Autoren-Gerangel unter Forschern Wer auf den Titel gehört - und wer nicht

Forschung ist meist Teamarbeit, Publikationen sind entscheidend für die Uni-Karriere. Wen soll man als Aufsatz-Autor nennen, und vor allem: an welcher Position? Oft kommt es zum Streit, wenn Platzhirsche sich als Ehrenautoren feiern lassen - während Mitarbeiter rackern und leer ausgehen.

Verdruss im Labor: Über die Autorenschaft bei Fachaufsätzen gibt es oft Zwist
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Verdruss im Labor: Über die Autorenschaft bei Fachaufsätzen gibt es oft Zwist

Von Nicole Lücke


Redakteure wissenschaftlicher Fachzeitschriften kommen sich manchmal vor wie Eltern, deren Kinder streiten. Jedes sagt, das andere habe angefangen. In einer medizinischen Zeitschrift zum Beispiel geschah unlängst Folgendes: Die Redaktion hatte online das Abstract eines Textes veröffentlicht, der kurz darauf in der Printausgabe erscheinen sollte. Prompt kam ein Brief von zwei Ärzten, die forderten, als Mitautoren genannt zu werden. An den entscheidenden Studien seien sie beteiligt gewesen. Das lehnte der Erstautor mit der Begründung ab, ihr Beitrag sei unwesentlich gewesen.

Der Streit zog sich über Wochen hin, ein Institutsleiter äußerte ohne Erfolg seine Meinung, und der Erstautor sagte, die zwei Beschwerdeführer hätten sogar gedroht, seine Karriere zu zerstören. Am Ende einigten sie sich: Der Erstautor akzeptierte die beiden anderen als Co-Autoren.

Diesen und ähnliche Fälle betreut das Committee on Publication Ethics (COPE) in London. "Streitigkeiten über Autorenfragen kommen immer wieder vor", sagt Sabine Kleinert, Vizepräsidentin des Komitees, das sich Ende März wieder zu seiner Jahresversammlung trifft.

Nennung eines Institutsleiters, der keinen Handschlag getan hat?

Konflikte unter Autoren sind in der Welt der Forschung nicht ungewöhnlich. Schließlich bedeuten viele Veröffentlichungen für Wissenschaftler bares Geld in Form von Stipendien, Förder- und Drittmitteln. Besonders wichtig ist die Länge der Publikationsliste für die Karriere. Das gilt nicht nur für die Berufung zum Professor, sondern auch für Nachwuchswissenschaftler beim Kampf um die besten Stellen.

Deshalb wollen Mitarbeiter auch als Mitautoren genannt sein, wenn sie nur einen kleinen Teil der Experimente gemacht haben. Promovenden mit einer sehr guten Doktorarbeit bekommen in den Lebenswissenschaften nur dann ein "summa cum laude", wenn sie bereits in einer Zeitschrift veröffentlicht haben. Auch wer kumulativ habilitieren will, sollte möglichst oft als Erst- oder Letztautor auftauchen. Dazwischen zu stehen, bringt wenig.

So verschieden sind die Regeln bei der Autorennennung
Unterschiede der Fachkulturen
In welcher Reihenfolge Autoren genannt werden, ist in den akademischen Disziplinen völlig uneinheitlich. Für die Auflistung gibt es hauptsächlich drei verschiedene Systeme.
Gleichberechtigte Autorenschaft
Sie herrscht in den klassischen Geisteswissenschaften wie Geschichte oder Germanistik vor, aber auch in den Rechtswissenschaften, den Wirtschaftswissenschaften, der Mathematik oder der Soziologie. In diesen Disziplinen überwiegen nach wie vor Monografien.

Sind dagegen zwei oder drei Autoren gelistet, haben sie das Werk in der Regel gemeinsam und gleichberechtigt verfasst. Die Reihenfolge ist daher meist alphabetisch.

Absteigende Autorenschaft
Der Hauptautor steht an erster Stelle. Die Co-Autoren folgen absteigend nach dem Grad ihrer Beteiligung. Hier taucht das erste Problem auf. In den Wirtschaftswissenschaften oder der Mathematik gibt es zum Beispiel dieses System parallel zur Auflistung gleichberechtigter Autoren.

Eine Unterscheidung zwischen den Systemen ist für Außenstehende nicht immer möglich und wird oft auch nicht gekennzeichnet. Die absteigende Sortierung ist etwa üblich in der Astronomie, den Geowissenschaften und der Informatik.

