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13. Oktober 2010, 14:43 Uhr

Beruf Leichenpräparator

"Mit Lebenden hatte ich es nicht so"

Sie wollte nicht in den OP, weil sie fürchtete, jemand könnte ihr unter den Händen sterben. Jetzt schneidet Stefanie Eberhard als auszubildende Präparatorin Leichen auf oder flickt sie wieder zusammen. Warum sie die Arbeit mit Toten fasziniert, erklärt sie im jetzt.de-Interview.

Frage: Stefanie, du lässt dich zur medizinischen Präparatorin ausbilden. Wann hast du zum ersten Mal in deinem Leben eine Leiche gesehen?

Stefanie: Da müsste ich eben kurz zurückrechnen. Ich glaube, da war ich 16 und hab ein Praktikum in der Pathologie gemacht.

Frage: Wie war das für dich?

Stefanie: Ganz normal. Ich hatte keine Hemmungen davor. Man weiß halt, da ist einer tot. Trotzdem ist er immer noch ein Mensch.

Frage: Die erste Sektion hat dich keinerlei Überwindung gekostet?

Stefanie: Nein. Ich hatte mich vorher ja informiert, in welchen Beruf ich da gehen würde, deswegen wusste ich, was auf mich zukommt. Es sind Menschen, die vor einem liegen und die man aufschneiden muss. Ich hatte auch gelesen, dass man mit den Gerüchen fertigwerden muss. Wenn eine Leiche ein paar Tage alt ist, dann kann sie ziemlich extrem riechen. Manchmal reicht auch schon ein Tag. Zum Beispiel im Sommer, wenn ein Toter in einer geschlossenen Wohnung lag.

Frage: Solche Leichen hattest du auch schon vor dir auf dem Sektionstisch liegen?

Stefanie: Ja. Ich musste aber noch nie während einer Sektion den Saal verlassen, weil mir dabei übel geworden wäre. Das kann aber auch daran liegen, dass ich auf einem Bauernhof groß geworden bin. Da haben wir selbst geschlachtet und Wurst gemacht. Dabei habe ich Blut gerührt. Dadurch kannte ich diesen Geruch schon.

Frage: Wie bist du auf den Berufswunsch Präparatorin gekommen?

Stefanie: Mich hat vor allem die menschliche Anatomie interessiert. Ich habe vorher eine Menge Praktika gemacht, unter anderem als Augenoptikerin, als Kameraassistentin, in einem Kindergarten, in einem Altenheim und in einem Krankenhaus. Dabei hab ich festgestellt, dass ich schon gerne mit Menschen arbeite. Nur mit den Lebenden hatte ich es nicht so, mich hat der Tod mehr interessiert. Vielleicht auch, weil man in der Pathologie der medizinischen Forschung weiterhelfen kann.

Frage: Hast du dafür ein Beispiel?

Stefanie: Als die ersten Chemotherapien durchgeführt wurden, hat Oberpräparator Alfred Riepertinger, mein Chef hier, bei vielen Obduktionen präparatorisch mitgearbeitet. Dabei hat er festgestellt, wie aggressiv die Therapeutika waren und welche Schäden sie angerichtet haben. Diese Erkenntnisse haben letztlich den Pharmaunternehmen dabei geholfen, bessere Medikamente zu entwickeln. Wenn Patienten an Krebs sterben, können wir bei der Sektion genau sehen, was angegriffen wurde und wie die Krankheit verlaufen ist. Dadurch können wir helfen, die Therapien zu verbessern.

Frage: War es schwierig, den Ausbildungsplatz zur Präparatorin zu bekommen?

Stefanie: Ja, sehr. Ich hätte am liebsten direkt nach meinem Realschulabschluss damit angefangen. Das durfte ich aber nicht, weil man für die Ausbildung 18 Jahre alt sein muss. Also habe ich an der Fachoberschule Fachabitur gemacht. Dann habe ich mich beworben, in Bochum und Berlin, den beiden einzigen Ausbildungseinrichtungen für medizinische Präparatoren in Deutschland, aber beide haben mich abgelehnt. Also habe ich ein Bioinformatikstudium angefangen und mich wieder beworben. Und dann noch mal und noch mal. Irgendwann hat es endlich geklappt.

Frage: Es gibt wohl eine große Konkurrenz um die Ausbildungsstellen?

Stefanie: Schon allein bei meiner Schule in Bochum bewerben sich jedes Jahr etwa 200 Leute auf die zehn Plätze, die es dort für medizinische Präparatoren gibt. Dementsprechend streng sind die Auswahlkriterien. Es werden nur Leute genommen, die schon mal ein Praktikum gemacht und eine Leiche gesehen haben. Nur so kann die Schule sicher sein, dass die Neuanfänger das mitbringen, worauf es ankommt. Ich würde sagen, dass man sich dazu mit dem Tod auseinandergesetzt haben muss. Und nach der Arbeit sollte man abschalten können.

Frage: Wenn so viele Leute die Ausbildung machen wollen, muss der Beruf schon was Besonderes sein. Was macht ihn so reizvoll?

Stefanie: Ich würde sagen, es ist die große Abwechslung, die man dabei hat. Ich kann in der Anatomie, der Pathologie oder der Rechtsmedizin arbeiten. Ich kann mich aber auch auf bestimmte Präpariermethoden verlegen, wie die Plastination, mit der Gunther von Hagens und seine Körperwelten-Ausstellung berühmt geworden sind. Oder ich werde Restauratorin und pflege und repariere alte Präparate. Und obwohl sich der Beruf um den Tod dreht, hat man ständig mit sehr vielen Menschen zu tun - mit Kollegen, mit Zivildienstleistenden, Angehörigen, Bestattern und Ärzten, die ihre Diagnosen überprüfen wollen. Pathologie ist auch eine Art Qualitätskontrolle für die Medizin.

