Beruf Leichenpräparator "Mit Lebenden hatte ich es nicht so"

Sie wollte nicht in den OP, weil sie fürchtete, jemand könnte ihr unter den Händen sterben. Jetzt schneidet Stefanie Eberhard als auszubildende Präparatorin Leichen auf oder flickt sie wieder zusammen. Warum sie die Arbeit mit Toten fasziniert, erklärt sie im jetzt.de-Interview.

Clemens Haug

Frage: Stefanie, du lässt dich zur medizinischen Präparatorin ausbilden. Wann hast du zum ersten Mal in deinem Leben eine Leiche gesehen?

Stefanie: Da müsste ich eben kurz zurückrechnen. Ich glaube, da war ich 16 und hab ein Praktikum in der Pathologie gemacht.

Frage: Wie war das für dich?

Stefanie: Ganz normal. Ich hatte keine Hemmungen davor. Man weiß halt, da ist einer tot. Trotzdem ist er immer noch ein Mensch.

Frage: Die erste Sektion hat dich keinerlei Überwindung gekostet?

Stefanie: Nein. Ich hatte mich vorher ja informiert, in welchen Beruf ich da gehen würde, deswegen wusste ich, was auf mich zukommt. Es sind Menschen, die vor einem liegen und die man aufschneiden muss. Ich hatte auch gelesen, dass man mit den Gerüchen fertigwerden muss. Wenn eine Leiche ein paar Tage alt ist, dann kann sie ziemlich extrem riechen. Manchmal reicht auch schon ein Tag. Zum Beispiel im Sommer, wenn ein Toter in einer geschlossenen Wohnung lag.

Frage: Solche Leichen hattest du auch schon vor dir auf dem Sektionstisch liegen?

Stefanie: Ja. Ich musste aber noch nie während einer Sektion den Saal verlassen, weil mir dabei übel geworden wäre. Das kann aber auch daran liegen, dass ich auf einem Bauernhof groß geworden bin. Da haben wir selbst geschlachtet und Wurst gemacht. Dabei habe ich Blut gerührt. Dadurch kannte ich diesen Geruch schon.

Frage: Wie bist du auf den Berufswunsch Präparatorin gekommen?

Stefanie: Mich hat vor allem die menschliche Anatomie interessiert. Ich habe vorher eine Menge Praktika gemacht, unter anderem als Augenoptikerin, als Kameraassistentin, in einem Kindergarten, in einem Altenheim und in einem Krankenhaus. Dabei hab ich festgestellt, dass ich schon gerne mit Menschen arbeite. Nur mit den Lebenden hatte ich es nicht so, mich hat der Tod mehr interessiert. Vielleicht auch, weil man in der Pathologie der medizinischen Forschung weiterhelfen kann.

Frage: Hast du dafür ein Beispiel?

Stefanie: Als die ersten Chemotherapien durchgeführt wurden, hat Oberpräparator Alfred Riepertinger, mein Chef hier, bei vielen Obduktionen präparatorisch mitgearbeitet. Dabei hat er festgestellt, wie aggressiv die Therapeutika waren und welche Schäden sie angerichtet haben. Diese Erkenntnisse haben letztlich den Pharmaunternehmen dabei geholfen, bessere Medikamente zu entwickeln. Wenn Patienten an Krebs sterben, können wir bei der Sektion genau sehen, was angegriffen wurde und wie die Krankheit verlaufen ist. Dadurch können wir helfen, die Therapien zu verbessern.

Frage: War es schwierig, den Ausbildungsplatz zur Präparatorin zu bekommen?

Stefanie: Ja, sehr. Ich hätte am liebsten direkt nach meinem Realschulabschluss damit angefangen. Das durfte ich aber nicht, weil man für die Ausbildung 18 Jahre alt sein muss. Also habe ich an der Fachoberschule Fachabitur gemacht. Dann habe ich mich beworben, in Bochum und Berlin, den beiden einzigen Ausbildungseinrichtungen für medizinische Präparatoren in Deutschland, aber beide haben mich abgelehnt. Also habe ich ein Bioinformatikstudium angefangen und mich wieder beworben. Und dann noch mal und noch mal. Irgendwann hat es endlich geklappt.