Klammerstellung
Sie ist die häufigste Form der Autorenlistung bei den technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen, aber auch in den Lebenswissenschaften. An erster Position wird dabei der Hauptautor genannt. An letzter Stelle folgt der Ideengeber oder Betreuer, zum Beispiel der Doktorvater. Zwischen diesen beiden stehen die übrigen Autoren, die einen wesentlichen Beitrag geleistet haben. Ihre Reihenfolge ist entweder alphabetisch oder absteigend. Selten wird ihre genaue Beteiligung an der Studie benannt. Es kommt auch vor, dass der Institutsleiter an letzter Stelle steht, obwohl er praktisch nicht an der Publikation beteiligt war. Diese Form der Ehrenautorschaft gilt als schlechte wissenschaftliche Praxis.
Weiterführende Informationen
Publikationsverhalten in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen – Beiträge zur Beurteilung von Forschungsleistungen, Diskussionspapiere der AvH 12/2009, 2., erweiterte Auflage:

www.humboldt-foundation.de/web/diskussionspapiere.html


Empfehlungen des Committee on Publication Ethics (COPE) an Fachzeitschriftenredaktionen für den Umgang mit Autoren und Aufsätzen:

http://publicationethics.org/guidelines

Viele Wissenschaftler kämpfen zudem mit den sogenannten Ehrenautorenschaften. In vielen Fachdisziplinen erwarten die Institutsleiter aus purer Tradition, dass ihr Name über jedem Paper steht, obwohl sie keinen Handschlag dafür getan haben (wie Ehrenautoren außerdem bei den Verwertungsrechten finanziell profitieren, erklärt Urheberrechts-Experte Ansgar Ohly im duz-Interview.)

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat das zwar schon 1998 in ihren "Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" gebrandmarkt, aber diese "So-war-das-schon-immer"-Gesetze halten sich hartnäckig. Deshalb wird es wohl auch nie eine generelle Lösung für die Autorennennung geben.

"Die Reihenfolge der Autorenschaft ist eine Kulturfrage"

Wie unterschiedlich die Regeln sind, zeigt das Diskussionspapier "Publikationsverhalten in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen", das die Humboldt-Stiftung herausgegeben hat. Während in den Geisteswissenschaften meist nicht mehr als ein oder zwei Autoren gleichberechtigt aufgelistet sind, ist es etwa in den Naturwissenschaften üblich, an erster Stelle den Autor mit dem größten Beitrag zu nennen, an letzter Stelle den Ideengeber und alle weiteren Mitarbeiter dazwischen, sei es nach Alphabet oder absteigend nach Beteiligung.

"Die Reihenfolge der Autorenschaft ist eine Kulturfrage. Das muss auch nicht vereinheitlicht werden", sagt Ulrike Beisiegel. Sie ist Biomedizinerin an der Universität Hamburg und Sprecherin des Ombudsman-Gremiums der DFG. Für sie ist es eher problematisch, dass auf den Papers oft Namen stünden, die dort nicht hingehörten.

"Erst bei wissenschaftlichem Fehlverhalten Beteiligter tritt das offen zutage, und dann wird die eigene Verantwortung heruntergespielt", weiß der Hamburger Jurist Hans-Heinrich Trute, Experte für rechtliche Streitfälle in der Forschung und Beisiegels Vorgänger als Ombudsman-Sprecher. Er verlangt, Autorenschaft müsse bedeuten, "dass Verantwortung eingefordert werden kann". Theoretisch wäre das dank DFG-Richtlinien einfach. Aber in der Praxis lassen sich Institutschefs weiter als Ehrenautoren feiern und ihre Literaturliste verlängern.

Die DFG geht deshalb neue Wege, um gute Praxis bei der Autorenschaft zu fördern. Gemeint ist, was Experten schon länger diskutieren: mehr Qualität und weniger Quantität. Wenn Wissenschaftler für DFG-Anträge nur noch ihre fünf besten Publikationen auflisteten, spielte die Gesamtanzahl der Veröffentlichungen keine Rolle mehr. Es käme also nur noch auf Veröffentlichungen an, für die man wirklich viel geleistet hat.

