Ausbildungsplatz-Misere Leerstellen bei Lehrstellen

Zu Beginn des Ausbildungsjahres Ende September werden voraussichtlich 30.000 Lehrstellen fehlen. Während Experten und Politiker nun auf die Nachvermittlung hoffen, hat auch Bundespräsident Horst Köhler die Betriebe aufgefordert, mehr Jugendliche auszubilden.


Tischlerlehrling: Noch fehlen etwa 30.000 Ausbildungsplätze
DDP

Tischlerlehrling: Noch fehlen etwa 30.000 Ausbildungsplätze

Der Bundespräsident formulierte es staatsmännisch: "Ausbildungsplätze sind eine Investition nicht nur in das eigene Unternehmen, sondern in die gesamte Gesellschaft", sagte Köhler am Donnerstag beim Besuch der diakonischen Fördereinrichtung "Pro Beruf" in Hannover. Er äußerte sich besorgt über die 30.000 fehlenden Lehrstellen in diesem Jahr. Die Ausbildung sei die "vornehmste Pflicht gegenüber jungen Menschen in unserer Gesellschaft".

Trotz der derzeitigen Probleme gab sich Ludwig Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, in Presseberichten gelassen. "Ich bin zuversichtlich, dass wir in unseren Nachvermittlungen bis Ende des Jahres jedem Jugendlichen ein Angebot auf Ausbildung machen können", sagte Braun. Er forderte, die Berufsbilder schneller zu modernisieren und weniger theoriebegabten Jugendlichen eine kürzere Ausbildung anzubieten.

Inzwischen schlug Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement vor, Schulen sollten enger mit der Wirtschaft kooperieren. Partnerschaften und regelmäßige Praktika der Schüler in den Betrieben sollten ein realistisches Berufsbild vermitteln. "Wir müssen erreichen, dass Schüler drei Jahre vor Ende ihrer Schulzeit beginnen, sich auf ihr Berufsleben vorzubereiten."

Clement rief die Jugendlichen jedoch auf, flexibler zu werden. Sie müssten sich öfter bewerben, mobiler werden und auch bereit sein, einen anderen als ihren Traumberuf zu erlernen. Nach Angaben des Ministeriums sind derzeit etwa 600.000 Jugendliche ohne Job, weitere 400.000 sind in sogenannten Beschäftigungsmaßnahmen.

Doch Clement gestand auch Misserfolge ein und betonte, dass die Bundesregierungen der vergangenen Jahrzehnte bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht vorangekommen seien. "Trotz allen Kraftaufwands sind wir bemerkenswert erfolglos geblieben", erklärte Clement. Die ostdeutsche Wirtschaft nahm Clement dabei in Schutz. "Die Unternehmen in den neuen Ländern haben eine höhere Ausbildungsbereitschaft als die in den alten", sagte Clement. Viele könnten jedoch wegen ihrer wirtschaftlichen Situation nicht so viel ausbilden, wie sie gerne möchten.

Trotz der fehlenden Lehrstellen stellt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) dem Ausbildungspakt der Bundesregierung kein schlechtes Zeugnis aus. "Auch wenn es noch nicht gelungen ist, die Probleme am Ausbildungsmarkt vollständig zu lösen, kann man beim Ausbildungspakt von einem Erfolg reden", sagte BIBB-Präsident Manfred Kremer der "Berliner Zeitung".

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Bundesregierung mit der Wirtschaft einen Ausbildungspakt geschlossen. Darin verpflichteten sich die Unternehmen, jedem ausbildungswilligen und -fähigen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anzubieten. Trotz der schwachen Konjunktur hätten die Unternehmer im vergangenen Jahr 20.000 mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als 2003, sagte Kremer. Der Pakt habe "neuen Drive" in die Entwicklung gebracht und die Zusammenarbeit von Unternehmen, Kammern und Arbeitsagenturen verbessert.



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