eine Versicherung die Abteilung Schadensregulierung auf halbe Größe zusammen, macht das die Arbeit nicht anspruchsvoller.

Aber der Berg auf dem Schreibtisch der Verbliebenen schießt in doppelte Höhe. Das erzeugt Stress und - ja, auch eine Art Herausforderung, eine Überforderung durch die schiere Arbeitsmenge. Ein solches Ausnutzen als die "Herausforderung" zu tarnen, nach der sich alle sehnen, ist dreist.

Für viele Berufstätige allerdings ist nicht Überforderung das Problem, sondern Unterforderung. Darüber wird selten gesprochen. Überfordert zu sein, ist schick, zeugt vermeintlich von Wichtigkeit.

Unterfordert zu sein, ist dagegen ein Makel und zeugt vermeintlich von Bedeutungslosigkeit. Wenn die Routine totgeschwiegen wird, dürfen wir keine Routine zeigen. Um dem Bild der Arbeit zu entsprechen, das wir aufrechterhalten, müssen viele Stress und Herausforderung simulieren. Doch Stress zu simulieren, kann anstrengender sein, als Stress zu haben.

Warum tun wir uns also nicht alle einen Gefallen? Und gehen ehrlich damit um, dass das Arbeitsleben in erster Linie aus Routine besteht (deswegen sind wir so gut in dem, was wir tun!) - und nur in ganz seltenen Momenten aus der großen Herausforderung und dem irren Abenteuer, wovon alle immer reden. Dann könnten wir in Ruhe weiterarbeiten und bräuchten nicht ständig darüber nachzugrübeln, was mit uns und unserem Job nicht stimmt.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss".

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