Berliner Konzern-Uni Am Tropf der Unternehmen

Die Managerschule ESMT sucht ihren Weg in die erste Liga der Business Schools. Doch die 25 beteiligten Großunternehmen unterstützen sie nur halbherzig, die Finanzlage scheint prekär. Jetzt startet die ESMT ein MBA-Programm, auf das "die Welt wartet". Es ist vor allem eines: teuer.

Von Bärbel Schwertfeger


Wenn Derek F. Abell über die Managerschule der Konzerne spricht, gerät er schnell ins Schwärmen. Ganz anders als die anderen Business Schools werde sie sein, weltweit einzigartig mit dem Schwerpunkt auf Europa und Technologie. Seinen "Blick von der Brücke" findet der Kapitän der European School of Management and Technology (ESMT) "aufregend". Und so verkündete er letzte Woche bei der Vorstellung des neuen MBA-Studiengangs feurig: "Die Welt wartet auf unser Vollzeitprogramm."

ESMT-Hauptsitz: Das Berliner Staatsratsgebäude
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ESMT-Hauptsitz: Das Berliner Staatsratsgebäude

Anfang Januar 2006 soll es starten und den 30 bis 50 Teilnehmern in den ersten sieben Monaten Management-Grundwissen vermitteln, im letzten Teil den Schliff für künftige Führungsaufgaben. Büffeln wie in einem Boot-Camp müssten sie, betont Abell. Zwei Unternehmensprojekte sollen den Bezug zur Praxis sichern. Obendrein bekommt jeder Student einen Firmenmentor.

Fundamental neu ist das nicht; ähnliche Inhalte bieten auch etliche andere Business Schools in ihren Studiengängen mit dem Abschluss Master of Business Administration (MBA). Bemerkenswert am ESMT-Programm ist der Preis: 50.000 Euro für ein Jahr. Da sind die 25 angekündigten Firmenstipendien bitter nötig. Zum Vergleich: Selbst am INSEAD, einer der weltweiten Topschulen, zahlt man mit 43.500 Euro deutlich weniger. Die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung (WHU) Vallendar verlangt für ihr neues Vollzeitprogramm 35.000 Euro, die renommierte Uni St. Gallen 2006 sogar nur 30.000.

Die ESMT ist als Managerschule "mit globalem Anspruch und einem europäischen Geist" angetreten und will möglichst schnell in die Champions League. Noch steht sie allerdings am Anfang und ist in der Welt nahezu unbekannt. Klingende Namen könnten das ändern - Professoren der Spitzenklasse mit vielfältigen internationale Erfahrungen und Unternehmenspraxis. Doch mit ihrer Fakultät, dem Herzstück jeder guten Business School, kann die ESMT bisher kaum punkten.

Stiller Boykott der Unternehmen

Für ein Vollzeitprogramm seien mindestens 20 Vollzeitprofessoren nötig, erklärte ESMT-Präsident Abell noch im Oktober 2003. Nun tun es auch weniger: Gestartet wird mit zehn Vollzeit-Dozenten, darunter sechs Professoren - inklusive Abell und Dekan Wulff Plinke. Die drei neuen Professoren kommen aus Ungarn, Mexiko und Russland; einer von ihnen muss erst noch seine Promotion beenden. Bisher haben sie allerdings nur eine Absichtserklärung unterschrieben - er sei eben schlecht bei der Ausarbeitung deutscher Verträge, erklärte Abell letzte Woche nonchalant in München.

Zu den sechs Professoren kommen vier "Faculty Professionals", Berater mit Unternehmenserfahrung. Internationales Flair sollen zudem sieben Mitglieder der "Adjunct Faculty" sowie weitere Lehrbeauftragte bringen.

Gibt sich optimistisch: Derek F. Abell
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Gibt sich optimistisch: Derek F. Abell

Ob das reicht, um MBA-Kandidaten aus aller Welt zu überzeugen, ist fraglich. Die ESMT bleibt auf die Unterstützung deutscher Konzerne angewiesen, die ihre Mitarbeiter zur Weiterbildung entsenden sollen. Die Liste der 25 Gründerunternehmen ist eindrucksvoll: Dabei sind zum Beispiel Allianz, BMW, Bosch, DaimlerChrysler, Deutsche Telekom, E.ON, KMPG, Lufthansa, McKinsey, Münchener Rück, SAP und Siemens.

Doch die Konzerne zwicken Zweifel an der ESMT - man scheint den stillen Boykott zu üben. Seit 2002 haben rund 750 Führungskräfte Programme an der ESMT durchlaufen, die damit nicht auf ihre Kosten kommt. In seinem "President's Report", der SPIEGEL ONLINE vorliegt, fand Derek F. Abell im Dezember deutliche Worte: Zwei Drittel der Sponsoren seien "praktisch inaktiv", beklagte er sich über nur "halbherzige Unterstützung". Die Initiative für eine internationale Managementschule der ersten Liga sei eine einzigartige Chance - daran dürfe man nicht "herumfummeln".

"Die Sache wird ein Erfolg"

Abell verlangte von den Unternehmenspitzen ein klares Bekenntnis zur ESMT. In seinem Bericht räumte er ein, dass die Ausstrahlung des Markenzeichens ESMT "noch schwach" sei und Marketing wie Pressearbeit viele Wünsche offen ließen.

