Neue EU-Studie Junge Männer sind Nesthocker

Zu Hause bei Mama und Papa: Fast jeder zweite Europäer zwischen 18 und 29 Jahren lebt noch oder wieder bei den Eltern - oft unfreiwillig. Besonders betroffen sind junge Männer in den Krisenstaaten.

Depri an Mamas Küchentisch? Mehr als zwei Drittel der männlichen Europäer zwischen 18 und 24 wohnte 2011 noch bei den Eltern
Corbis

Depri an Mamas Küchentisch? Mehr als zwei Drittel der männlichen Europäer zwischen 18 und 24 wohnte 2011 noch bei den Eltern

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Sie schlafen in ihren alten Kinderzimmern, sitzen bei Mama und Papa am Küchentisch und waschen ihre Wäsche bei den Eltern: Immer mehr 18- bis 29-jährige junge Europäer wohnen noch oder wieder bei ihren Eltern. 48 Prozent streckten im Jahr 2011 ihre Füße unter den elterlichen Tisch - ein Anstieg um vier Prozentpunkte verglichen mit dem Vorkrisenjahr 2007.

Das zeigt eine repräsentative Eurofound-Studie zur sozialen Situation von jungen Menschen in den 28 EU-Ländern. Für die Erhebung wurden insgesamt 43.636 Menschen über 18 Jahren in der EU befragt. Die Ergebnisse der "Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen" stammen aus einer Teilauswertung und wurden am Dienstag in Dublin vorgestellt.

Demnach sind vor allem junge Männer Nesthocker. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen lebten 68 Prozent der männlichen jungen Erwachsenen und 59 Prozent der jungen Frauen zu Hause. In der Gruppe der 25- bis 29-Jährigen waren es noch 35 Prozent Männer und 26 Prozent Frauen.

So viele junge Erwachsene leben bei ihren Eltern

Ergebnisse der Eurofound-Studie, wie viel Prozent der 18- bis 29-Jährigen in den 28 EU-Ländern in ihrem Elternhaus leben. Klicken Sie auf die Länder für weitere Informationen.

15%
85%

Was nach Bequemlichkeit klingen mag, hat in den meisten Fällen wirtschaftliche Gründe: Viele können es sich schlicht nicht leisten, allein oder mit Freunden zu wohnen. Die Abhängigkeit vom Elternhaus ist in jenen Ländern am höchsten, die unter anderem am meisten unter der Wirtschafts- und Euro-Krise zu leiden haben.

Am höchsten sind die Zahlen in Malta (85 Prozent), Italien (79 Prozent) und Ungarn (76 Prozent). Am wenigsten finanziell abhängig vom Elternhaus sind dagegen die jungen Erwachsenen in Finnland (15 Prozent), Dänemark, Österreich und Deutschland (jeweils 23 Prozent). (Lesen Sie hier wie Studenten in Deutschland leben.)

Besonders stark gestiegen ist die Zahl der Nesthocker in Ungarn (plus 36 Prozentpunkte), Slowenien (plus 21 Prozentpunkte), Litauen (plus 17 Prozentpunkte) und Polen (plus 15 Prozentpunkte). Nur in wenigen Ländern ist die Zahl gesunken, darunter Großbritannien, Luxemburg, die Niederlande und Deutschland: 2007 lebten in der Bundesrepublik 26 Prozent der 18- bis 29-Jährigen noch bei ihren Eltern, 2011 waren es 23 Prozent.

Steigende Arbeitslosenzahlen und daraus folgende finanzielle Nöte sorgen in der Regel für eine Rückkehr zu den Eltern - und zwar in allen sozialen Schichten. Von denjenigen, die einen Job haben, lebt durchschnittlich ein Drittel bei den Eltern. Von denen, die sich in der Ausbildung befinden, ist es knapp jeder Zweite, von den Arbeitslosen sogar zwei Drittel.

Arbeitslosigkeit ist unter jungen Menschen generell meist weiter verbreitet als im restlichen Teil einer Bevölkerung. Und auch die Wirtschafts- und Finanzkrisen der letzten Jahre haben vor allem die Jungen getroffen. Laut Daten der EU-Behörde Eurostat ist die Arbeitslosenrate unter 15- bis 24-Jährigen in der EU zwischen 2007 und 2011 von 15 Prozent auf 21 Prozent gestiegen.

In Saus und Braus leben die Heimschläfer dabei nicht: Fast die Hälfte der jungen Menschen in der EU wohnen der Studie zufolge in Haushalten, die mit Geldsorgen und Entbehrungen zu kämpfen haben. 27 Prozent der Befragten können sich keine Urlaube oder neue Möbel leisten oder Gäste zu sich nach Hause einladen. Jeder Fünfte hat sogar mit ernsten Formen von Armut zu kämpfen - etwa zu wenig Essen, keine neue Kleidung oder schlechte Heizmöglichkeiten. Am schlimmsten ist die Situation in Spanien, Zypern, Portugal und Griechenland.

Die Geld- und Jobnot hat deutliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Befragten. "Außerhalb des Arbeitsmarkts zu stehen, hat weitreichende Konsequenzen, nicht nur ökonomisch", sagt der Direktor von Eurofound, Juan Menéndez-Valdés. "Dazu zählt auch der Verlust an Selbstbewusstsein, an Vertrauen und Zukunftsaussichten und ein steigendes Risiko für soziale Ausgrenzung und gesellschaftlicher Abkopplung."