"Es gibt schon Menschen, die krass aussehen, wenn sie verstorben sind"

Frage: Wusstest du schon während deiner Schulzeit, dass du in die Pathologie gehen willst?

Stefanie: Ursprünglich wollte ich Rechtsmedizinerin werden. Ich habe mich dann aber gegen das Medizinstudium entschieden. Da hätte ich als Ärztin im OP lebende Menschen operieren müssen. Das wollte ich nicht, denn ich hätte große Angst gehabt, dass mir dabei ein Mensch unter den Händen wegstirbt. Dann sollen die Menschen lieber vorher schon tot sein. Ich weiß, das klingt ein wenig makaber. Aber ich war mir sicher: Selbst wenn jemand schon sehr schwer verletzt in den OP kommt und ich ihm dann trotzdem nicht helfen kann, es also nicht meine Schuld wäre, würde ich mit dem Tod des Patienten nicht klarkommen. Bei meiner jetzigen Arbeit kann ich wenigstens den Angehörigen helfen.

Frage: Wie denn das?

Stefanie: Wir schneiden ja nicht nur Tote auf. Viele Verkehrsunfälle verstümmeln die Opfer. Wir rekonstruieren sie wieder so, dass die Angehörigen sich den Verstorbenen ansehen können. So ist für sie eine Verabschiedung am offenen Sarg möglich, was für die Trauerbewältigung sehr wichtig ist. Sie sehen: Okay, der Angehörige oder Freund ist wirklich tot. Das klingt zwar merkwürdig, aber hat man nur den geschlossenen Sarg vor sich, denkt man, der Tote könnte darin liegen, aber auch nicht.

Frage: Das hört sich so an, als ob dir das selbst schon einmal passiert ist.

Stefanie: Meine Tante ist durch einen Autounfall verunglückt und sie wurde nicht mehr präpariert. Stattdessen wurde der Sarg geschlossen. Ich hatte sie vorher zwei Jahre nicht mehr gesehen, deswegen konnte ich mich schon nicht mehr richtig an sie erinnern. Für mich hat es sich lange so angefühlt, als ob sie nicht in diesem Sarg lag.

Frage: Entwickelt man eine andere Einstellung gegenüber dem Körper, wenn man viele tote Menschen aufgeschnitten hat?

Stefanie: Na ja, es gibt schon Menschen, die krass aussehen, wenn sie verstorben sind. Leute, die eine Fettleber oder eine Leberzirrhose entwickelt haben oder Alkoholiker, die von Kopf bis Fuß gelb sind. Als ich das gesehen habe, hab ich mir gesagt, so willst du nicht enden. So sollen meine Angehörigen mich nicht sehen, wenn ich tot bin. Ich versuche mich einigermaßen gesund zu ernähren und nicht nur Fast Food in mich reinzuschaufeln. Wenn Leute richtig dick sind, wird auch das Sezieren wesentlich schwieriger. Wiegen die zum Beispiel über 100 Kilo, brauche ich die Hilfe von mehreren Leuten, um die Leiche auf den Sektionstisch zu bekommen. Dann lieber einmal weniger zu McDonald's und einmal etwas Gesundes mit Gemüse essen.

Frage: Wenn man bei der Sektion eines Verstorbenen Organerkrankungen findet, die vorher kein Arzt entdeckt hatte - bekommt man dann nicht manchmal Angst, dass es einem selbst so gehen könnte?

Stefanie: Das ist wahrscheinlich nicht nur ein Problem von Pathologen und Präparatoren. Da gibt es ja immer wieder das Beispiel von Medizinern, die gerade etwas über eine bestimmte Krankheit lernen und plötzlich selbst alle Symptome haben. Das ist, wie wenn man über Läuse redet - plötzlich fängt es überall am Kopf zu krabbeln und zu jucken an. Aber das kann sich durch die längere Praxis auch umkehren. Ich weiß jetzt zum Beispiel, wie sich ein Brustkrebs anfühlt. Den kann ich sehr schnell ertasten. Dadurch weiß ich aber auch, dass ich das nicht habe.

Frage: Als Nichtmediziner weiß ich vergleichweise wenig über meinen Körper und wundere mich oft über ihn. Dann denke ich mir, wie geheimnisvoll das Leben doch ist. Wenn man bei einer Obduktion dabei ist und sieht, wie die "Maschine" Mensch funktioniert, entzaubert das dann den Körper?

Stefanie: Nein, im Gegenteil. Bei mir ist durch den Beruf die Faszination für Anatomie immer größer geworden. Zum Beispiel hab ich gelernt, dass eine Leber nachwachsen kann. Man kann ein Stück des Organs wegoperieren und es wächst eins zu eins so nach, wie es vorher war.

Frage: Gab es etwas, das dir in dieser Ausbildung schwergefallen ist?

Stefanie: Ja. Die richtige Haltung gegenüber den Angehörigen finden. Die Menschen haben unterschiedliche Arten, ihre Trauer auszudrücken. Manche sind ruhig, fast still. Andere werden sehr wütend und dann ist man plötzlich der Blitzableiter. Trotzdem muss man ruhig bleiben und lernen, ihnen zu erklären, was als nächstes passiert. Viele Angehörige sind zu dem Zeitpunkt, wo sie hier sind, so mitgenommen, dass sie kaum darüber nachdenken können, worum sie sich alles kümmern müssen. In der Schule lernen wir nicht, wie wir mit dieser Situation umgehen können. Das habe ich erst hier im Praktikum erlebt.

Das Interview führte Clemens Haug

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