Berliner Managerschule ESMT Vom Tiger zum Bettvorleger

Kanzlerin Angela Merkel hat heute in Berlin die ESMT als Managerschmiede von 25 Großkonzernen eröffnet. Ein "deutsches Harvard" sollte die Schule werden. Nach Fehlstart und bemerkenswerter Pannenserie wollen Wirtschaftskapitäne das Projekt zur Chefsache machen.

Von Bärbel Schwertfeger


Kurz vor der Eröffnung ihres Hauptsitzes gelang es der European School of Management and Technology (ESMT) gerade noch, ihr erstes akademisches Programm an den Start zu schieben. Seit einem Monat büffeln 30 Studenten im früheren Staatsratsgebäude der DDR, das für über 35 Millionen Euro umgebaut wurde, für ihren MBA. Heute wurde die Zentrale der Managerschule feierlich eingeweiht - von der Bundeskanzlerin höchstselbst.

Bei der Eröffnungsfeier sagte Angela Merkel wenig über die ESMT, sprach mehr über kurzfristiges Profitdenken deutscher Unternehmen und auch über Architektur und Geschichte der schmucken Immobilie, die einst die "Schaltstelle der sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaft" gewesen sei. Nach der Wende diente sie erst Helmut Kohl, dann Gerhard Schröder als provisorischer Sitz in Berlin. Und nun ist eine Managementschmiede dort eingezogen. "Eine bessere Symbiose aus ostdeutscher planwirtschaftlicher Vergangenheit und marktwirtschaftlicher Zukunft kann man sich kaum vorstellen", so Merkel.

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Wirtschaftsschule ESMT: "Harvard an der Spree"

Noch ist die ESMT von einer Business School mit hoher akademischer Reputation weit entfernt. ESMT-Präsident Derek Abell gelang es nicht, renommierte Professoren zu gewinnen. Gerade mal vier gehören neben dem Präsidenten, Dekan und MBA-Direktor zur akademischen Fakultät. Hinzu kommen Mitarbeiter der "adjunct faculty", deren akademische Heimat und damit auch ihre Forschungsaktivitäten anderswo liegen.

Abell räumt bald seinen Chefposten. Als neuer Kapitän ab 1. September ist Lars-Hendrik Röller im Gespräch, derzeit Chefvolkswirt der EU-Kommission in Brüssel. Unterschrieben hat er noch nicht, sagte aber bei der Eröffnung: "Ich würde mich freuen, diese Aufgabe zu übernehmen." "Wir sind in intensiven Berufungsverhandlungen, die bereits in weit fortgeschrittenen Zustand sind", bestätigte auch Gerhard Cromme, Vorsitzender des Aufsichtsrates.

"Point of no return"

Den eigentlichen Coup hatte Henning Schulte-Noelle als letzter Redner der Eröffnung parat. "Die Zeichen stehen auf einen Generationswechsel bei der Führung der ESMT-Stiftung", sagt der bisherige Stiftungsvorsitzende und ehemalige Allianz-Vorstandsvorsitzende. Stimmt das Kuratorium zu, so rücken zum 1. März lauter Hochkaräter aus den Chefetagen in den ESMT-Stiftungsvorstand: Josef Ackermann (Deutsche Bank), Wulf Bernotat (E.on), Michael Diekmann (Allianz), Dieter Zetsche (DaimlerChrysler) sowie Klaus Kleinfeld (Siemens). "Damit ist der Point of no Return erreicht", sagt ein Personalvorstand, der nicht genannt werden will - bei dem hochkarätigen Gremium sei ein Scheitern der ESMT nicht mehr möglich, zur Not werde eben Geld nachgeschossen.

Die ESMT wird also Chefsache: Sterben verboten, nachdem die Managerschule eine furiose Pannenserie hingelegt hatte. Einst hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Als 2002 bekannt wurde, dass 25 deutsche Großunternehmen und Verbände mit einem Stiftungskapital von 80 Millionen eine eigene Managerschule aufbauen wollen, war die Resonanz durchaus positiv - schließlich ist Deutschland bei der MBA-Ausbildung Entwicklungsland. Als "deutsches Harvard" sollte die ESMT mit einer neuen und einzigartigen Ausrichtung brillieren und weltweit renommierten Managerschulen Paroli bieten.

Die ESMT sprang als Tiger und landete als Bettvorleger. Es gab immer neue Probleme - bei Finanzierung und Personal, bei Programmen und Kommunikation, bis zu peinlichen Informationsblockaden: "Wir sagen nichts, wir kommentieren nichts, es ist uns egal, was die Medien schreiben", hieß es dann. Inzwischen ist die Business School beim fünften Pressesprecher angelangt. Und zu sehen ist von den großen Plänen bislang nur eine überdimensionierte Hülle für einen Seminaranbieter mit drei Standorten und rund 80 Mitarbeitern.

Die neue Kaderschmiede der Konzerne macht kaum mehr als das Universitätsseminar der Wirtschaft (USW) Schloss Gracht, das in der ESMT aufging: Sie bietet offene und firmeninterne Managementweiterbildung an. Doch das Geschäft läuft alles andere als rund. Bereits Ende 2004 klagte Präsident Abell bitter über das fehlende Engagement der Sponsor-Unternehmen vor allem bei den offenen Seminaren. So hatte man statt der erhofften vier Millionen Euro 2004 hier nur 700.000 Euro eingenommen.

