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Hilfe für Arbeitslose: Als würde das Leben an einem vorbeilaufen

Foto: Silvie Tillard

Arbeitslosigkeit "Einfach so verdammt allein"

Mit niemandem kann Andrea darüber sprechen, wie gelähmt und abgeschnitten sie sich fühlt, seit sie arbeitslos ist. Nur mit dem Seelsorger ihrer Gemeinde. Und der findet klare Worte für sie.

"Wie ein Nichts. So, als würde es mich nicht mehr geben. Als hätte es mich auch früher nicht gegeben." Andrea aus München erzählt, wie sie sich fühlt, seitdem sie Hartz IV bezieht. Diese Gefühle, sagt Andrea, könne sie mit niemandem besprechen, mit keinem Freund, keiner Freundin, mit keinem aus der Familie.

Diese Gefühle könne sie nur mit einem einzigen Menschen teilen: mit Mike Gallen, ihrem Arbeitslosenseelsorger. Pfarrheim St. Benedikt, Schrenkstraße, München. Es ist ein milder Herbsttag, die Sonne scheint durch das Fenster eines Gruppenraums. An einem Tisch sitzt Andrea, 50, schlank, blonder Pferdeschwanz, ein mädchenhafter Typ.

Neben ihr sitzen Michele, ein Mann, der ebenfalls Hartz IV empfängt, und Mike Gallen -Pastoralreferent der Gemeinde und offizieller Arbeitslosenseelsorger.

"Arbeitende Menschen haben Angst vor Arbeitslosigkeit"

Andrea war Producerin bei einem TV-Sender in München, vor sieben Jahren erlitt sie einen Burn-out, konnte beim Fernsehen nicht weiterarbeiten. Familiäre Probleme pegelten ihren Erschöpfungszustand hoch. Andrea brach zusammen. Ein Arzt diagnostizierte neben Burn-out eine posttraumatische Belastungsstörung, erklärte sie für arbeitsunfähig, verschrieb eine Therapie.

Seitdem sie Hartz IV bezieht, fühlt sich Andrea "wie gelähmt", auf Fotos will sie sich nicht zeigen, aber nicht aus Scham. "Sondern weil ich mir noch eine Restnormalität erhalten will", sagt sie. "Denn wer das weiß mit dem Hartz IV, von dem werde ich nicht mehr wie ein Mensch behandelt." Jobcenter-Angestellten sähen in ihr nur eine "Bittstellerin, eine Nummer, die verwaltet wird" und behandelten sie auch so. Immobilienmakler wendeten sich bei Wohnungsanfragen ab. Bei früheren Freunden verspürt sie eine "Asymmetrie zwischen uns", die vorher nicht da war.

Dann diese Angst: diese diffuse, fürchterliche Angst, die sie überfällt, wenn sie Briefe vom Jobcenter im Briefkasten findet, wohlwissend, dass das Standardbriefe sind, klar. "Aber auch Standardbriefe kann man menschenwürdig verfassen, und diese Briefe lesen sich nicht, als hätte sie ein Mensch verfasst. Und in der Regel bestehen sie aus einer Aneinanderreihung von Sanktionen."

Schrecklich ist für Andrea auch das Gefühl des Abgeschnittenseins. Wenn sie mit einem Becher Kaffee in der Hand am Küchenfenster steht und die hin- und hereilenden Menschen auf der Straße sieht, ist es, als würde das Leben an ihr vorbeilaufen. Um sie herum die Stille der Wohnung, das Gefühl, alles Wichtige auf dieser Welt passiere woanders, nur nicht bei ihr. "Meine Freunde arbeiten, arbeitende Menschen haben Angst vor Arbeitslosigkeit", sagt Andrea, "irgendwann habe ich verstanden, dass ich da nicht auf offene Ohren stoße." Deshalb ging sie zu Gallen.

Arbeitslosenseelsorger Mike Gallen

Arbeitslosenseelsorger Mike Gallen

Foto: Silvie Tillard

Gallen, 61, Brille, strubbelige graue Locken, ist kein Typ, der Frust mit aufgesetzt geistlicher Güte quittiert. Der gebürtige Neuseeländer, der vor 38 Jahren nach Deutschland übersiedelte, zitiert lieber Goethe. "Die Bestimmung des Menschen ist das Tätigsein" lautet einer seiner geliebten Aphorismen. Er habe sich schon immer von Menschen angezogen gefühlt, "die am Rande des Lebens stehen, weil sie dann keine Maske mehr tragen und unmittelbare Begegnungen möglich machen".

Arbeitslose stünden am Rande der Gesellschaft, Arbeitslose bräuchten eine eigene Seelsorge. "Weil sie eines der größten Stigmata unserer Leistungsgesellschaft erleben", sagt Gallen, "und weil sie einfach so verdammt allein sind. Sie erleben eine völlig andere Wirklichkeit im Vergleich zu der, die die Menschen aus der tragenden 'Mitte der Gesellschaft' erleben."

2001 setzte er deshalb die volle Stelle als Arbeitslosenseelsorger durch und bietet Gesprächskreise an. "Die Menschen sollen sich austauschen und unterstützen, die Gesprächskreise sollen auch eine Börse sein, um einen Begleitpartner für Amtsgänge zu finden", sagt Gallen. Die Scheu vor diesen Gesprächskreisen indes ist groß. Im September 2016 waren in München 42.058 Menschen arbeitslos gemeldet; Gallen betreut zurzeit gerade mal rund 300 Betroffene, die meisten sind Hartz-IV-Empfänger.

Wer einmal da war, kommt aber wieder. Denn bei Gallen darf man auch schimpfen, Wut auf die Welt, auf das System rauslassen. "Mike holt mich da ab, wo ich bin", sagt Andrea. Seit ein paar Monaten ist sie wieder arbeitsfähig, bemüht sich um eine Weiterbildung als Drehbuchautorin.

Resignation ist ihr anzumerken, gleichzeitig strahlt sie aber auch Kampfeslust aus. Die Melodie ihrer Stimme geht zum Ende eines Satzes immer leicht nach oben, was ihren Sätzen etwas Fragendes gibt, sie redet leise, aber bestimmt, klemmt sich beim Sprechen energisch ihre Haare hinters Ohr.

Sie wird nicht aufgeben.