Spaniens verzweifelte Jugend Nehmt mich wenigstens als Regalauffüller

Sie flüchten ins Ausland oder wohnen mit 30 noch bei den Eltern: Junge Spanier, die derzeit auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen, bekommen die Krise heftig zu spüren. Doch statt die Jugend zu unterstützen, streicht die Regierung ihr die Mietbeihilfe.

Junge Menschen im Madrider Arbeitsamt: Von der Krise hart getroffen
REUTERS

Junge Menschen im Madrider Arbeitsamt: Von der Krise hart getroffen


Kein Job und derzeit wenig Hoffnung: Junge Spanier sind eine der Gruppen, die am meisten unter der tiefen Wirtschaftskrise leiden. Rund die Hälfte der Jugendlichen unter 25 Jahren ist arbeitslos, etwa 920.000 junge Menschen finden keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt. Ein historischer Negativrekord, sowohl in Spanien als auch in der Europäischen Union. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) warnte kürzlich vor der Gefahr einer verlorenen Generation. Für viele junge Spanier ist diese Gefahr bereits Realität.

Eduardo Mediero, 27, ist schon seit drei Jahren arbeitslos und hat keine Hoffnung, kurzfristig einen Job zu finden: "Es gibt nichts. Du wirst kaum noch als Regalauffüller in einem Supermarkt eingestellt. Höchstens gibt es Gelegenheitsjobs, Zeitverträge, das ist alles."

Auch für die 23-jährige Nuria Flores ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt bisher mit Enttäuschungen verknüpft. Die Spanierin spricht drei Sprachen und hat ihre Ausbildung als Laborantin mit Bestnoten absolviert. Trotzdem konnte sie nach mehreren Monaten immer noch keinen Job finden.

Daraufhin entschied sie sich für eine teure Ausbildung zur Flugbegleiterin. 2300 Euro zahlten ihre Eltern für den Halbjahreskurs in Madrid. Erneut gehörte sie zu den Besten. Als sie sich dann bei der Fluggesellschaft Iberia um eine Stelle bewerben wollte, sagte man ihr, dass sie nicht die erforderliche Mindestkörpergröße von 1,65 Metern habe. Es fehlten zwei Zentimeter, darauf hatten sie die Anbieter der Ausbildung nicht hingewiesen.

"Da kann man nichts machen"

Seit einiger Zeit versuchen gut ausgebildete spanische Jugendliche angesichts der schwierigen Lage auf dem heimischen Arbeitsmarkt ihr Glück im Ausland versuchen, wenn möglich mit finanzieller Unterstützung der EU. Nach Angaben des Portals für berufliche Mobilität, Eures, hat sich die Zahl der Spanier, die im Ausland Arbeit suchen, seit 2008 verdreifacht.

Jugendarbeitslosigkeit in der EU
Die Meldung der Internationalen Arbeitsorganisation im Sommer 2012 ist dramatisch: Millionen junger Menschen suchen verzweifelt feste Jobs, vor allem in Südeuorpa liegt die Arbeitslosigkeit der 18- bis 24-Jährigen zwischen 30 und 46 Prozent, Europa drohe eine "verlorenene Generation". Hier finden Sie die aktuellen Zahlen für Euro-Länder und Nicht-Euro-Länder:
Die Euroländer
bis 25 Jahre 25 bis 74 Jahre
EU-27 21,4 8,3
Euroländer 20,8 9,0
Spanien 46,4 19,4
Griechenland 44,4 15,8
Slowakei 33,2 11,7
Portugal 30,1 11,4
Irland 29,4 12,8
Italien 29,1 6,9
Frankreich 22,9 8,2
Zypern 22,4 6,4
Estland 22,3 11,3
Finnland 20,1 6,1
Belgien 18,7 6,0
Slowenien 15,7 7,5
Luxemburg 15,6 4,1
Malta 13,7 5,0
Deutschland 8,6 5,6
Österreich 8,3 3,5
Niederlande 7,6 3,8

Stand 2011
Quelle: Eurostat

Die Nicht-Euroländer
bis 25 Jahre 25 bis 74 Jahre
EU-27 21,4 8,3
Euroländer 20,8 9,0
Litauen 32,9 13,8
Lettland 29,1 13,8
Bulgarien 26,6 10,0
Ungarn 26,1 9,8
Polen 25,8 8,0
Rumänien 23,7 5,8
Schweden 22,9 5,2
Großbritannien 21,1 5,8
Tschechien 18,0 5,9
Dänenmark 14,2 6,3

Stand 2011
Quelle: Eurostat

Ein beliebtes Ziel ist Deutschland. Die Regierung in Berlin hatte mehrfach signalisiert, dass gut ausgebildete spanische Fachkräfte wie Ingenieure, Informatiker oder Chemiker in Deutschland gern gesehen seien. Die meisten Spanier müssen jedoch ein schwieriges Hindernis überwinden: die Sprachbarriere. Der Fremdsprachenunterricht ist ein Schwachpunkt des spanischen Bildungssystems, weshalb sich viele in privaten Sprachkursen abmühen.

