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Lehrergeständnisse Wo hat Marie nur ihre Socken?

Auf Klassenfahrt ist der Lehrer nicht nur Wissensvermittler, sondern auch Kofferkuli, Putzhilfe und starke Schulter. Das schlaucht, besonders wenn die Kollegen einen "schönen Urlaub" wünschen. Ein anonymer Pädagogenbericht, maximal ehrlich.
Tage der Schwerstarbeit: Auf Klassenfahrt müssen Lehrer ihren Schülern manchmal suchen helfen

Tage der Schwerstarbeit: Auf Klassenfahrt müssen Lehrer ihren Schülern manchmal suchen helfen

Foto: DPA

Manche Lehrer freuen sich auf eine Klassenfahrt, andere stöhnen, manch einer wünscht auch: "Schönen Urlaub!" Das sind meist jene Kollegen, die sich inzwischen weigern, eine Klassenfahrt zu begleiten.

Wenn ich im Bus sitze, dann beginnt der interessante, schöne, aufregende, bereichernde, anstrengende, nervenaufreibende oder angsteinflößende Teil der Klassenfahrt, manchmal auch alles zusammen.

Auf einer solchen Fahrt bin ich nämlich nicht mehr nur Lehrer: Je jünger die Schüler, desto mehr mutiere ich zum Aufseher, Ansprechpartner, Packhelfer, Gepäckträger, Krankenpfleger, Notarzt, Putzhelfer, Ersatzelternteil, Ernährungsberater, Verkehrslotsen und Kummerkasten. Vorbereitet wurde ich darauf in der Lehrerausbildung nicht. Zu blöd, dass ich noch keine 20 Jahre Erfahrung oder eigene Kinder habe.

Ich kann zwar viel über Geschichte und Natur unseres Reiseziels sagen, aber was weiß ich denn, wo Marie ihre Socken eingepackt hat? Ich habe keine Ahnung, warum Mehmet nun nicht mehr mit Christian redet und ob Bert die Eva jetzt mag oder nicht. Es ist mir relativ egal, dass die plötzlichen Magenprobleme der Schüler vom selbst mitgebrachten Essen herrühren und nicht von der Herbergskost. Ich muss mich nämlich hauptsächlich um das Resultat kümmern. Da interessiert es auch keinen, ob ich qualifiziert dafür bin - oder gar Lust habe.

Nebenbei möchten die Schüler am liebsten, dass ich die Jugendherberge umbaue, die ist nämlich nicht in ihrem Sinne. Zu groß, zu klein, zu dreckig, zu kalt, zu warm, zu eng. Anderes Essen hätten sie auch gern. Das ist nämlich nicht wie zu Hause!

Meine Kollegin und ich versorgen eine Woche lang rund um die Uhr 30 Kinder - was normalerweise zwischen 30 und 60 Erwachsene bewältigen. Aber dann ist ja Wochenende, und am Montag wieder normaler Unterricht, den muss ich noch vorbereiten. Ach, stimmt, eine Klausur liegt auch noch auf dem Schreibtisch. Ja, ein schöner Urlaub.

Der 30-Jährige Lehrer unterrichtet an einem Gymnasium in einer südwestdeutschen Stadt.

In den kommenden Tagen erscheinen auf SPIEGEL ONLINE weitere Lehrergeständnisse zum Thema Klassenfahrt. Alle bisher erschienenen Geständnisse finden Sie hier.

Und jetzt kommen Sie
Foto: Corbis

Das Thema der nächsten Folge: Was ich in der Schule sofort ändern würde, wenn ich könnte.

Sie sind Lehrer und möchten zu dem Thema auch etwas gestehen? Dann schicken Sie Ihre kurze Geschichte gern an:

E-Mail senden an Lehrer@spiegel.de 
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Foto: Christoph Schmidt/ DPA

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