Frage: Es gibt wohl eine große Konkurrenz um die Ausbildungsstellen?

Stefanie: Schon allein bei meiner Schule in Bochum bewerben sich jedes Jahr etwa 200 Leute auf die zehn Plätze, die es dort für medizinische Präparatoren gibt. Dementsprechend streng sind die Auswahlkriterien. Es werden nur Leute genommen, die schon mal ein Praktikum gemacht und eine Leiche gesehen haben. Nur so kann die Schule sicher sein, dass die Neuanfänger das mitbringen, worauf es ankommt. Ich würde sagen, dass man sich dazu mit dem Tod auseinandergesetzt haben muss. Und nach der Arbeit sollte man abschalten können.

Frage: Wenn so viele Leute die Ausbildung machen wollen, muss der Beruf schon was Besonderes sein. Was macht ihn so reizvoll?

Stefanie: Ich würde sagen, es ist die große Abwechslung, die man dabei hat. Ich kann in der Anatomie, der Pathologie oder der Rechtsmedizin arbeiten. Ich kann mich aber auch auf bestimmte Präpariermethoden verlegen, wie die Plastination, mit der Gunther von Hagens und seine Körperwelten-Ausstellung berühmt geworden sind. Oder ich werde Restauratorin und pflege und repariere alte Präparate. Und obwohl sich der Beruf um den Tod dreht, hat man ständig mit sehr vielen Menschen zu tun - mit Kollegen, mit Zivildienstleistenden, Angehörigen, Bestattern und Ärzten, die ihre Diagnosen überprüfen wollen. Pathologie ist auch eine Art Qualitätskontrolle für die Medizin.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
faustjucken_tk 13.10.2010
1. ...
Eine erstaunlich aufgeklärte und geerdete junge Frau. Sie klingt vernünftiger als die meisten Menschen, die ich kenne. Komisch, bei dem Beruf. Oder vielleicht gerade deshalb?
Vakju 13.10.2010
2. schlecht informiert?
"als Ärztin muss sie lebende aufschneiden" das stimmt doch garnich, sie hätte ja auch Pathologin werden können und Studenten operieren nicht....
falk_ 13.10.2010
3. sie hat schon recht
studenten müssen schon mit in den op und mithelfen, spätestens zum praktischen jahr (das letzte studienjahr) müssen sie 4 monate in der chirurgie arbeiten, meist haben sie da schon früher pflichtpraktika. auch wenn sie einfacherer dinge machen, können sie dennoch schaden anrichten. ausserdem ist es unschön, wenn jemand im op stirbt, auch wenn man "nur mitgeholfen" hat dort und nicht hauptverantworticher war. ich denke aber, dass es ihr gar nicht darum geht, sondern es geht darum, dass sie lebendigen menschen schaden zufügen kann, indem sie fehler macht, und das kann natürlich auch einem studenten passieren, die sind ja auch am patienten dran, und das ist in jeder fachrichtung so, bei der menschen lebendig sind, nicht nur chirurgen sehen ihre patienten sterben. ihre tote sind ja schon tot, da hat sie weniger angst. kann ich nachvollziehen.
mundi 14.10.2010
4. Risikofrei
Es gibt in diesem Beruf kaum Versicherungsklagen über Kunstfehler. Man kann frei experimentieren und zwischendurch eine Kaffeepause machen. Die "echten" Chirurgen tragen traditionell Handschuhe, um am Tatort keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Sonstige DNS-Spuren verhindert man durch Masken und wetterfeste Kleidung
ecce homo 14.10.2010
5. Ein wenig unglücklich
Ein wenig unglücklich scheint mir die Fotostrecke links unten neben dem Artikel platziert zu sein. ;)
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