Der Königsweg wäre die großzügige Nennung mit Funktion

Laut DFG-Empfehlungen sollen ohnehin nur solche Wissenschaftler als Autoren aufgeführt werden, die einen wesentlichen intellektuellen Beitrag geleistet haben. Dafür sollten die Passagen der einzelnen Autoren gekennzeichnet werden. "In 90 Prozent der Fälle ist das kein Problem", sagt Ulrike Beisiegel. "Wenn jemand zum Beispiel im OP Proben gesammelt hat, ohne Ahnung vom Projekt zu haben, dann reicht eine Danksagung. Wenn er aber Vorschläge macht, welche Proben geeignet wären, dann leistet er einen intellektuellen Beitrag und ist Autor."

Nun mögen die Physiker einwenden, bei ihnen gebe es Projekte, für die Dutzende Mitarbeiter intellektuelle Beiträge geleistet hätten und eine Kennzeichnung unmöglich sei. "Das ist Unsinn", entgegnet Beisiegel, "die Veröffentlichungen beziehen sich in der Regel auf Schwerpunkte. Nur die daran Beteiligten sind Autoren, alle übrigen können im Supplement aufgeführt werden."

Für die Natur- und Lebenswissenschaften sieht Beisiegel einen Königsweg: An der ersten Position steht wie üblich der Hauptautor, zum Beispiel der Doktorand. An der letzten Position ist der Ideengeber aufgeführt, also der Betreuer oder der Doktorvater. Im Idealfall stünde bei den übrigen Mitarbeitern, die einen intellektuellen Beitrag geleistet haben, ein Hinweis auf deren Inhalt.

Was das bedeutet, erklärt Beisiegel am Beispiel Biowissenschaften: "Einer ist vielleicht der Zellkulturen-Experte, der Nächste führt ein Experiment mit Mäusen durch, der Dritte untersucht bestimmte Proteine, die mit dem Projekt zusammenhängen, und so weiter. Sie sind alle Autoren, ihre Funktion wird in Klammern benannt."

Geltungssüchtige rudern oft schon bei einer Nachfrage zurück

Doch so lange es um die besten Autorenplatzierungen gehe, gebe es auch Wissenschaftler, die ihren Beitrag überschätzten und eine Autorenschaft zu Unrecht einforderten, sagt Trute. "In solchen Fällen wenden sich die Beteiligten am besten an den Arbeitsgruppenleiter. Kann der nicht vermitteln, hilft der DFG-Ombudsman." Allerdings braucht man dafür eine gehörige Portion Mut. "Wer eine Führungsposition anstrebt, sollte diesen Druck aber aushalten", sagt Beisiegel.

Sie habe schon Fälle erlebt, bei denen Institutsleiter auf ihre bloße Anfrage hin zurückruderten. Ähnlich war es bei COPE. Nur ein Brief genügte, um einen Forscher, der plötzlich deutlich öfter als Ehrenautor auftauchte als früher, zur Räson zu bringen. Für die Karriere muss Aufbegehren nicht von Nachteil sein. "Rückgrat wird bei vielen gerne gesehen", sagt Beisiegel.

Manche Wissenschaftler hoffen, mit einem bekannten Institutsleiter als Ehrenautor im Gepäck einen Fuß in die Tür von Fachzeitschriften zu bekommen. Sollten die Redaktionen also besser kontrollieren, ob die Autorenfrage korrekt gelöst ist? "Das ist nicht möglich und auch nicht gewollt", sagt Sabine Kleinert von COPE, "Journale operieren nach dem Prinzip des Vertrauens". Die Autorenfrage müsse in den Instituten geklärt werden. Das sehe die DFG ähnlich, sagt Kirsten Hüttemann: "Wir wollen Wissenschaft fördern, nicht überprüfen."

Nicole Lücke, Hochschulmagazin "duz"



