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03. Mai 2017, 18:04 Uhr

Berufliche Weiterbildung

Kurse außer Kontrolle

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Die Arbeitsagentur gibt jährlich Milliarden für berufliche Weiterbildungen aus. Doch was ist, wenn die Kurse nichts taugen? Ein Beispiel aus Sachsen.

Abed Hemidi*, 27, Kieferchirurg aus Syrien, hat fünf Monate auf diesen Kurs gewartet. Er fährt jeden Morgen eineinhalb Stunden zur Genovia Akademie für Biotechnologie/Medizin im sächsischen Zwenkau, und nachmittags ebenso lang zurück. Er tut das für einen Kurs, der ihn darauf vorbereiten soll, in Deutschland als Zahnarzt zu arbeiten.

Die Arbeitsagentur übernimmt die Kosten, fast 6500 Euro für ein halbes Jahr. Insgesamt zwölf zugewanderte Mediziner haben einen Vertrag unterschrieben, der ihnen theoretischen Unterricht täglich von 9.00 bis 15:30 Uhr zusichert, in Fachsprache und in medizinischen Fächern.

Doch Hemidi ist nicht zufrieden. Sein Fazit nach knapp zwei Monaten: "Der Kurs ist echt sinnlos." Er würde ihn gern abbrechen. "Aber dann bekomme ich Ärger mit dem Jobcenter."

Auch andere Teilnehmer klagen, dass sie täglich mindestens eine Stunde Unterricht zu wenig erhalten, dass kein einziger Dozent eine medizinische Ausbildung habe, dass fachspezifische Inhalte etwa in Zahnerhaltung und Kinderzahnheilkunde, wie es die Kursbeschreibung verspricht, gar nicht drankämen.

Marcus Herzberg, offizieller Ansprechpartner der Akademie für das Kursprogramm, weist einige der Vorwürfe zurück. Zehn Prozent der Unterrichtszeit sei offiziell als "Selbststudium" deklariert, sagt er. Gleichzeitig räumt er Versäumnisse ein, zum Beispiel bei der Kursbeschreibung. "Die Fehler wollen wir abstellen", sagt er.

Was passiert mit Beschwerden?

Der Fall zeigt zwei Schwachstellen der Branche auf. Erstens: Niemand hat einen Überblick darüber, was konkret passiert, wenn sich Arbeitslose über schlechte Kurse beschweren - und ob Beschwerden zu Konsequenzen führen.

Zweitens: Es ist sehr schwer, von außen zu beurteilen, welche Qualität ein Kurs hat. "Darüber gibt es keine zentral zugänglichen Informationen", sagt Esther Winther, Leiterin des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung.

Im vergangenen Jahr bekamen 289.000 Menschen, darunter Arbeitslose und Flüchtlinge, einen Bildungsgutschein ausgestellt, um eine Maßnahme zur beruflichen Weiterbildung zu besuchen. Fast 2,8 Milliarden Euro kostete das den Staat, inklusive Arbeitslosengeld in dieser Zeit.

Die Bildungsgutscheine gelten nur für Träger und Maßnahmen, die ein Zertifikat gemäß der Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung, kurz AZAV, tragen.

Die Qualität der Kurse wird, mindestens in der Theorie, fortwährend sorgfältig überwacht. Doch das System ist aufgebläht - und es drängt sich der Eindruck auf, dass darin Beschwerden leicht verpuffen, weil es niemanden gibt, der für sie federführend zuständig ist.

Die zugelassenen Kurse sind im Portal "Kursnet" der Arbeitsagentur aufgelistet. Wie viele es seien, werte man nicht aus, heißt es in der Zentrale.

Das System ist komplex - aber ist es auch praxistauglich?

Zurück nach Zwenkau zu den Zahnmedizinern: Hier hat die Qualitätskontrolle nur schleppend funktioniert. Der zuständige Maßnahmenbetreuer habe erst aus einer Mail von SPIEGEL ONLINE am 12. April erfahren, dass es Beschwerden über den Weiterbildungskurs gebe, sagt der Sprecher der örtlichen Arbeitsagentur in Oschatz, Volkmar Beier.

Einer der Teilnehmer will sich allerdings schon Ende März bei seiner BA-Sachbearbeiterin beklagt haben. Seinen Namen will er hier lieber nicht lesen. Kurse für zugewanderte Zahnärzte sind rar, die Teilnehmer kommen unter anderem aus Leipzig, Husum und Magdeburg.

Auch der Fachkundigen Stelle, in diesem Fall Firma TQCert in Kassel, liegen keine Beschwerden vor. Der Kurs sei erst Ende Januar regulär überprüft worden, sagt eine Mitarbeiterin von TQCert. "Dabei haben wir keine Mängel festgestellt."

