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Arbeitsmarkt "Flächendeckenden Ingenieurmangel gibt es nicht"

Im nächsten Jahrzehnt werden in Deutschland Akademiker fehlen, prophezeien Arbeitsmarktforscher. Die aktuellen Warnrufe zum Fachkräftemangel halten sie aber für übertrieben, selbst bei Ingenieuren. Klare Botschaft einer neuen Studie: Ein Studium lohnt sich unbedingt - yes, you can.
Ingenieure: "Kein genereller Engpass"

Ingenieure: "Kein genereller Engpass"

Foto: DPA

Noch vor wenigen Jahren "Akademikerschwemme", heute "Fachkräftemangel" - wie die Zeiten sich ändern. Noch tief in den neunziger Jahren pflegte man in Kohls Kanzleramt die Kunstfigur des "taxifahrenden Dr. Arbeitslos", Unionspolitiker äußerten sich abschätzig über höhere Abiturienten- und Akademikerzahlen. Inzwischen barmen Politik und Wirtschaft im Chor um die Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland, weil es insgesamt an Hochschulabsolventen und besonders an Ingenieuren fehle. Auch der Dresdner Bildungsgipfel am Mittwoch sollte zur Rettung vor dem drohenden Fachkräftemangel beitragen.

Es ist eine Achterbahnfahrt mit Schleudertrauma-Gefahr. Waren der Studentenberg und die Akademikerschwemme eine pure Fiktion, steuert Deutschland schnurstracks in eine schwere Krise, weil die Wirtschaft ihren Bedarf an Hochqualifizierten schon heute kaum noch decken kann?

Im Prinzip ja, antwortet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Und dann folgt das eine oder andere große ABER. Die Nürnberger Forscher haben just eine bemerkenswerte Untersuchung zu Langzeittrends vorgelegt, von den frühen neunziger Jahren bis heute, inklusive Prognose für das kommende Jahrzehnt.

Keine Überqualifizierung zu erkennen

Die Kernbotschaft: Auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker gab es nie ein breites Überangebot. Und ebensowenig gibt es jetzt "gewaltige Engpässe". Aber für die nächsten Jahre bis 2020 zeichnet sich tatsächlich ein höherer Bedarf an Hochschulabsolventen ab, den Deutschland nur mit größeren Bildungsanstrengungen decken kann.

Für Schüler, Abiturienten, Studenten ist das eine gute Nachricht. Mit einem Hochschulabschluss muss man sich über die beruflichen Chancen fortan weit weniger Sorgen machen als andere Bevölkerungsgruppen. Das war aber nach der IAB-Analyse schon in den siebziger Jahren so und gilt bis heute: Zwischen 1991 und 2005 stieg die Zahl der erwerbstätigen Akademiker um 1,7 Millionen Menschen - satte 40 Prozent mehr, und das unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung. Die Zahl der Erwerbstätigen mit Lehrberufen sank hingegen um zwei Millionen. 2,9 Millionen Absolventen verließen in diesen 14 Jahren die Hochschulen - und fast alle fädelten sich in den Beruf ein, ohne dass bei ihnen Arbeitslosigkeit grassierte: "Das Beschäftigungssystem hat die enorme Zahl an Neuzugängen weitgehend absorbiert", heißt es in der Studie.

Auch für eine massenhafte "Überqualifizierung" von Akademikern können die Forscher keine starken Indizien entdecken. In den achtziger und neunziger Jahren seien sie weit überwiegend auf Arbeitsplätzen beschäftigt gewesen, die ihrer Ausbildung entsprachen. Bis 2005 habe sich das "etwas zu Ungunsten der Hochqualifizierten verändert", aber nicht drastisch.

Auch Ingenieur-Arbeitsmarkt nicht leergefegt

Die Arbeitslosenquote bei Akademikern dümpelt stets bei um die vier Prozent, weit weniger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Auch beim Verdienst schneiden Akademiker am besten ab: Im Vergleich zu Angestellten mit abgeschlossener Berufsausbildung erzielen sie im Schnitt um fast die Hälfte höhere Einkommen - und können auch weit häufiger an beruflicher Weiterbildung teilnehmen. Dieser Befund folge dem "Matthäus-Prinzip", notieren die Autoren lakonisch ("Denn wer hat, dem wird gegeben").

