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Jugendliche in Südosteuropa Unzufrieden und auf dem Sprung

Von der Demokratie enttäuscht, von den Zukunftsaussichten auch: Junge Erwachsene in den Balkanstaaten wollen nur noch weg. Dieser Wunsch sei "die größte Bedrohung für die Zukunft Südosteuropas", sagt eine neue Studie.
Heranwachsende in Bulgarien (Archiv): Arbeitslosigkeit und Armut sind die drängendsten Sorgen

Heranwachsende in Bulgarien (Archiv): Arbeitslosigkeit und Armut sind die drängendsten Sorgen

Foto: ? Stoyan Nenov / Reuters/ REUTERS

Ein zutiefst skeptischer Blick auf die Politik in ihren Ländern, kaum Chancen für die eigene berufliche Zukunft: Fast die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in acht Balkanländern will am liebsten auswandern. Begehrteste Ziele: Deutschland, Großbritannien, die Schweiz und die USA. Das ist das Ergebnis einer neuen repräsentativen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung .

"Die Ergebnisse sind beunruhigend und sollten für die Europäische Union als Warnsignal dienen", sagt der Bildungs- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin, der die Studie geleitet hat. In Zusammenarbeit mit Forschern vor Ort waren jeweils 800 bis 1200 junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren in acht Ländern befragt worden: in Albanien und Bosnien-Herzegowina, Bulgarien und Kroatien, dem Kosovo und Mazedonien, Rumänien und Slowenien.

Politisches Engagement? Nein danke!

Sich in ihren Ländern zu engagieren, kommt für einen Großteil der jungen Erwachsenen nicht in Frage, weil politisches oder soziales Engagement als nicht besonders aussichtsreich angesehen wird. Einige Teilbefunde der Untersuchung:

  • Gut ein Drittel der befragten Jugendlichen ist unzufrieden mit dem Zustand der Demokratie in ihren Ländern. Nur 17 Prozent sind dagegen zufrieden. Am größten ist der Unmut in Mazedonien, wo gerade einmal sechs Prozent mit dem politischen System zufrieden sind, 44 Prozent dagegen unzufrieden. In Slowenien liegt der Anteil der Unzufriedenen sogar bei 59,8 Prozent.
  • Etliche aus der jungen Generation haben sich von der Politik bereits weit entfremdet: "Durchschnittlich haben lediglich ein Viertel aller jungen Erwachsenen in Südosteuropa seit ihrer Volljährigkeit an allen Wahlen teilgenommen."
  • "Sehr wahrscheinlich" oder "ziemlich wahrscheinlich" ihr Land verlassen wollen 45,5 Prozent aller Befragten. Am dramatischsten sind die Zahlen in Albanien mit 66,7 Prozent Auswanderungswilligen, im Kosovo mit 55,1 Prozent und in Mazedonien mit 52,8 Prozent.

"Hier liegt einer der Gründe dafür, dass der Strom von Einwanderern und Flüchtlingen aus den osteuropäischen Ländern auch in Deutschland so stark angeschwollen ist", sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Die meisten Abwanderungswilligen gaben an, ihren Lebensstandard verbessern sowie Arbeits- und Ausbildungschancen nutzen zu wollen.

Für die Situation in den betroffenen Ländern hätte es dramatische Folgen, wenn rund die Hälfte der jungen Generation ihre Pläne zur Auswanderung umsetzen würde, schreiben die Forscher. Die Abwanderung der jungen Generation sei "die größte Bedrohung" für die Zukunft dieser Staaten.

Um gegenzusteuern, empfehlen die Wissenschaftler der EU und den betroffenen Balkan-Staaten einen Vier-Punkte-Aktionsplan:

  • Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt: Die Berufsausbildung muss in den Balkanstaaten reformiert, neue Arbeitsplätze sollen gefördert werden - etwa durch die Unterstützung von Existenzgründern, Subventionen für die Anstellung Jugendlicher und für Programme, mit denen qualifizierte, aber bereits ausgewanderte Arbeitskräfte zurückgeholt werden.
  • Bessere politische Bildung: Die Forscher empfehlen politische Bildung in allen Schulformen und eine bessere finanzielle Förderung von Jugendorganisationen und ehrenamtlichen Diensten.
  • Jugendliche in Politikentscheidungen einbinden: Die politischen Strukturen sollen so reformiert werden, dass Heranwachsende "zumindest bei solchen Entscheidungen ein Mitspracherecht haben, bei denen ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse im Vordergrund stehen". Dies gelte insbesondere für die Kommunalpolitik.
  • Größere Mobilität für Jugendliche: Die Heranwachsenden sollten durch Austauschprogramme insbesondere solche Länder kennenlernen, "in denen sich die Demokratie konsolidiert hat", um von diesen Beispielen zu lernen, heißt es in der Studie: "Je mobiler die Jugendlichen sind, desto mehr Möglichkeiten bieten sich ihnen, Erfahrungen zu sammeln und ihre Werte und Normen mit Altersgenossen in anderen Ländern zu vergleichen."

Es sei dringend an der Zeit, den Entwicklungen in den betroffenen Ländern etwas entgegenzusetzen, sagt Klaus Hurrelmann: "Solange die junge Generation nicht an die positive Entwicklung ihrer Heimatländer glaubt, wird der Wunsch nach Auswanderung weiter steigen und damit der Verlust von engagierten und hochqualifizierten jungen Leuten anhalten."