An vollmundigen Ankündigungen fehlte es der Managerschule nie. Ein "deutsches Harvard" sollte sie werden, "eine der bedeutendsten Lehr- und Forschungseinrichtungen auf dem Kontinent". "Das Engagement der deutschen Wirtschaft garantiert, dass die Sache ein Erfolg wird", erklärte Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von ThyssenKrupp, 2002.

Indes stand das ehrgeizige Projekt von Beginn an unter einem schlechten Stern. Mindestens 100 Millionen Euro Stiftungskapital wollte man einsammeln, die Elite-Uni dann aus den Kapitalerträgen sowie aus Studiengebühren finanzieren. Experten wie Hans N. Weiler nannten das unrealistisch. Der langjährige Stanford-Professor und ehemalige Rektor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder rechnete den Wirtschaftsbossen vor, selbst die kleine und arme Viadrina habe ein Jahresbudget von 18 Millionen Euro. Da seien Zinserträge von bestenfalls fünf Millionen viel zu mager.

Die nächste Panne bei der Gründung im Oktober 2002: Für das Prestigeprojekt hatte das Land Berlin das frühere Staatsratsgebäude zur Verfügung gestellt - eine schmucke Immobilie. Doch das Geld für die Renovierung fehlte, man musste es erst über weitere Firmenspenden und einen Immobilienfonds zusammenstottern.

Konkurrenz mit funkelnden Namen

Im Mai 2003 wurde der Münchner Campus als weiterer Standort eröffnet, im Oktober 2003 gab der Berliner Senat der ESMT die staatliche Anerkennung als wissenschaftliche Hochschule. Dann wurde es seltsam still um das "Harvard an der Spree" - bis zur Ankündigung des Vollzeitprogramms.

MBA-Experten reagieren verblüfft und zweifeln, ob ein Vollzeitstudium in die Bildungslandschaft passt. Denn welches Firma will ihre High Potentials schon nach zwei bis vier Jahren Berufserfahrung für ein Jahr freistellen und dabei auch noch finanzieren? "Es gibt in Deutschland noch keinen Binnenmarkt für ein Vollzeitprogramm", sagt Hans J. Tümmers, früherer Leiter der Stuttgarter MBA-Schule SIMT, "da muss man Teilnehmer aus dem Ausland rekrutieren." Das aber sei langwierig, aufwendig, teuer.

Zudem nutzen Absolventen von Vollzeitprogrammen die Weiterbildung häufig für einen Karrierewechsel. Günther Goth von der Siemens AG ficht das nicht an. "Wenn ein Mitarbeiter weiter seine Bezüge erhält, kommt er auch zurück", glaubt der Personalmanager, der große Stücke auf die Managerschule hält: "Die ESMT ist ein Leuchtturm für den Wirtschaftsstandort Deutschland." Künftig würden Manager aus aller Welt nach Deutschland kommen - wegen der Weiterbildung mit europäischem Format.

Doch die Namen der internationalen Konkurrenz funkeln hell. Selbst deutsche Hochschulen haben erheblich aufgerüstet. So gründeten die Universitäten Mannheim und Frankfurt am Main eigene Business Schools und holten sich MBA-Expertise durch hochkarätige ausländische Partnerschulen. Vor allem Frankfurt trumpft mit Unterstützung durch Unternehmen auf, darunter auch ESMT-Sponsoren: Die Deutsche Bank finanziert fünf Studienplätze für ihre Mitarbeiter im neuen Executive-MBA mit der Duke University. KPMG sponsert zwei Teilnehmer und startet zudem ein firmeninternes Masterprogramm mit der Uni Frankfurt.

Beträchtliche Verluste

Die Angst vor einem Gesichtsverlust hindert die Unternehmen bislang daran, sich aus dem Berliner Prestigeprojekt zurückzuziehen. Manche befürchten indes, dass die ESMT zum Millionengrab wird. Denn die finanzielle Lage scheint prekär: Bei den offenen Managementprogrammen kamen 2004 statt der geplanten vier Millionen nur 700.000 Euro in die Kasse, wie Abells Bericht an den Aufsichtsrat zeigt. Insgesamt habe der Verlust aus dem operativen Geschäft bei etwa 1,5 Millionen Euro gelegen.

Für 2005 rechnet Abell laut Report mit einem so genannten "cash burn", dem Nettoverbrauch an eigenen Barmitteln, von 5,8 Millionen Euro. Ab 2006 müsse der Betrag sinken, um möglichst 2008 den geplanten "breakeven" zu erreichen - das hält Abell ohne deutliche stärkere Unterstützung der Firmen für "unwahrscheinlich". Falls die Unternehmen nicht mitspielen, müsse sich der Aufsichtsrat schon jetzt nach alternativen Finanzquellen umsehen.

Erste Hilfe gab es möglicherweise schon 2004. So soll die Hypovereinsbank ihren zugesagten Beitrag von fünf Millionen Euro zum Stiftungskapital nicht an die Stiftung, sondern an die ESMT GmbH gezahlt und somit der Schule statt dem Stiftungskapital in voller Höhe zur Verfügung gestellt haben.



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