Beruf Leichenpräparator "Mit Lebenden hatte ich es nicht so"

Clemens Haug

2. Teil: "Es gibt schon Menschen, die krass aussehen, wenn sie verstorben sind"


Frage: Wusstest du schon während deiner Schulzeit, dass du in die Pathologie gehen willst?

Stefanie: Ursprünglich wollte ich Rechtsmedizinerin werden. Ich habe mich dann aber gegen das Medizinstudium entschieden. Da hätte ich als Ärztin im OP lebende Menschen operieren müssen. Das wollte ich nicht, denn ich hätte große Angst gehabt, dass mir dabei ein Mensch unter den Händen wegstirbt. Dann sollen die Menschen lieber vorher schon tot sein. Ich weiß, das klingt ein wenig makaber. Aber ich war mir sicher: Selbst wenn jemand schon sehr schwer verletzt in den OP kommt und ich ihm dann trotzdem nicht helfen kann, es also nicht meine Schuld wäre, würde ich mit dem Tod des Patienten nicht klarkommen. Bei meiner jetzigen Arbeit kann ich wenigstens den Angehörigen helfen.

Frage: Wie denn das?

Stefanie: Wir schneiden ja nicht nur Tote auf. Viele Verkehrsunfälle verstümmeln die Opfer. Wir rekonstruieren sie wieder so, dass die Angehörigen sich den Verstorbenen ansehen können. So ist für sie eine Verabschiedung am offenen Sarg möglich, was für die Trauerbewältigung sehr wichtig ist. Sie sehen: Okay, der Angehörige oder Freund ist wirklich tot. Das klingt zwar merkwürdig, aber hat man nur den geschlossenen Sarg vor sich, denkt man, der Tote könnte darin liegen, aber auch nicht.

Frage: Das hört sich so an, als ob dir das selbst schon einmal passiert ist.

Stefanie: Meine Tante ist durch einen Autounfall verunglückt und sie wurde nicht mehr präpariert. Stattdessen wurde der Sarg geschlossen. Ich hatte sie vorher zwei Jahre nicht mehr gesehen, deswegen konnte ich mich schon nicht mehr richtig an sie erinnern. Für mich hat es sich lange so angefühlt, als ob sie nicht in diesem Sarg lag.

Frage: Entwickelt man eine andere Einstellung gegenüber dem Körper, wenn man viele tote Menschen aufgeschnitten hat?

Stefanie: Na ja, es gibt schon Menschen, die krass aussehen, wenn sie verstorben sind. Leute, die eine Fettleber oder eine Leberzirrhose entwickelt haben oder Alkoholiker, die von Kopf bis Fuß gelb sind. Als ich das gesehen habe, hab ich mir gesagt, so willst du nicht enden. So sollen meine Angehörigen mich nicht sehen, wenn ich tot bin. Ich versuche mich einigermaßen gesund zu ernähren und nicht nur Fast Food in mich reinzuschaufeln. Wenn Leute richtig dick sind, wird auch das Sezieren wesentlich schwieriger. Wiegen die zum Beispiel über 100 Kilo, brauche ich die Hilfe von mehreren Leuten, um die Leiche auf den Sektionstisch zu bekommen. Dann lieber einmal weniger zu McDonald's und einmal etwas Gesundes mit Gemüse essen.

Frage: Wenn man bei der Sektion eines Verstorbenen Organerkrankungen findet, die vorher kein Arzt entdeckt hatte - bekommt man dann nicht manchmal Angst, dass es einem selbst so gehen könnte?

Stefanie: Das ist wahrscheinlich nicht nur ein Problem von Pathologen und Präparatoren. Da gibt es ja immer wieder das Beispiel von Medizinern, die gerade etwas über eine bestimmte Krankheit lernen und plötzlich selbst alle Symptome haben. Das ist, wie wenn man über Läuse redet - plötzlich fängt es überall am Kopf zu krabbeln und zu jucken an. Aber das kann sich durch die längere Praxis auch umkehren. Ich weiß jetzt zum Beispiel, wie sich ein Brustkrebs anfühlt. Den kann ich sehr schnell ertasten. Dadurch weiß ich aber auch, dass ich das nicht habe.

Frage: Als Nichtmediziner weiß ich vergleichweise wenig über meinen Körper und wundere mich oft über ihn. Dann denke ich mir, wie geheimnisvoll das Leben doch ist. Wenn man bei einer Obduktion dabei ist und sieht, wie die "Maschine" Mensch funktioniert, entzaubert das dann den Körper?

Stefanie: Nein, im Gegenteil. Bei mir ist durch den Beruf die Faszination für Anatomie immer größer geworden. Zum Beispiel hab ich gelernt, dass eine Leber nachwachsen kann. Man kann ein Stück des Organs wegoperieren und es wächst eins zu eins so nach, wie es vorher war.

Frage: Gab es etwas, das dir in dieser Ausbildung schwergefallen ist?

Stefanie: Ja. Die richtige Haltung gegenüber den Angehörigen finden. Die Menschen haben unterschiedliche Arten, ihre Trauer auszudrücken. Manche sind ruhig, fast still. Andere werden sehr wütend und dann ist man plötzlich der Blitzableiter. Trotzdem muss man ruhig bleiben und lernen, ihnen zu erklären, was als nächstes passiert. Viele Angehörige sind zu dem Zeitpunkt, wo sie hier sind, so mitgenommen, dass sie kaum darüber nachdenken können, worum sie sich alles kümmern müssen. In der Schule lernen wir nicht, wie wir mit dieser Situation umgehen können. Das habe ich erst hier im Praktikum erlebt.

Das Interview führte Clemens Haug



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
faustjucken_tk 13.10.2010
1. ...
Eine erstaunlich aufgeklärte und geerdete junge Frau. Sie klingt vernünftiger als die meisten Menschen, die ich kenne. Komisch, bei dem Beruf. Oder vielleicht gerade deshalb?
Vakju 13.10.2010
2. schlecht informiert?
"als Ärztin muss sie lebende aufschneiden" das stimmt doch garnich, sie hätte ja auch Pathologin werden können und Studenten operieren nicht....
falk_ 13.10.2010
3. sie hat schon recht
studenten müssen schon mit in den op und mithelfen, spätestens zum praktischen jahr (das letzte studienjahr) müssen sie 4 monate in der chirurgie arbeiten, meist haben sie da schon früher pflichtpraktika. auch wenn sie einfacherer dinge machen, können sie dennoch schaden anrichten. ausserdem ist es unschön, wenn jemand im op stirbt, auch wenn man "nur mitgeholfen" hat dort und nicht hauptverantworticher war. ich denke aber, dass es ihr gar nicht darum geht, sondern es geht darum, dass sie lebendigen menschen schaden zufügen kann, indem sie fehler macht, und das kann natürlich auch einem studenten passieren, die sind ja auch am patienten dran, und das ist in jeder fachrichtung so, bei der menschen lebendig sind, nicht nur chirurgen sehen ihre patienten sterben. ihre tote sind ja schon tot, da hat sie weniger angst. kann ich nachvollziehen.
mundi 14.10.2010
4. Risikofrei
Es gibt in diesem Beruf kaum Versicherungsklagen über Kunstfehler. Man kann frei experimentieren und zwischendurch eine Kaffeepause machen. Die "echten" Chirurgen tragen traditionell Handschuhe, um am Tatort keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Sonstige DNS-Spuren verhindert man durch Masken und wetterfeste Kleidung
ecce homo 14.10.2010
5. Ein wenig unglücklich
Ein wenig unglücklich scheint mir die Fotostrecke links unten neben dem Artikel platziert zu sein. ;)
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