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Seite 1
MartinDominik 18.02.2010
1. Publikations-Irrsinn
Das wahre Problem liegt tiefer: War der eigentliche Sinn einer wissenschaftlichen Publikation urspruenglich die Weitergabe erworbenen Wissens, dient sie heute eher der Profilierung der Autoren. Es ist hoechste Zeit, aus diesem Irrsinn auszusteigen; wahre Exzellenz misst sich nicht an Zitaten und Autorenlisten.
Newspeak, 18.02.2010
2. ...
Zitat von MartinDominikDas wahre Problem liegt tiefer: War der eigentliche Sinn einer wissenschaftlichen Publikation urspruenglich die Weitergabe erworbenen Wissens, dient sie heute eher der Profilierung der Autoren. Es ist hoechste Zeit, aus diesem Irrsinn auszusteigen; wahre Exzellenz misst sich nicht an Zitaten und Autorenlisten.
Ich stimme Ihnen voll und ganz zu...allein, wenn sie ein Fortkommen als Wissenschaftler haben wollen, dann schaut die Sache ganz anders aus, dann spielt es (in den Naturwissenschaften) schon eine wesentliche Rolle, ob sie am Anfang oder in der Mitte oder sogar am Ende eines Veröffentlichungstitels stehen, oder ob sie ein kleines Sternchen als Korrespondenzautor bekommen, oder nicht. Die Position dieses kleinen Sternchens kann karriereentscheidend sein! (darüber schweigt sich der SPON Artikel leider aus) Ginge es dagegen nur um die Weitergabe von Wissen, könnte man sich wie früher untereinander Briefe schreiben und auch das peer-review wäre nicht so wichtig. Ein zusätzliches, ebenfalls nicht thematisiertes Problem liegt außerdem darin, daß man Glück hat, wenn der eigene Doktorvater überhaupt irgendwas publiziert. Es gibt da Fälle, wo quasi fertige Paper jahrelang in der Schublade liegen und man als Doktorand am ausgestreckten Arm verhungert, weil es zwar von jedem schulterklopfend anerkannt wird, was man alles geleistet hat, das offiziell, ohne dazugehörige Veröffentlichung, absolut nichts zählt. Und Veröffentlichung bedeutet in diesem Fall nicht die Doktorarbeit. Die liest eh niemand.
Kekskuchen 19.02.2010
3. Höher, schneller, weiter
Eine kleine Anmerkung habe ich noch zum Artikel: Leider ist es in den Lebenswissenschaften nicht so, dass der, der in einem Peer-review-paper veröffentlicht, eine Promotion mit summa cum laude erhält. Mein Doktorvater hat mir damals klipp und klar mitgeteilt, dass ich mindestens in "Cell", "Nature" oder "Science" veröffentlichen müsse, und dann "können wir über das summa noch mal reden". Der gleiche Doktorvater hatte übrigens während seiner Promotion in einem Journal mit einem Impact Factor von 1,2 (also knapp an der Grasnarbe) veröffentlicht... Nun, das ist gute 30 Jahre her... Auch in der Forschung gilt nunmal das "höher, schneller, weiter", das wahrscheinlich inzwischen die meisten von uns nicht mehr wollen, aber alle mitmachen, aus Angst als Versager zu gelten. Bei den Doktoranden hat es sich inzwischen auch schon herumgesprochen, dass nicht alle eine Professorenstelle bekommen werden...
chromatine 24.02.2010
4. Publikationen und Promotion
Zitat von KekskuchenEine kleine Anmerkung habe ich noch zum Artikel: Leider ist es in den Lebenswissenschaften nicht so, dass der, der in einem Peer-review-paper veröffentlicht, eine Promotion mit summa cum laude erhält. Mein Doktorvater hat mir damals klipp und klar mitgeteilt, dass ich mindestens in "Cell", "Nature" oder "Science" veröffentlichen müsse, und dann "können wir über das summa noch mal reden". Der gleiche Doktorvater hatte übrigens während seiner Promotion in einem Journal mit einem Impact Factor von 1,2 (also knapp an der Grasnarbe) veröffentlicht... Nun, das ist gute 30 Jahre her... Auch in der Forschung gilt nunmal das "höher, schneller, weiter", das wahrscheinlich inzwischen die meisten von uns nicht mehr wollen, aber alle mitmachen, aus Angst als Versager zu gelten. Bei den Doktoranden hat es sich inzwischen auch schon herumgesprochen, dass nicht alle eine Professorenstelle bekommen werden...
Das stand so auch nicht im Artikel. Anders herum wird ein Schuh daraus: Ohne Veröffentlichung gibt es meist Abzüge und somit kein summa cum laude. In einigen Doktorandenprogrammen (z.B. am Max Planck Institut) darf man ohne vorherige Veröffentlichung gar nicht promovieren. Hihi, ich hoffe, das haben Sie ihm auch genau in diesem Wortlaut unter die Nase gerieben!
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