Wer im eigenen Land Arbeit findet, bekommt oft einen schlecht bezahlten Zeitvertrag. So fällt es den meisten Jugendlichen schwer, unabhängig zu werden. Einem Bericht der Sparkasse La Caixa zufolge wohnen 70 Prozent der spanischen Jugendlichen zwischen 20 und 29 Jahren bei ihren Eltern. Die Preise für Eigentumswohnungen sind in Spanien extrem hoch, und die Miete für eine 80 Quadratmeter Wohnung in Madrid liegt bei mindestens 900 Euro.

Die schwierige Lage vieler spanischer Jugendlicher hat sich durch die rigorose Sparpolitik der Regierung weiter verschlechtert: Die Mietbeihilfe für junge Spanier wurde gestrichen und für diejenigen, die diesen Zuschuss zurzeit erhalten, wurde er von 210 auf 147 Euro im Monat gekürzt.

Die spanische Regierung hatte im Februar zwar eine Arbeitsmarktreform beschlossen, die Steuervergünstigungen für kleine und mittlere Unternehmen vorsieht, die jugendliche Arbeitslose unter 30 Jahren einstellen. Der Vertrag enthält allerdings eine Probezeit von einem Jahr, in der die jungen Arbeitnehmer für die Firmen problemlos wieder entlassen werden können.

Eduardo Mediero sieht schwarz für seine Zukunft und fühlt sich machtlos. "Das Einzige, was du tun kannst, ist weiter studieren, um dich zu spezialisieren, aber auch das bringt kaum etwas. Es gibt keine Arbeit. Die Leute habe kein Geld. Da kann man nichts machen."

Von Theo Peters/dpa/son

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Rainer Helmbrecht 05.08.2012
1.
Zitat von sysopREUTERSSie flüchten ins Ausland oder wohnen mit 30 noch bei den Eltern: Junge Spanier, die derzeit auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen, bekommen die Krise heftig zu spüren. Doch statt die Jugend zu unterstützen, streicht die Regierung ihr die Mietbeihilfe. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,847219,00.html
Man kann aber nicht in Brüssel die überflüssigen Beamten füttern UND die jungen Leute in Lohn und Brot bringen. Dann entscheidet sich unsere Demokratie eben für Beamte, es tut den Führern unserer Gesellschaft doch auch Leid. MfG. Rainer
Desconocido 2 05.08.2012
2. optional
Diese Situation ist eine Zeitbombe. Wenn sie hochgeht, werden unsere Politiker wieder von nichts gewusst haben wollen. Aber Hauptsache die Banken werden immer wieder gerettet.
f_l 05.08.2012
3. Richtig einsetzen
Die Kuerzung der Mietbeihilfe in das Zentrum zu ruecken ist in meinen Augen, hinsichtlich der riesigen Defizite Spaniens, zu kurzfristig gedacht. Es kommt doch vielmehr darauf an, wo das gesparte Geld investiert wird. Die spanischen Jugendlichen, langfristig gesehen, brauchen keine Miethilfen, sie brauchen Arbeit, Konjunktur, Anreize fuer Arbeitgeber eben diese Leute einzustellen. So loest sich das Mietproblem von selbst. Ich finde es wirklich entsetzlich, dass jahrelanges, politisches Versagen auf die Jugend Spaniens zurueckschlaegt und ich hoffe wirklich, dass dieses Problem zusammen mit der EU bald geloest wird.
at.engel 05.08.2012
4. Die Gesetzte des
Das Land ist praktisch am Ende, die Menschen sind entweder arbeitslos oder arbeiten für einen Hungerlohn, Millionen Wohnungen stehen leer, aber die Mieten sind anscheinend immer noch pervers hoch. Irgendwie fuktionieren die Gesetze des "freien" Marktes so, dass immer die Gleichen profitieren.
karlsiegfried 05.08.2012
5. Nur der Anfang
Es dauert nicht mehr lange und ganz Europa - Jung und Alt - werden von dieser Entwicklung überrollt werden. Die Alten werden gehätschelt und die Jungen können verrecken.
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