Im Rahmen des jährlichen Audits hätten die Teilnehmer auch einen Feedbackbogen ausgefüllt, sagt Meyerhoff. Von verkürzten Unterrichtszeiten oder schlecht qualifizierten Dozenten habe darin niemand berichtet. Allerdings ist fraglich, ob alle Teilnehmer einen solchen Bogen bekommen haben. Mindestens einer verneint das.

Sprachunterricht statt Fachunterricht

SPIEGEL ONLINE gegenüber äußerten sich mehrere Teilnehmer frustriert über die Inhalte des Kurses. Er werde auf Flyern und im Internet als "Vorbereitungskurs: Gleichwertigkeitsprüfung für Zahnärzte" beworben, die man bestehen muss, damit der Abschluss aus dem Ausland anerkannt wird. Aber der Kurs bereite auf diese Prüfung gar nicht vor - sondern nur auf eine allgemeine Sprachprüfung für Mediziner.

"Vielleicht haben wir nicht deutlich gesagt, was wir machen und wie wir es machen", räumt der zuständige Kursbetreuer Herzberg ein. Die 6,69 Euro, die er pro Stunde und Teilnehmer erhalte, reichten nicht aus, um medizinisches Fachpersonal einzustellen.

Das Problem ist bekannt, auch bei der Bildungsgewerkschaft GEW: "Dozenten werden in dem Bereich so schlecht bezahlt, dass die Qualität der Kurse auf der Strecke bleibt", sagt Ansgar Klinger, Leiter des Bereichs Berufliche Bildung und Weiterbildung.

Am vergangenen Dienstag besuchten vier Mitarbeiter der örtlichen Arbeitsagentur und des Prüfdienstes die Akademie. Sie hatten sich einen Tag vorher angekündigt. Laut einem Teilnehmer hängte die Akademieleitung daraufhin noch schnell einen Kummerkasten auf und verteilte Bewertungsbögen.

Die Prüfer hätten jedoch bald festgestellt, dass in dem Kurs nicht alles rund laufe, erzählt eine Dozentin. "Da kann man ja auch das Geld zum Fenster herauswerfen", habe einer der Prüfer gesagt.

Wie geht es jetzt weiter?

In den kommenden Wochen sollen die FKS und die DAkkS einen Prüfbericht erhalten, sagt BA-Sprecher Beier in Oschatz. Daraufhin könnte die FKS der Maßnahme oder dem Bildungsträger theoretisch die Zulassung entziehen. Das ist aber wohl eher unwahrscheinlich, denn das passiert ausgesprochen selten.

Eine der größten FKS, die Firma Certqua, betreut aktuell rund 20.000 Kurse. In den vergangenen Jahren habe man etwa 80 Trägern und noch weniger einzelnen Maßnahmen die Zulassung entzogen, sagt der Geschäftsführer. Die meisten Einrichtungen schafften es, die Mängel rechtzeitig zu beheben.

Auch TQCert, die für den Kurs in Zwenkau zuständige FKS, ist zurückhaltend damit, Zulassungen zu entziehen. Dann würden die Kursteilnehmer "auf der Straße" stehen, heißt es dort.

Die Arbeitsagenturen selbst können keine Zulassung entziehen. Sie können nicht einmal ein mangelhaftes Angebot aus dem Portal Kursnet löschen, solange es noch zugelassen ist.

"Teilweise unsinnige Maßnahmen"

Die örtlichen Arbeitsagenturen können allerdings in eigener Regie entscheiden, ob sie für die Maßnahme nicht länger zahlen. Die Träger bekommen die Kursgebühren in der Regel monatlich überwiesen. "Rückforderungen von Lehrgangskosten sind möglich", sagt Vollgold, Sprecher der Arbeitsagenturen in Sachsen.

Allerdings: "Von solch einem Fall habe ich noch nie gehört", sagt Corinna Kieser vom Bundesverband der Träger berufliche Bildung.

Möglicherweise haben viele Akteure im System auch ein Interesse daran, dass selbiges möglichst ungestört funktioniert. "Statt auf Qualität in der Weiterbildung zu setzen, werden Arbeitslose in teilweise unsinnige Maßnahmen gesteckt, um die Statistik zu bereinigen", sagt Klinger von der GEW.

In Zwenkau ist schon der nächste Kurs geplant, er soll noch diesen Monat beginnen. Zwei künftige Teilnehmer hätten sich die Akademie bereits angeschaut, erzählt Hemidi. "Wir haben ihnen gesagt: Noch könnt ihr umdrehen!" Sie hätten geantwortet: Das Jobcenter zahlt, sie hätten nichts zu verlieren.

*Name geändert

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