Den aktuell viel beklagten Fachkräftemangel hingegen relativieren die Forscher und widmen sich besonders den Technikdisziplinen. "Trotz Engpässen in einigen Ingenieurberufen besteht kein flächendeckender Ingenieurmangel", lautet ihr Ergebnis. Für 2007 stellen sie fest: Offene Ingenieurstellen konnten sogar schneller besetzt werden als in den Vorjahren. Der Markt sei "nicht völlig leergefegt" - nicht einmal bei den Berufen Maschinenbau-, Elektro- und Wirtschaftsingenieur.

Das belegen die IAB-Mitarbeiter mit aktuellen Zahlen vom September 2008: In diesem Bereich waren immer noch rund 8100 Arbeitslose auf Stellensuche, mehrheitlich im Alter über 50 oder Frauen. Dieses Potential könnten Arbeitgeber stärker nutzen, zumal Berufsneulinge für viele offene Stellen gar nicht in Frage kämen, weil Berufserfahrung oder spezielle Kenntnisse verlangt würden.

Bildungsexpansion stockt schon lange

Von generellen Engpässen könne "keine Rede sein", heißt es in der Studie - und die gegenwärtige Mangelsituation seit "teils undifferenziert und übertrieben", auch in den Ingenieurberufen. Aber in einigen Betrieben und Regionen seien Rekrutierungsschwierigkeiten durchaus ein "beträchtliches Problem". Die Personalsuche dauere inzwischen länger, auch die Bewerberzahlen für offene Stellen seien gesunken.

Der Rat der Nürnberger Forscher an junge Menschen lautet unmissverständlich: "Ein Studium lohnt sich, in Zukunft noch mehr als bisher." Bis zum Jahr 2020 sehen sie einen Mangel an Hochqualifizierten - über alle akademischen Berufsfelder. Dass viele der heutigen Akademiker bald in Rente gehen, werde zusammen mit dem Wandel der Arbeitswelt in einer Wissens- und Informationsgesellschaft zu stärkeren Engpässen führen.

Deutschland ist dafür nicht gut gewappnet, weil Länder und Bund Hausaufgaben nachholen müssen. Dass es bei den Nachrückern klemmt, liegt laut IAB daran, dass die Bildungsexpansion seit den neunziger Jahren "erlahmt": Die Quote der Studienanfänger stagniere, die der Studienabbrecher sei noch immer zu hoch. Laut OECD nehmen derzeit 37 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium auf. Die Nürnberger Forscher halten 40 Prozent für notwendig; dafür müssten "mindestens 50 Prozent eines Jahrgangs eine Hochschulberechtigung erlangen".

Bessere Aussichten auch für Geisteswissenschaftler

Reserven sehen sie bei Kinder aus Einwandererfamilien und aus bildungsschwachen Elternhäusern sowie bei der Weiterbildung älterer Beschäftigter. Außerdem müsse die Politik Abwanderung vermeiden und mehr gezielte Zuwanderung ermöglichen.

Als Nutznießer der Entwicklung sieht das IAB auch Absolventen "weniger marktgängiger Studiengänge", etwa der Geisteswissenschaften. Die Forscher prophezeien, dass sich Firmen für "Quereinsteiger aus eher untypischen Studienfächern" öffnen müssen und werden.

Dass Geisteswissenschaftler sich schon bisher geschmeidiger in den Arbeitsmarkt einfädeln, als es das ewige Vorurteil von den "brotlosen Künsten" besagt, zeigte unlängst die Absolventenstudie des Hochschul-Informations-Systems. Bislang allerdings verdienen Absolventen aus Philosophie, Romanistik und Geschichte im Vergleich zu Akademikern aus wirtschaftsnahen Disziplinen eher bescheiden - und nur jeder Achte findet nach dem Studium zügig eine feste, unbefristete Anstellung.

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