Was wird aus dem Campus München?

Die Geldsorgen scheinen keineswegs ausgestanden. Mit Zahlen hat die ESMT so ihre Probleme, auch mit den Teilnehmerzahlen. Schon 2004 gab es ein Verwirrspiel: Erst wurden 529 Teilnehmer bei den offenen Programmen genannt, dann nur noch 280. Und so ging es flott weiter. 2005 seien es 593 Teilnehmer, hieß es am 2. November. Am 8. Dezember wurde die Zahl auf 485 korrigiert, am 15. Dezember schrumpfte sie auf 380 - ziemlich verwirrend. Insgesamt, also inklusive der gut laufenden firmeninternen Seminare, wird für 2005 ein Umsatz von über sechs Millionen Euro angegeben, eine Million mehr als im Vorjahr.

Neben dem Berliner Hauptsitz muss die ESMT zwei weitere Standorte unterhalten - Schloss Gracht bei Köln und den Münchner Campus. Die Räume, die der Freistaat Bayern dort mietfrei bereitstellte, stehen Insidern zufolge meist leer. Weil 2006 bisherige EU-Fördergelder wegfallen, gilt die Schließung als wahrscheinlich - was ESMT-Dekan Wulff Plinke vehement bestreitet: "Wir brauchen München zur Profilgewinnung im Bereich von Technologie und Management."

Ein Papier zur strategischen Neuausrichtung empfiehlt erhebliche Kostensenkungen durch Aufgabe mindestens eines Standortes und deutlichen Personalabbau. Das Papier legten McKinsey und die Boston Consulting Group - beide gehören zu den Sponsorfirmen - im Dezember 2005 einigen Mitgliedern des Aufsichtsrates vor: Danach soll die ESMT Abstand nehmen vom Anspruch einer akademisch anspruchsvollen Topschule und sich mehr zur externen "Corporate University für die Unternehmen" entwickeln.

Bisher liefen die Berater mit ihrem Rettungsversuch auf. "Wir arbeiten mit den Beratern an einer Schärfung unseres Profils und der Verbesserung unserer Wirtschaftlichkeit", sagt dazu Dekan Plinke; die ESMT bleibe aber eine wissenschaftliche Hochschule.

50.000 Euro Studiengebühren pro Jahr

Dort sieht man möglicherweise gar kein Problem, weil man sich längst im Kreis der Topschulen wähnt. So verkündete Präsident Abell bei der Vorstellung des neuen MBA-Programms im April 2005: "Die Welt wartet auf unseren Vollzeit-MBA." Wer aber soll an einer völlig unbekannten Schule ohne renommierte Professoren und ohne die für MBA-Programme relevante internationale Akkreditierung studieren? Und das auch noch bei Studiengebühren von jährlich 50.000 Euro, also mehr als an vielen echten Topschulen? Die Bewerbungen tröpfelten nur langsam ein, obwohl die Zulassungskriterien eher lau waren: ein erster Studienabschluss, mindestens drei Jahre Berufserfahrung und um die 600 Punkte im Graduate Management Admission Test (GMAT).

Am Ende kamen 30 Teilnehmer zusammen, laut ESMT durchschnittlich 30 Jahre alt und mit sieben Jahren Berufserfahrung. 20 Prozent sind Deutsche, weitere 20 Prozent Inder. Sponsorfirmen schickten acht Studenten und übernahmen auch die Studiengebühren in voller Höhe. Beteiligt haben sich EADS, ThyssenKrupp, SAP, DaimlerChrysler, KPMG, Bosch und die Allianz.

Für die übrigen 22 Studenten standen 1,5 Millionen Euro an Stipendien zur Verfügung, die aber nicht komplett verbraucht wurden. "Das ist unsere Manövriermasse für den nächsten Studiengang", so Plinke. Es gebe ein Basisstipendium von 20.000 Euro, weitere Stipendien seien nach Kriterien wie Leistung, akademischen und beruflichen Erfolgen sowie Führungserfahrungen vergeben worden, erklärt die Pressesprecherin.

Die großzügige finanzielle Unterstützung dürfte manchen Studenten beflügelt haben, ein MBA-Studium an einer international unbekannten Schule aufzunehmen. Ein ESMT-Student erzählte der "Welt": "Es wird Zeit, dass Deutschland endlich ein richtiges MBA-Programm auf die Beine stellt." Mit dem deutschen MBA-Markt kann er sich kaum auseinandergesetzt haben - respektable MBA-Programme gibt es längst. Gerade die Unis Mannheim und Frankfurt legten in den letzten Jahren einen beachtlichen Spurt hin und erhielten als erste staatliche deutsche Hochschulen die begehrten internationalen Akkreditierungen. Pikant daran: Als Kuratoriumsvorsitzender macht sich Rolf-E. Breuer, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, für das Frankfurter Programm stark - er ist aber auch einer der vier Gründerväter der ESMT.



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