Zudem sei seit 2007 das Vertrauen in staatliche Institutionen gesunken, beobachten die Studienautoren. Allerdings mit einer Ausnahme: Der Polizei trauen junge Leute immer noch so sehr wie zuvor. Der Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit bleibe, so Menéndez-Valdés, eine der Prioritäten für die Regierungen Europas.

insgesamt 75 Beiträge
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wurzelbär 25.03.2014
1. Und wo ist der Ausgleich
Neue EU-Studie: Junge Männer sind Nesthocker, weil ihnen die Finanzen fehlen, um das zu tun, was die Jugend in den 60/70/80er Jahren hat sich leisten können. Da gab es noch die Volkswirtschaft >ohne politische Subventionen< - aber dafür Arbeit für alle und war zufrieden ! Ja, die Politik weis ihre Untertanen zu Händeln und die Medien schaffen dafür das kollektive Verständnis, Wissen und Bewußtsein dazu. Damit es eben zu keinem Selbstbewußtsein kommen kann. Übrigens, die Gegen-Neue EU-Studie: Alte Männer sind Nesthocker, vor allem im EU-Parlament, Brüssel und die sonst noch bekannten Orte, von denen Sie sich nicht vertreiben lassen.
karl.kunze76 25.03.2014
2. Mal wieder einer dieser tendenzioesen...
Spiegel-Artikel: "Am höchsten sind die Zahlen in Malta (85 Prozent), Italien (79 Prozent) und Ungarn (76 Prozent). Am wenigsten finanziell abhängig vom Elternhaus sind dagegen die jungen Erwachsenen in Finnland (15 Prozent), Dänemark, Österreich und Deutschland (jeweils 23 Prozent)." ...Das laesst voellig unberuecksichtigt, dass die Zahlen in der suedlichen Peripherie immer schon sehr hoch waren. Das liegt jedoch an einer traditionell staerkeren Familienbindung, Katholizismus und vielen weiteren Gruenden. Mit der Krise hat das herzlich wenig zu tun.
TontonTombi 25.03.2014
3. war ja irgendwie klar
war ja irgendwie klar.... Wehrpflicht abgeschafft, die Jungs bekommen keinen Tritt mehr in den "Allerwertesten", um Erwachsen zu werden, & zocken eden ganzen Tag zuhause bei Mamma au der Game-Station rum..... Kurz die Statistiken durchschauen, und: aha, die Länder, die ihre*n Jungs noch eine Aufgabe (und Manieren) beibringen: da sieht das schon anders aus. Also, warum nicht neue Aufgaben für junge Menschen suchen? Mein Vorschlag: Wehrpflicht wieder einführen, und der Bundeswehr internationale Aufgaben übertrangen. Nein, nicht nur Aufgaben, gar eine Führungsrolle ! Warum sind immer noch keine Jungs im Mali, Zentralafrika, & Somalia, um da mal richtig sauber zu machen? Weil sie immer noch hinter der Konsole zocken, und Mittags aufwachen, um sich von Mama verwöhnen zu lassen? Welche Zukunft hat solch ein volk? Meine Meinung ist klar: keine ! Also, entweder in die Hände spucken, und sich auch mal vollschwitzen lassen, oder : Untergang (nicht nur auf Regierungsebene) - und wegducken und unterkriechen
divStar 25.03.2014
4. Ich bin mit..
.. etwas über 650 Euro in der Ausbildung alleine ausgekommen - in einer insgesamt ca. 420 Euro teuren Wohnung (warm, mit Strom und Gas). Jetzt komme ich besser zurecht, da ich einiges mehr verdiene. Wenn man aber studiert, dann ist es halt so. Allerdings ist man auch ohne Studium was. Das größte Problem aus meiner Sicht ist aber, dass wenn man sich in einem schnelllebigen Unternehmen "einnistet", man oft reisen und "mobil" sein muss. Außerdem verdienen heute studierte sogar etwas weniger als früher "einfache" Fachkräfte - auch in Deutschland. Und heutzutage muss man nicht nur mehr Steuern zahlen, sondern neben dem Generationenvertrag auch noch eigene Rentenvorsorge betreiben - und das bei gleichzeitig weniger Geld. Ist also überhaupt kein Wunder.
rainer_humbug 25.03.2014
5.
Zitat von sysopCorbisZu Hause bei Mama und Papa: Fast jeder zweite Europäer zwischen 18 und 29 Jahren lebt noch oder wieder bei den Eltern - oft unfreiwillig. Besonders betroffen sind junge Männer in den Krisenstaaten. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/arbeitslosigkeit-in-europa-junge-erwachsene-leben-bei-ihren-eltern-a-960680.html
Zwischen 18 und 29? Also ich bin mit 21 einer der ersten aus meiner Stufe gewesen, der ausgezogen ist. Habe zwar seit meinem 16. Lebensjahr neben der schulischen Ausbildung gearbeitet, aber das Geld für einen eigenen Haushalt reicht da bei weitem nicht aus. Das genügt vielleicht grade mal für Miete, nicht mehr für Kleidung, Nahrung und Altersvorsorge. Rente muss man ja quasi zwei mal zahlen, ein mal für sich und einmal für den Staat... und daran war mit 18 nicht zu denken. Als ich dann mit 21 ausgezogen bin und in Vollzeit gearbeitet habe, hat das Geld in den ersten drei Jahren vorne und hinten nicht genügt. An ein Auto war nicht zu denken. Täglich 3 Stunden Pendelei im Massentransport. Das hab ich zum Glück hinter mir. Also ich kann jedem Jugendlichen nur dringend empfehlen zu Hause zu bleiben, den Eltern etwas Miete zu zahlen und sich mit denen zu Arrangieren, bis man sich ein gutes Polster angespart hat, dann lebt es sich deutlich leichter!
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