Berufsanfänger Hilfe, ich habe einen Job

Von Steffen Eggebrecht

2. Teil: Jule*, 28, Account-Mangerin - "Wir verpfeifen uns nicht"


Frustriert im Job: Jule koordiniert bei einem Übersetzungsdienst die Arbeit von 30 freien Mitarbeitern. Sie hat Politik und Skandinavistik auf Magister studiert.
Michael Schultz

Frustriert im Job: Jule koordiniert bei einem Übersetzungsdienst die Arbeit von 30 freien Mitarbeitern. Sie hat Politik und Skandinavistik auf Magister studiert.

"An vielen Tagen arbeite ich bis zu zwölf Stunden, 50 Stunden pro Woche im Büro sind nicht selten, teilweise muss ich noch am Wochenende ran. Bezahlt kriege ich die Mehrarbeit nicht, Abbummeln erlauben meine Chefs auch nicht.

Den Beruf habe ich vor zwei Jahren nicht unbedingt freiwillig gewählt. Mir war aber bewusst, dass ich einen Traumjob nicht gleich nach dem Abschluss ergattern werde. An meiner jetzigen Firma reizte mich, dass es ein junges Unternehmen ist. Weil man in fast allen Bereichen mitarbeitet, lernt man mehr und kann schnell aufsteigen, wenn es gut läuft, so meine Gedanken beim Einstieg.

Inzwischen hält sich meine Motivation in Grenzen. In der jetzigen Position fühle ich mich einerseits wohl, andererseits aber auch oft überfordert. Nicht weil ich zu blöd für den Job wäre, sondern weil ich zu viel auf einmal tun muss.

Während andere Abteilungen neue Stellen bekamen, durfte ich immer nur Praktikanten einarbeiten. Bei Großprojekten verliere ich manchmal einfach den Überblick. Beim aktuellen Auftrag muss ich rund 30 freie Mitarbeiter koordinieren, die für uns Übersetzungen machen. Dieser Job geht aber gerade den Bach runter, weil die Freien die Fristen nicht einhalten.

Eine gesunde Portion Sarkasmus hilft

Mein Glück ist, dass brenzlige Situationen meist unbemerkt bleibt. Meine Chefs interessiert das nicht sonderlich, oder sie bekommen es gar nicht erst mit. Ich arbeite recht eigenständig, außerdem verpfeifen wir uns untereinander nicht.

Das schlimmste Gefühl ist oft die Ohnmacht. Ich bin völlig von den freien Mitarbeitern abhängig - wenn sie schlecht arbeiten oder unpünktlich liefern, bin ich die Dumme. Verständlicherweise sind am Ende die Kunden stocksauer, was wiederum ich abkriege.

Ich stehe zwischen den Fronten, den Kunden muss ich beruhigen und die freien Mitarbeiter in die Mangel nehmen. Gegenüber dem Stress bin ich aber inzwischen abgestumpft. Natürlich geht nicht alles schief. Es gibt auch gute Momente, wenn Kunden mal ein Lob aussprechen. Das passiert aber äußerst selten.

Ende des letzten Jahres habe ich beschlossen, noch etwas abzuwarten, vielleicht geht das Konzept des Unternehmens tatsächlich auf. Mittlerweile schaue ich mich aber nach einer neuen Stelle um. Zum Ausgleich für all den Stress habe ich mit Yoga angefangen und mir eine gesunde Portion Sarkasmus zugelegt. Das nützt mir sicher auch im nächsten Job."

insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
Moridin 29.06.2010
1. Titellos
Aus dem Artikel: ---Zitat--- In meinem aktuellen Job als Softwareentwickler habe ich endlich das Gefühl, etwas von Wert zu schaffen und Anerkennung dafür zu erhalten. Die Ergebnisse meiner Arbeit werden eingesetzt, darauf bin ich stolz." ---Zitatende--- Wegen dieser elenden (nur gefühlten?) Sinnlosigkeit habe ich mein Studium abgebrochen und eine Ausbildung begonnen. Heute geht es mir so wie im Zitat ausgesagt. Ich will nie wieder zurück in eine Bildungsinstitution - für einige war das die schönste Zeit des Lebens, für mich jedenfalls nicht. Wenn jemand nach seiner Ausbildung auch noch ein Studium absolvieren will, finde ich das sehr bewundernswert.
Parzival v. d. Dräuen 29.06.2010
2. Wie jetzt?
Zitat von sysopHektik, Frust, alles neu, Chaos im Kopf - fast jeder zweite Uniabsolvent startet holprig in den Beruf. Denn das Studium bereitet kaum auf den Joballtag vor. Drei Berufseinsteiger erzählen von Stress, Therapiewünschen und einer Notausstiegs-Option. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,700152,00.html
Ich dachte bisher, die haben alle im Schnitt zwanzig Praktika hinter sich. Da kann die neue Firma doch nicht mehr so bedrohlich wirken.
Mulharste, 29.06.2010
3. -
Zitat von sysopHektik, Frust, alles neu, Chaos im Kopf - fast jeder zweite Uniabsolvent startet holprig in den Beruf. Denn das Studium bereitet kaum auf den Joballtag vor. Drei Berufseinsteiger erzählen von Stress, Therapiewünschen und einer Notausstiegs-Option. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,700152,00.html
Stress? Überstunden? Arbeit? Ungerechtigkeit? Willkommen im Leben! Da skommt davon, wenn man alles glaubt, was einem in der Werbung erzählt wird, wenn man mit völlig falschen Erwartungen an sich selbst in dne Beruf einsteigt, nach Trends studiert, keine Eier hat und bei IKEA die Einrichtung zusammenstellt. Das kommt davon, wenn man glabut zu irgendeiner Elite zu gehören, oder denkt, 2 Auslandspraktika befähigen zum Erreichen der Weltherrschaft. Nein - liebe Studies - genau so ist es nicht! Kommt endlich im Leben an - wer ne Therapie braucht, weil er arbeiten muß, sollte über seine Lebenseinstellung nachdenken.
john mcclane, 29.06.2010
4.
Zitat von MoridinAus dem Artikel: Wegen dieser elenden (nur gefühlten?) Sinnlosigkeit habe ich mein Studium abgebrochen und eine Ausbildung begonnen. Heute geht es mir so wie im Zitat ausgesagt. Ich will nie wieder zurück in eine Bildungsinstitution - für einige war das die schönste Zeit des Lebens, für mich jedenfalls nicht. Wenn jemand nach seiner Ausbildung auch noch ein Studium absolvieren will, finde ich das sehr bewundernswert.
Das kann ich voll unterschreiben. Immer wenn ich einen reden höre, das die Zeit des Studiums die schönste in seinem Leben war, dann frage ich mich wie beschissen sein vorheriges oder aktuelles Leben wohl sein muß. Jemandem, der bereits eine abgeschlossene Ausbildung und etwas Berufserfahrung hat würde ich in jedem Fall von einem Vollzeit-Präsenzstudium abraten: Eigenständiges Denken ist zumindest im Grundstudium unerwünscht, der Prof hat qua Amt Recht, ein regelmäßiger Geldeingang auf dem Konto findet nicht mehr statt und wenn einen das alles noch nicht geschafft hat, muß man sich mit den Mega-Idioten von der Hochschulverwaltung rumärgern, die in jeder Behörde die Papiere bekommen würden, in der Uni aber den Macker raushängen lassen und die Studenten traktieren dürfen...
autocrator 29.06.2010
5. Universitätsverständnis
Die Bologna-Reformen hätten es bringen sollen, aber der notwendige 2. Schritt der Reform wurde mal wieder nicht getan. Die Universität ist keine Berufsvorbereitungs-Veranstaltung! An einer Uni wird Wissenschaft, Forschung und Lehre betrieben. Auch wenn 90% der Studenten ihr Studium nicht aus Liebe zum Fach und zu Wissen und Forschung betreiben, sondern eben genau das darin sehen: eine Voraussetzung um im Berufsleben Fuß zu fassen: Es ist nicht Aufgabe einer Uni, Leute auf die Berufswelt vorzubereiten. (Allerdings sollten das Arbeitgeber und Personalmanager auch verstehen ...)
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