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25. März 2014, 16:54 Uhr

Neue EU-Studie

Junge Männer sind Nesthocker

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Zu Hause bei Mama und Papa: Fast jeder zweite Europäer zwischen 18 und 29 Jahren lebt noch oder wieder bei den Eltern - oft unfreiwillig. Besonders betroffen sind junge Männer in den Krisenstaaten.

Sie schlafen in ihren alten Kinderzimmern, sitzen bei Mama und Papa am Küchentisch und waschen ihre Wäsche bei den Eltern: Immer mehr 18- bis 29-jährige junge Europäer wohnen noch oder wieder bei ihren Eltern. 48 Prozent streckten im Jahr 2011 ihre Füße unter den elterlichen Tisch - ein Anstieg um vier Prozentpunkte verglichen mit dem Vorkrisenjahr 2007.

Das zeigt eine repräsentative Eurofound-Studie zur sozialen Situation von jungen Menschen in den 28 EU-Ländern. Für die Erhebung wurden insgesamt 43.636 Menschen über 18 Jahren in der EU befragt. Die Ergebnisse der "Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen" stammen aus einer Teilauswertung und wurden am Dienstag in Dublin vorgestellt.

Demnach sind vor allem junge Männer Nesthocker. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen lebten 68 Prozent der männlichen jungen Erwachsenen und 59 Prozent der jungen Frauen zu Hause. In der Gruppe der 25- bis 29-Jährigen waren es noch 35 Prozent Männer und 26 Prozent Frauen.

Was nach Bequemlichkeit klingen mag, hat in den meisten Fällen wirtschaftliche Gründe: Viele können es sich schlicht nicht leisten, allein oder mit Freunden zu wohnen. Die Abhängigkeit vom Elternhaus ist in jenen Ländern am höchsten, die unter anderem am meisten unter der Wirtschafts- und Euro-Krise zu leiden haben.

Am höchsten sind die Zahlen in Malta (85 Prozent), Italien (79 Prozent) und Ungarn (76 Prozent). Am wenigsten finanziell abhängig vom Elternhaus sind dagegen die jungen Erwachsenen in Finnland (15 Prozent), Dänemark, Österreich und Deutschland (jeweils 23 Prozent). (Lesen Sie hier wie Studenten in Deutschland leben.)

Besonders stark gestiegen ist die Zahl der Nesthocker in Ungarn (plus 36 Prozentpunkte), Slowenien (plus 21 Prozentpunkte), Litauen (plus 17 Prozentpunkte) und Polen (plus 15 Prozentpunkte). Nur in wenigen Ländern ist die Zahl gesunken, darunter Großbritannien, Luxemburg, die Niederlande und Deutschland: 2007 lebten in der Bundesrepublik 26 Prozent der 18- bis 29-Jährigen noch bei ihren Eltern, 2011 waren es 23 Prozent.

Steigende Arbeitslosenzahlen und daraus folgende finanzielle Nöte sorgen in der Regel für eine Rückkehr zu den Eltern - und zwar in allen sozialen Schichten. Von denjenigen, die einen Job haben, lebt durchschnittlich ein Drittel bei den Eltern. Von denen, die sich in der Ausbildung befinden, ist es knapp jeder Zweite, von den Arbeitslosen sogar zwei Drittel.

Arbeitslosigkeit ist unter jungen Menschen generell meist weiter verbreitet als im restlichen Teil einer Bevölkerung. Und auch die Wirtschafts- und Finanzkrisen der letzten Jahre haben vor allem die Jungen getroffen. Laut Daten der EU-Behörde Eurostat ist die Arbeitslosenrate unter 15- bis 24-Jährigen in der EU zwischen 2007 und 2011 von 15 Prozent auf 21 Prozent gestiegen.

In Saus und Braus leben die Heimschläfer dabei nicht: Fast die Hälfte der jungen Menschen in der EU wohnen der Studie zufolge in Haushalten, die mit Geldsorgen und Entbehrungen zu kämpfen haben. 27 Prozent der Befragten können sich keine Urlaube oder neue Möbel leisten oder Gäste zu sich nach Hause einladen. Jeder Fünfte hat sogar mit ernsten Formen von Armut zu kämpfen - etwa zu wenig Essen, keine neue Kleidung oder schlechte Heizmöglichkeiten. Am schlimmsten ist die Situation in Spanien, Zypern, Portugal und Griechenland.

Die Geld- und Jobnot hat deutliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Befragten. "Außerhalb des Arbeitsmarkts zu stehen, hat weitreichende Konsequenzen, nicht nur ökonomisch", sagt der Direktor von Eurofound, Juan Menéndez-Valdés. "Dazu zählt auch der Verlust an Selbstbewusstsein, an Vertrauen und Zukunftsaussichten und ein steigendes Risiko für soziale Ausgrenzung und gesellschaftlicher Abkopplung."

Zudem sei seit 2007 das Vertrauen in staatliche Institutionen gesunken, beobachten die Studienautoren. Allerdings mit einer Ausnahme: Der Polizei trauen junge Leute immer noch so sehr wie zuvor. Der Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit bleibe, so Menéndez-Valdés, eine der Prioritäten für die Regierungen Europas.

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